Cambridge-Professorin in Dorsten: Erinnern an finstere Zeiten

Menschen stehen auf einem Friedhof
Bürgermeister Tobias Stockhoff, Dr. Gilly Carr und Martin Köcher, Leiter des Stadtarchivs (v.l.), besuchen den Friedhof von St. Agatha, auf dem auch Brian Skipton, James Waters und Florence Manning beerdigt worden sind. © Stadt Dorsten
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Mitte März schrieb Dr. Gilly Carr eine E-Mail an Stadtarchivar Martin Köcher. Das Anliegen der Engländerin: Sie würde gerne Dorsten besuchen und mehr über die Lagerbauten unweit der Schleusenanlage am Wesel-Datteln-Kanal erfahren. Diese waren 1935 fertiggestellt und am 18. Mai 1938 erstmalig belegt worden.

Anfang Juni 1942 wurden dort die ersten Kriegsgefangenen untergebracht. Im selben Jahr wurde das „Offizierslager VI E“ einige Wochen als Internierungslager für wohl etwa 1000 Bewohner der Kanalinseln Guernsey und Jersey genutzt, die britische Staatsangehörige waren. Darunter Angehörige von Gilly Carr, die Vertreterin der Interessengemeinschaft „Guernsey Deportees Association“ ist.

Nun reiste Gilly Carr nach Deutschland und besuchte gemeinsam mit Bürgermeister Tobias Stockhoff und Martin Köcher zunächst den Friedhof von St. Agatha an der Gladbecker Straße. Dort befinden sich die Gräber von Brian Skipton, James Waters und Florence Manning, die während ihres Aufenthalts in Dorsten wohl an einer Lungenentzündung gestorben sind.

Lager für Kriegsgefangene im Zweiten Weltkrieg an der Schleuse in Dorsten
Vor 80 Jahren wurden in den Lagern an der Schleusenanlage die ersten Kriegsgefangenen untergebracht. © Stadt Dorsten

Gilly Carr und Tobias Stockhoff legten Blumen an den Gräbern nieder. Anschließend ging es weiter Richtung Schleusenareal, wo heute kaum noch etwas an die finsteren Zeiten des Zweiten Weltkriegs erinnert. Durch Zufall trafen Carr und Stockhoff auf einen 87-jährigen Dorstener, der in der Gegend aufgewachsen ist und seine Erinnerungen an die Zeit vor 80 Jahren in einem Gespräch teilte.

Wertvolle Informationen gesammelt

Im Stadtarchiv bekam die Besucherin aus England dann noch Einblick in ein Fotoalbum und andere historische Dokumente, ehe sie die Rückreise antrat. „Ich habe das Gefühl, dass ich alles erreicht habe, was ich mir erhofft hatte, als ich nach Dorsten gekommen bin“, wird die Professorin für Archäologie an der Universität Cambridge in einer Mitteilung der Stadt zitiert. „Gemeinsam haben wir der Verstorbenen gedacht, haben uns das Lager angesehen und ich konnte noch wertvolle Informationen für mein Buch sammeln.“

Tobias Stockhoff und Martin Köcher sind sich einig, dass die Geschichte der Lagerbauten und der Menschen, die dort untergebracht waren, weiter aufgearbeitet werden soll. „Auch wenn es ein schwieriges und trauriges Thema ist, muss die Erinnerung an die Deportierten und die im Lager Verstorbenen aufrechterhalten werden“, sagt Martin Köcher.

Bürgermeister Stockhoff dankte Gilly Carr für den Besuch und kündigte an, den Kontakt zu pflegen und gemeinsame Projekte zur Aufarbeitung der Geschichte anzugehen. „Es war ein sehr emotionaler Besuch, der uns alle nachhaltig beschäftigt“, so Stockhoff. „Und wir sind hier durchaus auf ein Stück unserer Stadtgeschichte gestoßen, das bisher im Schatten anderer Ereignisse der Vergangenheit gestanden hat.“