Als nach langem Schulstreik in Dorsten die „Gottlosenschule“ entstand

dzSchulgeschichte

Heimatfreund Walter Biermann möchte mit einer Gedenktafel an die Baldurschule erinnern. Sie entstand nach langem Schulstreik für konfessionsfreie Klassen. Hier die spannende Geschichte.

Holsterhausen

, 08.06.2019 / Lesedauer: 4 min

Zwischen Häuserwänden und Gartenzäunen verbindet ein schmaler und mit Zweigen und Blättern überwucherter Fußweg den Söltener Landweg mit der Lilienstraße. „Müsste mal wieder frei geschnitten werden“, sagt Walter Biermann. Denn immerhin führt der Weg zu einem wichtigen, aber nahezu in Vergessenheit geratenen Ort der Dorstener Schulgeschichte. Und bevor sich irgendwann überhaupt kein Dorstener mehr an die besondere Schulform erinnern kann, die hier vor fast 100 Jahren auf heftigen und monatelangen elterlichen Druck eingerichtet wurde, will Walter Biermann jetzt dafür sorgen, dass hier ein Gedenkmal in Form einer Bodenplatte oder einer Geschichtstafel errichtet wird.

Bis vor einigen Jahren war dort ein Spielplatz

Denn auf der Freifläche, die bis vor einigen Jahren als Spielplatz von den Kindern des angrenzenden Wohnviertels genutzt wurde, stand früher die Baldurschule, später auch „Waldschule“ genannt, da sie im Jahre 1921 verschämt hinter dichten Baumreihen errichtet worden war. Der Volksmund fand aber auch noch einen anderen Ausdruck für das Gebäude: „Gottlosenschule“ schimpften die katholischen und evangelischen Bürger die Einrichtung, in der damals vor allem die Kinder von Kommunisten und Sozialdemokraten, aber auch von Zeugen Jehovas und Freidenkern unterrichtet wurden.

Als nach langem Schulstreik in Dorsten die „Gottlosenschule“ entstand

Der Holsterhausener Walter Biermann auf der Freifläche mitten im Wohngebiet, auf der früher die Baldurschule stand. © Michael Klein

§Ich finde es vor allem sehr beeindruckend, dass damals ein langer Schulstreik der Eltern mit der Genehmigung einer eigenen Schule gekrönt wurde“, begründet Walter Biermann, warum er die vor rund 65 Jahren abgerissene Schule wieder ins Bewusstsein der Dorstener rücken will. Biermann ist einer der treibenden Kräfte im Holsterhausener Geschichtskreis, „einige Mitglieder erzählen noch heute von der Schule“.

Ehemaliger Steinmetz hatte immer Angst

Der ehemalige Steinmetz Willi Bertel beispielsweise, so berichtet Biermann, habe als Schüler immer Angst gehabt, weil er auf seinem Schulweg durch Holsterhausen immer wieder von „den Gläubigen“ gejagt worden sei.

Dr. Norbert Reichling, heute Leiter des Jüdischen Museums Westfalen, ist es zu verdanken, dass die spannende Geschichte der freien Baldurschule, die erst aufgrund eines monatelangen Schulstreiks von Eltern gegründet wurde, zu großen Teilen dokumentiert ist. In ausführlichen Beiträgen für den „Vestischen Kalender“ und der „Vestischen Zeitschrift“ arbeitete er in den späten 1980er-Jahren die Historie der Baldurschule auf.

Als nach langem Schulstreik in Dorsten die „Gottlosenschule“ entstand

Die Baldurschule stand auf der Freifläche in der Bildmitte. © Privat

Demnach erging im Jahr 1920 - katholische Eltern hatten damals die Entfernung atheistischer Lehrer aus „ihren“ Schulen gefordert - in der sozialdemokratischen Zeitung „Volksfreund“ Recklinghausen die Aufforderung an die sozialistische Bevölkerung der Region, „freie Elternvereinigungen“ zu gründen. Das fand in Holsterhausen und Hervest, an den Standorten der Zechen Baldur und Fürst Leopold also, großen Widerhall: Dort stellten noch im selben Jahr freie Elternvereinigungen Anträge auf Einrichtung religionsloser Klassen, für die in beiden Gemeinden jeweils rund 400 Kinder infrage kämen. Dies lehnten beide Gemeindevertretungen jedoch ab.

Konflikt spitzte sich bis zum Schulstreik zu

Der Konflikt spitzte sich bis zum Schulstreik zu, der in Holsterhausen sieben Monate dauerte und an dem dort anfangs 336 von insgesamt 1260 Schulkindern beteiligt waren. In Hervest flaute der Streik jedoch etwas ab. Schließlich wurde unter Beteiligung eines Abgesandten aus dem Berliner Kultusministerium eine Kommission gebildet, die die Einrichtung weltlicher Klassen vorbereiten sollte. Nach weiteren juristischen Querelen bekamen die Holsterhausener Eltern sogar eine eigene (Grund-)Schule zugebilligt.

Die startete 1923 mit zwei weltlichen Sammelklassen, auf freiem Feld am Söltener Landweg. Die Kinder hatten hier keinen Religionsunterricht, es gab auch „bescheidende Elemente einer Reformpädagogik“, schreibt Dr. Norbert Reichling. Diese Erziehung fand ihren rituellen Höhepunkt in der Jugendweihe. Trotz aller Anfeindungen der konfessionellen Elternverbände gelang es den Eltern, 1925 noch die Eröffnung einer dritten Klasse für die Jahrgänge 5 bis 8 durchzusetzen.

1931 besuchten 132 Kinder die Schule, die zunächst von Heinrich Buschfort, später von August Bohle, geleitet wurde. Zudem trafen sich hier Gruppen wie der Arbeiter-Samariterbund, die Arbeiterwohlfahrt, die Sozialistische Arbeiterjugend und viele mehr – und trotz der wachsenden Feindschaft zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten zogen die Eltern an der Baldurschule an einem Strang.

Als nach langem Schulstreik in Dorsten die „Gottlosenschule“ entstand

Während des Zweiten Weltkriegs wurde die Schule von einer militärischen Flakeinheit genutzt. © Privat

Die Nazis lösten die Schule auf

1933 lösten die Nationalsozialisten die Schule auf, die Sammelklassen wurden größtenteils der Wilhelmschule (heute: Bonifatiusschule) angegliedert. Das Gebäude der Baldurschule wurde in der Folge als NS-Kindergarten genutzt, als Mädchen-Arbeitslager, als militärischer Standort einer Flakeinheit. Nach Kriegsende war die ehemalige Schule in einem schlechten Zustand, sie wurde mit Notwohnungen belegt, auf dem Schulhof wurden vom Hausmeister Kartoffeln angepflanzt. Als rundherum die sogenannte „Blumensiedlung“ mit Straßennamen wie Asternstraße, Lilienstraße, Tulpenstraße und Nelkenstraße entstand, wurde sie abgerissen, das Grundstück zum Teil als Spielplatz genutzt.

Als nach langem Schulstreik in Dorsten die „Gottlosenschule“ entstand

Als in den 1950er-Jahren die Blumensiedlung zwischen Lilienstraße und Söltener Landweg in Holsterhausen errichtet wurde, wurde das Schulgebäude (links im Bild) abgerissen. © Privat

Walter Biermann würde dort gerne eine Erinnerungsplatte oder Ähnliches anbringen, „die Kosten würden 1000 Euro nicht überschreiten“, hat er ausrechnen lassen. Auf der letzten Holsterhausen-Konferenz hat er von seinen Plänen berichtet, um sich aus dem Bürgerbudget 75 Prozent bezuschussen lassen zu können.

„Allerdings kann der Geschichtskreis Holsterhausen den 25-prozentigen Eigenanteil nicht aufbringen“, sagt er – und hofft, dass sich bis zur nächsten Sitzung der Holsterhausen-Konferenz Ende Juni ein Sponsor meldet, der dazu beiträgt, an das wichtige Kapitel der Dorstener Schulgeschichte zu erinnern.



Wer Walter Biermann bei seinem Projekt mit einer Spende unterstützen möchte, kann sich bei ihm unter Tel. (02362) 81351 melden.
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