Bei 300 km/h im ICE-Führerhaus

DORSTEN Rasanter konnte Reinhold Preuß nicht ins neue Lebensjahr sausen: An seinem 46. Geburtstag genoss der Wulfener das traumhafte Angebot, das er bei unserer Zeitungs-Adventsauktion für 500 Euro ersteigert hatte, in vollen Zügen: Einmal einem ICE-Lokführer bei der Arbeit über die Schulter schauen!

von Von Anke Klapsing-Reich

, 04.07.2008, 10:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

Treffpunkt 9 Uhr an der Zugspitze des ICE T 27 von Dortmund nach Wien-West. Dort wartet schon DB-Mitarbeiter Karl-Josef Bales von der Abteilung Kommunikation auf seine Gäste. Die Laien-Crew rückt in der milchglasigen Kabine hinter dem Chefsessel zusammen.

Grüner Signalkranz

Draußen gibt der grüne Signalkranz die Fahrt frei, der gelb aufblinkende T-Knopf am Schaltpult des Zugfahrers erklärt alle Türen für geschlossen: Lokführer Manfred Schwarz legt den Hebel um und schon rollt der weiße, stupsnasige Lindwurm mit der roten Bauchbinde elegant aus dem Bahnhofsgebäude heraus.

Rote Lichtskalen bauen sich auf, digitale Leuchtziffern blinken, Zeiger klettern und fallen auf dem Tachometer - Lukas, dem Lokomotivführer von Lummerland, würden sicherlich die Knopfaugen aus dem Kopfe fallen, wenn er heute den Führerstand windschnittiger DB-Flitzer beäugen dürfte. "Das ist unser EBULA", tippt Manfred Schwarz auf den Bildschirm "Elektronischer Buchfahrplan und Langsamfahrstellen".

Die Ablösung kommt

Auch über den AFB (Automatische Fahr- und Bremssteuerung) und die LZB (Linienzugbeeinflussung) weiß der Eisenbahnfahrzeugführer ausführlich zu berichten. Im Kölner Hbf hat Manfred Schwarz Feierabend. "Ich bin jetzt fünfeinhalb Stunden am Stück unterwegs - mehr darf ich nicht", grinst der Dortmunder und winkt seiner Ablöse zu.

Die heißt Friedel Marschall und nimmt den Faden problemlos auf: "Ja wussten Sie denn nicht, dass die Bahn den totalen ,AKÜFI´ hat", witzelt der Mainzer und freut sich über die ahnungslosen Mienen seiner Gäste: "Abkürzungsfimmel", prustet er lachend die Lösung heraus.

Die gesellige Frohnatur unterhält die Dorstener während der Fahrt über die romantische linke Rheinstrecke trefflich: "Da wohnt der Gottschalk aus dem Fernsehen", lenkt Marschall hinter Oberwinter den Blick auf ein schmuckes Schlösschen, das hoch oben in den Felsen thront. Anekdoten über rheinische Burgen und launige Geschichten von der Loreley laufen dem Lokführer so schnell über die Lippen wie die ICE-Räder über die Gleise.

Er kennt jedes Kamel am Streckenrand ("Der Zirkus gastiert häufig hier) und natürlich auch den "Schwiegermuttergedenkstein" bei Königswinter, besser als Drachenfels bekannt. Mehr als 160 km/h macht der ICE nicht auf dieser Strecke: "Hier ist es viel zu romantisch, um durch die Gegend zu rasen", kann sich Friedel Marschall auch noch nach 28 Jahren Dienstzeit an der schönen Rheinstrecke freuen.

Auf der Rückfahrt von Frankfurt nach Essen hat die Gemütlichkeit allerdings ein Ende: "300 km/h kriegen wir schon drauf", verspricht Lokführer Stephan Grafe, der bei Dienstantritt noch einmal die Systeme des ICE 3 durchcheckt. Keine zwei Stunden Fahrtzeit benötigt der Zug auf der 2002 eröffneten Schnellfahrstrecke von Frankfurt nach Essen Hbf.

Achterbahnfahrt

"Das ist ja wie Achterbahnfahren im Dunkeln", verdrängt Reinhold Preuß den Gedanken an den knapp drei Kilometer langen Bremsweg. Schwindelfrei sollten die "Bahn-Schumis" schon sein, wenn sie mit 300 km/h in finstere Tunnel rasen. Wie neidisch müssen die Autofahrer auf der A 3 blicken, wenn sie der ICE locker überholt?

"Das muss man einfach einmal erlebt haben", schwärmt Reinhold Preuß, als er wieder in der Nordwestbahn Richtung Dorsten rumpelt. Doch die Rheinstrecke - da sind sich Sohn und Mutter einig - hat ihnen am besten gefallen. "Es war ein tolles Erlebnis und ein wunderschöner Geburtstag", seufzt Reinhold Preuß und wendet seinen Kopf in Gladbeck-Zweckel automatisch zur Preistafel der Tankstelle, die einen rasanten Anstieg von vier Cent anzeigt: 1,53 Euro für 1 Liter Super!

 

  

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