Albtraum-Angeklagter ist plötzlich ganz freundlich

dzLandgericht Essen

Er war der Albtraum aller, die in seiner Nähe waren. Doch vor Gericht ist der 30-jährige Mann aus Dorsten plötzlich nicht mehr wiederzuerkennen.

Dorsten/ Essen

, 16.03.2020, 09:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Auf den ersten Blick war alles wie immer: Der Stuhl, auf dem der 30-jährige Dorstener Platz nehmen musste, war mit Plastiktüten überzogen, rechts und links standen Wachtmeister mit Kampfanzügen und Helmen – das Visier geschlossen. Doch was für eine Überraschung: Der Angeklagte war am Freitag wie ausgewechselt.

Vier Wochen sind vergangen, seitdem er das erste Mal vom Gefängnis in das Essener Landgericht gebracht wurde - an Händen und Füßen gefesselt und völlig verwahrlost. Er brabbelte in einer Tour, sprang auf, musste mit Gewalt auf seinem Stuhl gehalten werden. Später soll er sich sogar im Gerichtssaal eingekotet haben.

Vom Gefängnis in die Psychiatrie verlegt

Der Dorstener ist psychisch schwer krank. Daran gibt es keinen Zweifel. Die Richter hatten deshalb schnell reagiert und ihn vom Gefängnis in die geschlossene Psychiatrie verlegt. Dort wird er seitdem behandelt. Und das zeigt Wirkung.

Am Freitag war der 30-Jährige ein völlig anderer Mensch – ruhig, höflich, verständnisvoll. Er fühlt sich offenbar schon wieder richtig gut.

„Ich hätte da noch eine Bitte.“ Mit diesen Worten wandte er sich am Ende des Prozesstages direkt an die Richter. „Könnte ich nicht wieder nach Hause?“ Er würde dann von dort zu den nächsten Verhandlungstagen nach Essen reisen.

Angriff mit Haustürschlüssel nach Busfahrt

Diesen Wunsch erfüllten die Richter dem 30-Jährigen natürlich nicht. Dafür sind die Straftaten, die er begangen haben soll, einfach zu dramatisch. Wie berichtet soll der 30-Jährige einen Kaufland-Mitarbeiter mit einem Messer attackiert haben. Außerdem gibt es noch eine weitere Albtraumtat auf der Borkener Straße.

Der Angeklagte war im vergangenen September in Holsterhausen aus dem Bus gestiegen und soll aus dem Nichts heraus einen flüchtigen Bekannten angegriffen haben - von hinten. „Er hatte einen Haustürschlüssel zwischen den Fingern und hat mir damit direkt in den Hals geschlagen“, sagte das Opfer den Richtern am Freitag. „Mir ist sofort schwarz vor Augen geworden.“ Die Narbe von der Wunde, aus der sofort viel Blut floss, sei noch immer zu sehen.

Medikamente zeigen schnelle Wirkung

Der Angeklagte selbst hat sich dazu im Prozess zwar nicht geäußert. Er hat die Schilderung jedoch völlig ruhig über sich ergehen lassen. Dass sich sein Verhalten – und auch sein Aussehen – drastisch verändert hat, hängt mit der Behandlung in der Psychiatrie zusammen. „Ich bekomme Medikamente und nehme keine Drogen mehr“, sagte er den Richtern. Er hat sich inzwischen sogar bereit erklärt, mit einem Psychiater zu sprechen. Der Prozess wird fortgesetzt.

Lesen Sie jetzt