Als das alte Dorsten in einem flammenden Bomben-Inferno in Schutt und Asche versank

dzGedenktag

Vor 75 Jahren starben bei den Bombenangriffen auf Dorsten und Wulfen rund 300 Menschen. Das Coronavirus aber hat die geplanten Gedenkveranstaltungen an den 22. März 1945 durchkreuzt.

Dorsten, Wulfen

, 21.03.2020, 10:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Dieser Tag vor genau 75 Jahren brachte Tod und Zerstörung über Dorsten: Am 22. März 1945 fielen 377 Tonnen Luftminen und Sprengbomben auf die Innenstadt.

Alliierte Bombergeschwader hatten die Lippestadt in ein flammendes Inferno verwandelt. Die historische Altstadt wurde nahezu komplett zerstört. Fast 300 Menschen starben, 700 Familien wurden obdachlos, das alte Dorsten war nicht mehr.

Schon vorher Angriffe

Am 21. März erhielten Piloten der englischen Bombergruppen und der 8. US-Luftflotte das Fernschreiben, in dem die Angriffsziele für den folgenden Tag beschrieben waren: Mit Halifax-Bombern sollte auch Dorsten angegriffen werden.

In der Dorstener Altstadt (hier am damaligen Franziskanerkloster) stand fast kein Stein mehr auf dem anderen.

In der Dorstener Altstadt (hier am damaligen Franziskanerkloster) stand fast kein Stein mehr auf dem anderen. © Privat

Die Wettervorhersage: Klarer Himmel, ausgezeichnete Sicht. In Abständen von 80 Sekunden hoben die schweren Bomber im Süden von England vom Boden ab.

Flammendes Inferno

Es ist kurz nach 14 Uhr. In die mittägliche Stille schrillt plötzlich der bekannte dreimalige Sirenenton, dann glitzern die feindlichen Flugzeuge hell in der Sonne. In weniger als 20 Minuten verwandeln die Bombengeschwader die Lippestadt in ein flammendes Inferno. Das alte Dorsten ist ausgelöscht.

Der 22. März 1945 wird auch Wulfens Schicksalstag. Morgens um 10.10 Uhr griffen amerikanische Bomberverbände das Dorf an: Der erste Schlag traf das Dorf und die Kirche, der zweite den Bahnhof, der dritte den neuen Friedhof und der vierte die Häuser „Auf der Koppel“. 23 Menschen verloren ihr Leben. Die Überlebenden standen vor den Trümmern ihrer Häuser.

22 Opfer in Wulfen bestattet

Insgesamt werden von etwa 125 Sprengbomben von fünf bis zehn Zentnern Gewicht außer der Kirche 15 Häuser total zerstört, sieben weitere müssen sofort geräumt werden und zwölf wurden schwer beschädigt.

22 Opfer der Bombenkatastrophe werden unter großer Anteilnahme der Bevölkerung am 25. März 1945 auf dem ebenfalls von Bomben getroffenen, verwüsteten Friedhof gemeinschaftlich in einem als Grab dienenden Bombentrichter beigesetzt.

Vor 75 Jahren fielen Bomben auch auf die Matthäuskirche in Wulfen.

Vor 75 Jahren fielen Bomben auch auf die Matthäuskirche in Wulfen. © Privat

Collagen, Konzerte, Akrobatik und Gottesdienste – vielseitig und kreativ sind die Aktionen, die Schulen, Heimatvereine, Kirchengemeinden und andere Gruppierungen unter Federführung des Amtes für Schule und Weiterbildung seit Monaten für die Gedenkveranstaltung am 22. März zum 75. Jahrestag der Bombardierung eingeübt haben.

Veranstaltung abgesagt

Doch „Corona“ hat alle Planungen durchkreuzt: Die Veranstaltung ist als Schutzmaßnahme zur Eindämmung der Infektionsgefahr abgesagt. Waren also alle Mühen vergeblich? Nein, meint Philipp Dondrup. Der Lehramtsreferendar am Gymnasium Petrinum hat mit seinen Neuntklässlern während der Projektarbeit tolle Erfahrungen gemacht.

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Das durch die Pfarrgemeinde St. Matthäus, den Heimatverein Wulfen und die Baumschule Dieter Stadtmann zum 70. Jahrestag der Bombardierung im Jahr 2015 neu gestaltete Gemeinschaftsgrab in Wulfen

Das durch die Pfarrgemeinde St. Matthäus, den Heimatverein Wulfen und die Baumschule Dieter Stadtmann zum 70. Jahrestag der Bombardierung im Jahr 2015 neu gestaltete Gemeinschaftsgrab in Wulfen © Privat

„Eigentlich wären wir soweit“. Philipp Dondrup steckt zum Beweis den USB-Stick in den entsprechenden Schlitz an der mobilen Lautsprecheranlage und dreht die Lautstärke hoch. Sofort erklingen Stimmen und Geräusche, die sich zu einer Klang-Collage verweben.

„Wir haben eine Komposition von fünf Sätzen zusammengestellt, die das Thema der Zerstörung Dorstens musikalisch darstellt“, benennt der angehende Musiklehrer die einzelnen Teile: Das Leben vor dem Angriff – Flugzeuge starten – Sirenen heulen. Der Angriff und schließlich die Ruhe nach dem Sturm.

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„Die Schüler haben typische Alltagsgeräusche gesammelt, zum Beispiel das Stimmengewirr auf dem Marktplatz, den brausenden Straßenverkehr oder beruhigendes Wasserplätschern an Lippe und Kanal.“ Mit selbst gespielter Musik und einem professionellen Programm für Audiobearbeitung komponierten die Neuntklässler daraus ihre Dorsten-spezifische Klang-Collage.

„Tolle Ergebnisse“

„Da gibt es Schüler, die spielen ein Instrument. Andere wiederum kennen sich gut am Computer aus. Alle haben sich auf ihre Weise in das Gruppenprojekt eingebracht und sind zu einem echten Team zusammengewachsen“, so Dondrup.

Dass die Präsentation vor Publikum nun ausfalle, sei bedauerlich, aber durchaus verständlich: „Vielleicht bekommen wir ja zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal die Möglichkeit zur Aufführung“, hofft Philipp Dondrup mit seinen Schülern auf eine zweite Chance.

Einige Petrinum-Schüler hatten eine pantomimische Performance eingeübt, die nun leider ausfällt.

Einige Petrinum-Schüler hatten eine pantomimische Performance eingeübt, die nun leider ausfällt. © Privat

Die wünschen sich vielleicht auch die Petrinum-Schüler, die mit ihrem Lehrer Burkhard Bell eine pantomimische Performance eingeübt haben: Die symbolische Nachbildung des Zusammenfalls und Wiederaufbaus von fünf bekannten Dorstener Gebäuden verlangt den jugendlichen Körpern schon ein hohes Maß an akrobatischem Geschick ab.

Gedenk-Gedanken

Und was passiert mit den Gedenk-Gedanken, die der Literaturkurs des St.-Ursula-Gymnasiums vortragen wollte? Mit den großformatigen Acrylbildern, in denen der Kunstkurs ausgesuchte Gedichte zu Krieg und Frieden umgesetzt hat? „Wir warten jetzt mal ab und überlegen in Ruhe Alternativen“, schlägt St.-Ursula-Lehrer Dr. Jürgen Berns vor.

Den 22. März 1945 als einschneidende Zäsur in der Lokalgeschichte im Bewusstsein zu halten, ist ein großes Anliegen von Bürgermeister Stockhoff. Dabei sei es wichtig, Jugendliche einzubinden, die die Erinnerung an die Zerstörung mit einem perspektivischen Blick in die Zukunft verknüpfen.

Dank des Bürgermeisters

Bürgermeister Stockhoff bedankt sich bei allen Schulen, Heimatvereinen, Kirchengemeinden, Chören und anderen an der Organisation Beteiligten für ihren Einsatz bei der Vorbereitung der nunmehr abgesagten Veranstaltung und hofft: „Sicher kann die ein oder andere geplatzte Aktion in ruhigeren Zeiten doch noch öffentlich aufgeführt werden.“

Die Schüler und Schülerinnen würde es sicherlich freuen.

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