Im Wahlkampf traten Landrat Bodo Klimpel (l.) und Dorstens Bürgermeister Tobias Stockhoff gemeinsam auf Plakaten auf. In ihren Ämtern sind sie regelmäßig verbalen Attacken ausgesetzt, die auch mal unter die Gürtellinie gehen. © Hendrik Griesbach
„Stark im Amt“

Beleidigungen sind Teil des Alltags von Landrat und Bürgermeister

Über die Hälfte aller Bürgermeister ist schon beleidigt, bedroht oder tätlich angegriffen worden. Landrat Bodo Klimpel und Dorstens Bürgermeister Tobias Stockhoff berichten aus ihrem Alltag.

Ein Fünftel aller Bürgermeister bundesweit hat aus Sorge um die eigene Sicherheit oder die der Familie schon über einen Rückzug aus der Politik nachgedacht. Mehr als ein Drittel der betroffenen Bürgermeister (35 Prozent) – in größeren Gemeinden mehr als die Hälfte (57 Prozent) – hat wegen Hass- und Gewalterfahrungen schon einmal Anzeige erstattet.

Es ist auch für Landrat Bodo Klimpel (CDU) „schockierend“, was eine repräsentative Umfrage im Auftrag der Körber-Stiftung ergeben hat. Klimpel ist seit einem halben Jahr „Kreis-Bürgermeister“ in Recklinghausen und mitten in der Corona-Pandemie in das neue Amt gekommen. „Leider scheint es bittere Realität zu sein, dass Personen mit Blick auf den Beruf des Bürgermeisters oder des Landrats aus den Augen verlieren, dass hinter allem ein Mensch steckt.“

Klimpel, der nach eigenen Angaben „noch nie eine physische Bedrohung erlebt“ hat, erinnert sich aus seiner Zeit als Bürgermeister von Haltern am See an zwei Situationen, in denen er sich Anfeindungen gegenübersah. „Sehr überrascht war ich über Beleidigungen und Drohungen im Kontext der Ehrung eines ehemaligen jüdischen Mitbürgers, die ich durchführte. Ich hätte nicht damit gerechnet, dass Antisemitismus in der heutigen Zeit noch ein Thema für Hass und Hetze sein könnte.“ Im zweiten Fall wurden angebliche Wahlplakate von Klimpel im Stadtgebiet aufgehängt, deren Inhalte „größtenteils weit unter die Gürtellinie“ gegangen sei.

„Anfeindungen gegen mich gehen auch an meiner Familie, vor allem meiner Frau und meinen Kindern, nicht spurlos vorbei.“

Landrat Bodo Klimpel

Der Landrat bestätigt, dass „Anfeindungen gegen mich auch an meiner Familie, vor allem meiner Frau und meinen Kindern, nicht spurlos vorbeigehen. Glücklicherweise waren sie aber nie direkt an Mitglieder meiner Familie gerichtet.“

Neues Portal „Stark im Amt“

Anlass für die Befragung der Körber-Stiftung unter 1.641 Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern ist die Freischaltung des Portals „Stark im Amt“ (www.stark-im-amt.de) durch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier gewesen. Es ist die erste Schirmherrschaft des Bundespräsidenten für ein Online-Portal. „Unsere Gesellschaft muss auf die Verrohung reagieren“, wird Steinmeier in einer Mitteilung zitiert.

Das neue Portal bietet Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern, Landrätinnen und Landräten sowie Ratsmitgliedern einen direkten Zugang zu Informationen und Angeboten, um Übergriffen vorzubeugen, aber auch um die Herausforderungen eines Angriffs zu meistern.

Dorstens Bürgermeister hat Regeln definiert

Angriffe, die auch gegen Dorstens Bürgermeister Tobias Stockhoff (CDU) vor allem verbaler Natur waren. Der Ton habe sich nicht erst seit Corona verschärft, sondern sei schon in den letzten Jahren rauer geworden, sagt er. „Ich habe für mein persönliches Facebook- und Instagram-Angebot klare Regeln definiert: Wer dort mit Fake-Profilen oder unvollständigen Namen kommentiert, wer beleidigt oder Fake-News verbreitet, der wird am Ende gesperrt. Das fördert die Menschen, die an einem respektvollen Meinungsaustausch sowie an Informationen interessiert sind. “

Eine physische oder psychische Bedrohungssituation oder Sachbeschädigung hat Stockhoff als Bürgermeister noch nicht erlebt. „Leider sind mir aber Fälle aus dem Rathaus bekannt, wo Kolleginnen und Kollegen solche Bedrohungssituationen erlebt haben. Wir bringen als Stadt solche Umstände konsequent zur Anzeige.“

Auch für Klimpel gehören unangemessene Telefonate, Briefe, Kommentare und Nachrichten in den sozialen Medien „mittlerweile zur Tageordnung“. Weit mehr betroffen seien aber seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, zum Beispiel an den Telefonen der Impfhotline.

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Redaktionsleiter in Dorsten
Veränderungen gab es immer, doch nie waren sie so gravierend. Und nie so spannend. Die Digitalisierung ist für mich auch eine Chance. Meine journalistischen Grundsätze gelten weiterhin, mein Bauchgefühl bleibt wichtig, aber ich weiß nun, ob es mich nicht trügt. Das sagen mir Datenanalysten. Ich berichte also über das, was Menschen wirklich bewegt.
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Stefan Diebäcker
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