Brutaler Angriff im Karnevals-Suff: „Er hätte tot sein können“

dzAmtsgericht Dorsten

Es begann mit einer Rempelei beim Rosenmontagszug und endete für zwei junge Dorstener im Krankenhaus und für einen vor Gericht. Am Ende hatten alle Glück – sogar der Angeklagte.

Dorsten, Raesfeld

, 05.12.2019, 04:45 Uhr / Lesedauer: 2 min

Vor dem Dorstener Schöffengericht war ein 21-jähriger Dorstener wegen gefährlicher Körperverletzung angeklagt. Mit der Faust ins Gesicht und mit einer Flasche Jägermeister auf den Hinterkopf soll er zwei 18-Jährige beim Rosenmontagszug in Raesfeld geschlagen haben, so die Anklage.

Zwar war die Erinnerung des Angeklagten stark durch Alkohol eingetrübt. Doch die Taten räumte er unumwunden ein. „Nicht absichtlich“ habe man sich gegenseitig angerempelt. Gegenseitige Beleidigungen folgten. „Dann bin ich hin und habe zugeschlagen.“

„War der Umzug da schon vorbei?“, fragte Richterin Lisa Hinkers. „Keine Ahnung. Ich war nur zum Trinken da“, so der Angeklagte. Jägermeister und Tequila habe er intus gehabt. Jetzt trinke er aber nicht mehr. Auch vorher habe er eher selten Alkohol getrunken. „Ich war meistens der Fahrer.“

„Er hätte tot sein können.“

„Wären Sie mal Fahrer geblieben“, so die Richterin - und holte zum Plädoyer gegen den Alkohol aus: „Wenn es keinen Alkohol gäbe, dann hätten wir deutlich weniger zu tun. Wenn die Menge stimmt, dann tut jeder hier im Saal etwas, was ihm am nächsten Tag leidtut.“ Nur wegen des Alkoholkonsums sei die Auseinandersetzung wohl überhaupt entstanden und anschließend derart eskaliert.

Auch die Opfer hatten ordentlich getankt. So konnte sich einer der beiden an den Faustschlag gar nicht mehr erinnern. Etwas mehr konnte das zweite Opfer beitragen. Mit einem Tritt in Hüfthöhe habe der Angeklagte auf die Rempelei reagiert - und seinem Kumpel dann ansatzlos gegen die Schläfe geschlagen. Daraufhin habe er eine leere Plastikflasche in Richtung des Angeklagten geworfen - und kurz darauf einen dumpfen Schlag auf den Hinterkopf gespürt.

Eine Narbe auf seinem Hinterkopf zeugt von dem Angriff mit der Flasche. Sein Kumpel musste an der Augenbraue genäht werden. Für beide hätte es auch wesentlich schlimmer ausgehen können, betonte die Richterin. „Das mit der Flasche war richtig gefährlich. Er hätte tot sein können.“ „Es tut mir ehrlich leid“, sagte der Angeklagte in Richtung seine Opfer.

Uneinigkeit über Jugendstrafrecht

Strittig blieb die Frage, ob Jugendstrafrecht anzuwenden sei. „Keine Anzeichen für eine Reifeverzögerung“, sah der Jugendgerichtshelfer und empfahl die Anwendung des allgemeinen Strafrechts.

Anders sah dies die Staatsanwältin. Gerade der übertriebene Alkoholkonsum sei durchaus jugendtypisch. In ihrem Plädoyer forderte sie vier Wochen Jugendarrest. Dem schloss sich der Verteidiger an: „Der Dauerarrest ist die übliche Maßnahme und würde ihn treffen. Er ist unheimlich schuldbewusst.“ Das Geständnis habe erhebliches Gewicht und der Angeklagte sei um Wiedergutmachung bemüht. „Ich hoffe, dass es nie wieder passiert“, so der Angeklagte.

Zwei Wochen Jugendarrest

Das Schöffengericht begnügte sich mit zwei Wochen Jugendarrest und der Zahlung von 900 Euro an eine gemeinnützige Organisation. „Es ist richtig, dass sie sitzen müssen, aber zwei Wochen reichen. Sie sollen nur wissen, wie es ist, eingesperrt zu sein“, begründete die Richterin das Urteil.

Zugleich redete sie dem 21-Jährigen ins Gewissen. „Mit weniger Glück hätten sie auch wegen Totschlags hier sitzen können.“ Auch die Entscheidung für das Jugendstrafrecht sei zwiespältig. „Sie dürfen alles wie ein Erwachsener: Wählen, Führerschein machen, eine Wohnung mieten - und schlüpfen dann unter das Jugendstrafrecht.“ Aber es heiße eben: im Zweifel für den Angeklagten. „Und irgendwann macht man solche Späße nicht mehr.“

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