Barbara Seppi (3.v.r.) war acht Jahre alt, als sie zur Osterzeit sechs Wochen im „Schwalbennest“ auf Juist verbringen musste. © privat
Verschickungskinder

Als Achtjährige allein in der Kinderkur: „Ich wollte nur noch weg“

Sie sollten sich erholen, aber viele Kurkinder haben in Heimen Ängste und Qualen ausgestanden, waren Willkür und Strafen ausgesetzt. Barbara Seppi ist eines dieser Verschickungskinder.

Ihre Erinnerungen an eine Kinderkur auf der Nordseeinsel Juist hat Barbara Seppi lange in lustige Anekdötchen gekleidet. „Dabei war an diesen sechs Wochen im Frühjahr 1972 wirklich überhaupt nichts lustig“, sagt die 57-Jährige heute.

Gewusst hat sie das wohl immer, aber so richtig bewusst geworden ist es ihr, als sie im Dezember 2020 im überregionalen Teil der Dorstener Zeitung den Bericht über „Kinder-Kuren in der Hölle“ las, in dem eine heute 52-Jährige ihre schockierenden Erfahrungen als Kurkind in Bayern schildert.

Die kleine Barbara war „schwach auf der Lunge“

Barbara Seppi: „Dieser Frau und vielen anderen ist Schlimmeres passiert als mir, aber je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr wächst in mir die Erkenntnis, dass auch an mir diese schrecklichen sechs Wochen nicht spurlos vorübergegangen sind.“ Die kleine Barbara war sieben Jahre alt, als ihre Mutter nach einer schweren Rücken-Operation für längere Zeit selbst zur Kur musste.

„Ich war als Kind schon immer ,schwach auf der Lunge‘, wie man damals so sagte“, erinnert sich Seppi, „sodass auch für mich eine Kur angebracht erschien.“ Der sechswöchige Aufenthalt an der Nordsee löste außerdem das Betreuungsproblem während der Genesungszeit der Mutter.

Verschickungskinder  Barbara Seppi
48 Jahre nach ihrer Kur auf Juist sucht Barbara Seppi jetzt den Austausch mit anderen Verschickungskindern. © Petra Berkenbusch © Petra Berkenbusch

In dem guten Glauben, ihrer einzigen Tochter etwas Gutes zu tun, schickten die Eltern das Kind nach Juist. Die Grundschülerin blieb sechs Wochen im Kinderkurheim „Schwalbennest“, drei Wochen fielen in die Schulzeit, drei Wochen in die Osterferien. „Ich bekam Taschengeld mit und reichlich Wechselkleidung für diese lange Zeit.“

Mit Unterhosen und Taschengeld wurde geknausert

Von beidem brachte das Mädchen nach sechs Wochen reichlich wieder mit: „Wir durften nur einmal in der Woche die Unterwäsche wechseln“, erinnert sich Barbara Seppi mit Schaudern. „Offenbar wollte man sich im Kurheim das Waschen sparen.“ Denn obwohl ihre Mutter vor der Abreise der Tochter ungezählte Namensschildchen in Kleidungsstücke genäht hatte, hätte der Vorrat wohl kaum für 42 Tage gereicht. Also wurden kurzerhand nur sechs Unterhosen in sechs Wochen schmutzig gemacht.

Vom Taschengeld gab es jeweils sonntags eine kleine Zuteilung. Dann durften die Kinder einen Spaziergang ins Ortszentrum machen und sich ein Eis oder eine Süßigkeit kaufen. „Offenbar wollte die Heimleitung mit einem möglichst großen Taschengeld-Überschuss beweisen, dass keine Wünsche offen blieben, für die wir das Taschengeld ausgegeben hätten.“

Die kleine Barbara wünschte sich vor allem nach Hause. Das schrieb sie prompt auch in aller Deutlichkeit auf die Postkarte an die Eltern, die die Kinder an jedem Sonntag zu schreiben hatten. „Meine Karte wurde zensiert, das dürfe ich nicht schreiben. Als ich mich weigerte, einen neuen Text zu verfassen, wurde ich ins Zimmer gesperrt und vom Mittagessen ausgeschlossen.“

Erbrochener Milchreis musste aufgegessen werden

Den Ausschluss vom Mittagessen hätte die Achtjährige an manchen Tagen geradezu als Erlösung empfunden. Vor allem donnerstags, da gab es Milchreis mit Zimt und Zucker. Barbara Seppi: „Davor ekelte ich mich regelrecht, aber ich musste ihn herunterwürgen.“ Prompt kam der Milchreis wieder zurück. „Dass ich in diesen sechs Wochen mindestens zweimal gezwungen wurde, mein Erbrochenes aufzuessen“, erzählt Barbara Seppi, „haben meine Eltern später mit ,da vertust Du Dich bestimmt‘ abgetan.“

Das „Schwalbennest“ gehörte zur Siedlung Loog, direkt am Hammersee in der Mitte der Insel. © picture alliance / dpa © picture alliance / dpa

Willkür, Demütigung, Ungerechtigkeit, Freiheitseinschränkungen – das kannte Barbara von zu Hause nicht. Umso mehr hat sie sich Zeit ihres Lebens dagegen aufgelehnt. Spaziergänge hasst sie bis heute: „Wir mussten in Zweierreihen regelrecht durch die Dünen marschieren – und wehe, man fiel irgendwie aus der Reihe, dann wurde man angebrüllt und bestraft.“ Überhaupt, gegen die Nordsee und ihre Urlaubsgebiete hegt Seppi seither eine tiefe Abneigung, keine zehn Pferde hätten sie jemals wieder auch nur in die Nähe der hübschen Insel gebracht.

Das „Schwalbennest“ wurde 2018 abgerissen

Das „Schwalbennest“ im Ortsteil Loog ist 2018 abgerissen worden. In den 1960er-Jahren bot es einige der insgesamt rund 2.000 Kinderheimplätze auf Juist. Kinderkuren waren in den 60er-Jahren ein echter Wirtschaftsfaktor: Allein 1965 und 1966 sollen 1,6 Millionen Kinder in Kur geschickt worden sein, hieß es im Februar in der SWR-Dokumentation „Das Leid der Verschickungskinder“.

Um dieses Leid kümmert sich auch eine Initiative, mit deren NRW-Koordinator Detlef Lichtrauter sie direkt nach dem Lesen des Artikels im Dezember Kontakt aufgenommen hat. Barbara Seppi hat es nun übernommen, eine Verschickungskindergruppe fürs Ruhrgebiet zu koordinieren.

Sie hofft, dass man gemeinsam und als eingetragener Verein weitere „Minenfelder“ der Kinderkuren beackern kann: Medikamentenversuche, sexualisierte Gewalt, Schmiergeldzahlungen und die Nazi-Vergangenheit vieler Heimleitungen und ärztlichen Leiter sind bisher nur ansatzweise aufgearbeitet.

So hat sie auch noch nichts in Erfahrung gebracht über das Haus auf Juist. Aber sie will dranbleiben mit dem neugegründeten Verein „Aufarbeitung Kinderverschickung NRW“.

Wenn Corona vorbei ist, will Barbara Seppi die 19 Betroffenen aus dem Ruhrgebiet, die sich bisher gemeldet haben, mal zu einem Gedankenaustausch zusammenbringen. Wer mehr über die Initiative wissen oder Informationen und Geschichten besteuern will, kann sich per E-Mail melden bei barbaraseppi@gmx.de oder beim Verein unter info@akv-nrw.de.

Über die Autorin
Redaktion Dorsten
Geboren und geblieben im Pott, seit 1982 in verschiedenen Redaktionen des Medienhauses Lensing tätig. Interessiert an Menschen und allem, was sie anstellen, denken und sagen.
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Petra Berkenbusch

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