Das Tisa-Archiv entsteht derzeit auf dem ehemaligen Dorstener Zechengelände in dem Ruhrkohle-Gebäude am Fuße des Fördergerüstes. © Guido Bludau
Fürst Leopold

Auf dem Zechengelände in Dorsten ist ein Haus für Tisa entstanden

Leben und Wirken einer bekannten Dorstener Künstlerin, Ordensfrau und Ehrenbürgerin war eng mit dem Bergbau verbunden. Nun hat ihr Nachlass auf der früheren Zeche ein neues Zuhause gefunden.

Die Bauarbeiter haben vor ein paar Tagen die Pflasterarbeiten rund um das Zechengebäude mit der Hausnummer 65 abgeschlossen. Ansonsten aber ist der Außenbereich noch eine matschige Brachfläche. Doch das wird sich ändern. Sogar große repräsentative Schmuckstücke werden im Eingang ihren Platz finden und angestrahlt werden: 2,50 Meter hohe Feuersäulen mit Bergbau-Motiven, die beim großen Steinkohle-Abschied 2018 auf der Schachtanlage Prosper-Haniel in Bottrop viel fotografierter Blickfang waren.

Mit den Kumpeln protestiert

Ein Brückenschlag mit passender Symbolik. Denn nur einen Steinwurf weit entfernt von Nummer 65 hatte die damals 92-jährige Dorstener Künstlerin Tisa von der Schulenburg im Jahr 1997 im flackernden Lichtschein von Feuertonnen vor den Werkstoren mit den Kumpeln von Fürst Leopold gegen die Schließung der Dorstener Zeche protestiert.

Die damaligen Mahnwachen waren vergebens. Doch Tisa, die unter dem Namen Schwester Paula im hiesigen Ursulinenkloster lebte und wirkte, hat sich spätestens mit dieser Solidaritäts-Aktion tief in die Annalen der Dorstener Bergbau-Geschichte eingebrannt. Und da sie sich zeitlebens auch künstlerisch mit der Situation der Bergleute auseinandergesetzt hat, ist auf dem Zechengelände nun ein ganzes Haus für die verstorbene Ehrenbürgerin der Stadt entstanden: das „Tisa-Archiv“.

Ingrid Sommer-Brinkamp (Geschäftsführerin der Tisa-Stiftung), Lambert Lütkenhorst (Vorsitzender) und Michael Sagenschneider (Kuratoriumsmitglied und RAG-Genehmigungsmanagement) im Archivraum.
Im Bild: Ingrid Sommer-Brinkamp (Geschäftsführerin der Tisa-Stiftung), Lambert Lütkenhorst (Vorsitzender) und Michael Sagenschneider (Kuratoriumsmitglied und RAG-Genehmigungsmanagement). © Michael Klein © Michael Klein

Es handelt sich um das im Jahr 2006 errichtete Gebäude der Ruhrkohle-Wasserhaltung im Schatten des benachbarten Fördergerüsts. Nach (Teil-)Verfüllung der beiden Schächte ist Dorsten nur noch ein Sicherungsstandort im neuen RAG-Grubenwasserkonzept.

Bis auf Trafo-Bereiche und einen Mitarbeiter-Raum konnte die Ruhrkohle AG deshalb der Dorstener Tisa-von-der-Schulenburg-Stiftung das Rest-Gebäude zur Verfügung stellen.

Bergaufsicht bleibt

Da es unter Bergaufsicht steht und deshalb umzäunt bleiben muss, wird es nur bestimmten Nutzergruppen und zu bestimmten Besuchszeiten zugänglich sein.

Rund 500 Quadratmeter Nutzfläche, fünf Räume, Büros, Küche, Toilette. Inklusive ein großer Zwischenraum (in dem früher eine Fördermaschine stand) mit hohen Decken und beeindruckendem Blick auf den Förderturm: „Hier sollen Ausstellungen stattfinden“, sagt Ingrid Sommer-Brinkamp, Geschäftsführerin der Stiftung. Mit Werken von Künstlerin Tisa. Oder von den bisherigen Trägern des renommierten Tisa-Preises. Oder von Schüler-Arbeiten.

Denn das Haus soll auch außerschulischer Lernort werden, an dem sich Kinder und Jugendliche mit dem Leben von Tisa und auch mit Bergbau-Themen beschäftigen sollen. Schon in der Vergangenheit förderte die Stiftung Schüler-Projekte, das soll noch ausgeweitet werden. Eine Werkstatt steht dafür zur Verfügung, draußen werden Container aufgestellt, in denen Werkzeug und Material gelagert wird.

In dem großen Zwischenraum mit seinen hohen Decken ist reichlich Platz für Ausstellungen.
In dem großen Zwischenraum mit seinen hohen Decken ist reichlich Platz für Ausstellungen. © Michael Klein © Michael Klein

Eigentliches Herzstück ist aber das Tisa-Archiv. In Regalen, Schränken und Schubladen lagern mehr als 2.500 Grafiken, dazu Reliefarbeiten, auch die Original-Kupferplatten der Werke, die Tisa für den Kreuzweg der Halde Prosper-Haniel erschaffen hat. Dazu viele Skulpturen, zum Teil aus schwerem Metall. Wie beispielsweise die Musikanten, die „Tisa“ im Auftrag der Stadt für die Außenwand des alten Musikschulgebäudes entworfen hatte.

Aus dem Ursulinen-Kelleratelier

Viele der Werke sind aus Tisas altem Keller-Atelier im Ursulinen-Kloster ins neue Tisa-Archiv umgezogen. „Sie bleiben im Besitz der Ursulinen, wurden uns aber vertraglich überlassen“, sagt Stiftungs-Vorsitzender Lambert Lütkenhorst. Auch die Stadt Dorsten und die RAG haben Tisa-Stücke aus ihrem Besitz beigesteuert.

Auch die Original-Kupferplatten für den Tisa-Kreuzweg auf der Prosper-Halde befinden sich im Archiv.
Auch die Original-Kupferplatten für den Tisa-Kreuzweg auf der Prosper-Halde befinden sich im Archiv. © Michael Klein © Michael Klein

Und immer mehr Privatleute kommen auf die Stiftung zu. Unlängst hat die Familie des verstorbenen Bankiers Ludwig Poullain (früher Chef der WestLB und Tisa-Förderer seit seiner Zeit bei der Kreissparkasse Recklinghausen) mehrere Tisa-Kunstwerke übergeben.

Schon immer war es Wunsch der Stiftung, den Nachlass der Ehrenbürgerin auf dem Zechengelände zentral zusammenzubringen. Die Ursprungsidee stammt von Bernd Tönjes, aus Dorsten stammender Vorstandsvorsitzender der RAG-Stiftung, die die Einrichtung des Tisa-Archivs für drei Jahre mit 80.000 Euro pro Jahr für Personal, Sach- und Betriebskosten gefördert hat. Den technischen Umbau des Gebäudes hat die Ruhrkohle übernommen.

Das Kuratorium der Tisa von der Schulenburg-Stiftung bei einem Treffen im Tisa-Archiv (vor der Corona-Zeit). © RAG © RAG

„In keiner anderen Person vereinigen sich Kunst, Bergbau und der Glaube so intensiv wie bei Tisa von der Schulenburg“, sagt Bernd Tönjes: „Wir freuen uns ganz besonders, dass wir der Stiftung nun ein neues Zuhause überreichen können.“

Eröffnung im Sommer

Wegen Verzögerungen (Bauplanungsgründe, Behördenabstimmungen, Corona) kann die eigentlich zum 20. Todestag von Tisa am Montag (8. Februar) angestrebte offizielle Eröffnung noch nicht stattfinden. Sie soll im Sommer nachgeholt werden. Bis dahin dürften auch die restlichen Außenanlagen fertig gestellt sein.

Die Jünglings-Skulptur vor dem Gebäude ist nicht von Tisa und dort nur
Die Jünglings-Skulptur vor dem Gebäude ist nicht von Tisa und dort nur von der RAG „zwischengeparkt“ worden. Sie wird bald wieder abgeholt. © Guido Bludau © Guido Bludau

„Sie werden begrünt und mit Naturmaterialien belegt, wir wollen dabei aber den Industrieflächen-Charme erhalten“, kündigt Michael Sagenschneider (Kuratoriumsmitglied und RAG-Genehmigungsmanagement) an. Die „Dorstener Arbeit“ werde dabei als Partnerin mit ins Boot geholt. Verschwinden wird dann auch die Jünglings-Skulptur vor dem Gebäude, die dort von der RAG „zwischengeparkt“ worden sei.

140 Bewerbungen

Bei der Eröffnung soll gleichzeitig der alle drei Jahre ausgelobte Tisa-Preis überreicht werden – inklusive einer Ausstellung. Nach schleppendem Auftakt seien nun 140 Künstler-Bewerbungen eingegangen, so Stiftungs-Geschäftsführerin Ingrid Sommer-Brinkamp.

Kuratorium und Vorstand der Tisa-von-der-Schulenburg-Stiftung treffen sich aus Anlass des 20. Todestages von Tisa am Montag, 8. Februar, um 15 Uhr zum Gedenken an ihrem Grab auf dem St.-Agatha-Friedhof.

Über den Autor
Redaktion Dorsten
Geboren 1961 in Dorsten. Hier auch aufgewachsen und zur Schule gegangen. Nach erfolgreich abgebrochenem Studium in Münster und Marburg und lang-jährigem Aufenthalt in der Wahlheimat Bochum nach Dorsten zurückgekehrt. Jazz-Fan mit großem Interesse an kulturellen Themen und an der Stadtentwicklung Dorstens.
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Michael Klein

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