Fest lokal verwurzelt, aber weltweit aktiv: Die Dorstener Drahtwerke werden 100 Jahre alt. Zur langen Firmengeschichte gehört aber auch ein dunkles Kapitel.

Dorsten

, 04.09.2018, 17:45 Uhr / Lesedauer: 5 min

Lokal arbeiten, global denken“ – unter diesem Motto entsteht ab Mitte der 90er-Jahre aus einem Einzelbetrieb eine familiengeführte Unternehmensgruppe: die DDD Group of Companies. Die drei Ds stehen für Dorstener Drahtwerke Dorsten. 18 Unternehmen in Europa, Asien, Nord- und Südamerika gehören heute dazu.

Sie tragen Namen wie Dorstener de México, Dorstener Wire Tech oder Dorstener Tråd Norden. So gehen nicht nur die Produkte der Dorstener Drahtwerke um Welt, sondern auch der Name der Stadt, in der das Unternehmen seit 1920 seinen Stammsitz hat.

Die Globalisierung war und ist die große Herausforderung der vierten Führungsgeneration um die Geschäftsführer Rüdiger und Volker Tüshaus. Die Brüder mussten, nachdem sie 1994 die Verantwortung von ihrem Vater Werner Tüshaus übernommen hatten, eine Strategie entwickeln, um der weltweiten Verflechtung von Wirtschaft und Handel nicht nur standzuhalten, sondern auch von ihr zu profitieren.

Arbeit für mehr als 100 Menschen in der Region

Ihr Ansatz einer kundennahen und serviceorientierten Bearbeitung internationaler Märkte erwies sich als der richtige: Drahtwerke und DDD-Gruppe machten 2017 zusammen rund 65 Millionen Euro Umsatz – so viel wie noch nie in der Firmengeschichte. Seit mehr als zehn Jahren sind an den Standorten Marler Straße und Werrastraße im Industriepark Dorsten/Marl konstant zwischen 100 und 110 Mitarbeiter angestellt.

Viele von ihnen arbeiten mit neuester Technik. „Ich glaube schon, dass wir einen der modernsten Drahtfertigungsbetriebe Deutschlands haben“, sagt Volker Tüshaus. Weltweit beschäftigt die DD-Gruppe knapp 400 Mitarbeiter.

100 Jahre Dorstener Drahtwerke: Erfolgsgeschichte mit einem dunklen Kapitel

Volker (l.) und Rüdiger Tüshaus stehen seit 1994 an der Spitze der Dorstener Drahtwerke. © Robert Wojtasik

Mit der Internationalisierung des Unternehmens ging auch eine Spezialisierung des Produktportfolios einher. Dorstener Drahtprodukte finden sich unter anderem in Broschüren, Autos, Flugzeugen und in der Medizintechnik. Pro Jahr produziert das Unternehmen rund 3,2 Millionen Kilometer Draht - damit ließe sich die Erde knapp 80-mal umwickeln.

„Früher haben wir mehr Produkte für den täglichen DIA-Vorsitzender Thomas Hein macht Schluss und rechnet abBedarf hergestellt, wie beispielsweise Heftklammern oder Siebe“, sagt Volker Tüshaus. „Heftdraht zum Beispiel leidet heute aber unter der Digitalisierung.“ Diese relativ einfachen Produkte werden nun größtenteils aus Asien importiert. „Wir müssen uns stattdessen die technisch anspruchsvollen Produkte raussuchen.“

Agilität und der Mut zu Innovation und Investition ziehen sich durch alle Chefgenerationen der Dorstener Drahtwerke. So schafft es der Familienbetrieb, sich über einen solch langen Zeitraum immer wieder neu zu erfinden und am Markt zu behaupten.

Aus Drahtzieherei und Großhandel entstehen die Drahtwerke

Als Gründungsdatum gilt der 1. Juli 1918. An diesem Tag tritt Heinrich Wilhelm Brune als kaufmännischer Leiter und Mitinhaber in die Drahtzieherei Gebr. Renzing & Co. in Hemer ein. Drei Jahre zuvor hatte Brune den Eisen- und Draht-Großhandel H.W. Brune & Co. gegründet. In dem Unternehmer reifte jedoch schnell der Wunsch, auch im Bereich Produktion tätig zu werden. Mit dem Eintritt in die Drahtzieherei erfüllte sich Brune diesen Wunsch und vereinte Vertrieb und Produktion. Der Name H.W. Brune & Co. ist bis heute Teil der offiziellen Firmierung der Dorstener Drahtwerke.

100 Jahre Dorstener Drahtwerke: Erfolgsgeschichte mit einem dunklen Kapitel

Die Belegschaft der Dorstener Drahtwerke versammelte sich 1954 zum Gruppenfoto um den damaligen Chef, Heinrich Wilhelm Brune. © DDD

Brune erkennt sofort, dass die räumlichen Gegebenheiten in Hemer kaum Wachstum zulassen. Er begibt sich auf die Suche nach einem neuen Fabrikgelände – und wird in Dorsten fündig. Im Oktober 1920 kauft er eine alte Papierfabrik an der Marler Straße, dem heutigen Stammsitz der Drahtwerke. Fast 40 Jahre steht Brune, der 1957 stirbt, an der Spitze der Dorstener Drahtwerke. Er führt das Unternehmen durch die Zeit der Inflation, die Weltwirtschaftskrise, den 2. Weltkrieg und die Nachkriegszeit.

Einsatz von Zwangsarbeitern im 2. Weltkrieg

Historisch gesehen sind die Drahtwerke ein Profiteur des 2. Weltkriegs. Sie stellen kriegswichtiges Material her, wie zum Beispiel Schuhdraht für Militärstiefel oder Drahtgeflechte für den Kohleabbau. Die knallharte Aufrüstungspolitik der 1930er-Jahre beschert dem Unternehmen Umsatzrekorde. „Das ist ein trauriges Kapitel der Firmengeschichte“, sagt Volker Tüshaus. „Denn der Betrieb konnte das nur unter Einsatz von Zwangsarbeitern leisten.“

Während des Kriegs wird fast die komplette Belegschaft zur Wehrmacht eingezogen. Um die fehlende Arbeitskraft auszugleichen, beantragt die Betriebsleitung die Zuweisung von 21 russischen Zwangsarbeitern. Lediglich drei Facharbeiter sind im Februar 1945 noch in dem Betrieb beschäftigt, wie Recherchen des Vereins für Orts- und Heimatkunde Dorsten zeigen. Zusammen mit angelernten Arbeitern, Hilfsarbeitern und Zwangsarbeitern halten sie die Produktion aufrecht.

Nach dem Krieg müssen die ehemaligen Zwangsarbeiter viele Jahre auf eine Entschädigung warten. Erst Ende der 1990er-Jahre führen Sammelklagen und Boykottdrohungen in den USA zur Gründung der „Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft“, die fünf Milliarden D-Mark zur Entschädigung der Zwangsarbeiter bereitstellt. Auch die Drahtwerke zahlen 23.000 D-Mark in diesen Fonds ein.

In der fast 100 Seiten langen Firmenchronik zum 100-jährigen Bestehen ist dem Thema NS-Zeit und Zwangsarbeit ein eigenes Kapitel gewidmet. „Es gibt Firmen, die verschweigen das, wir gehen aber offen mit unserer Vergangenheit um“, sagt Volker Tüshaus.

Familienzwist nach dem ersten Generationswechsel

Bei allem kaufmännischen Geschick versäumt es Heinrich Wilhelm Brune, eine klare Nachfolgeregelung zu schaffen. Seine Töchter Herta Böhm und Charlotte Tüshaus erben jeweils 50 Prozent der Firmenanteile, die Schwiegersöhne Paul Tüshaus und Emil Wolfgang Köhler und Enkel Werner Tüshaus besetzen Führungsposten im Betrieb.

Bei unternehmerischen Fragen sind sich die beiden gleichberechtigten Familien aber nur selten einig. „Zu dieser Zeit hatten wir auch zum ersten Mal einen externen Geschäftsführer“, erzählt Volker Tüshaus. „Das hat aber auch nicht so wirklich funktioniert.“ Häufige Personalwechsel und der anhaltende Familienzwist bremsen das Unternehmen Ender der 1950er- und Anfang der 1960er-Jahre aus. Bergauf geht es erst wieder, als sich der Flügel um Charlotte Tüshaus durchsetzt.

Werner Tüshaus modernisiert den Betrieb

1961 nimmt Werner Tüshaus als Geschäftsführender Gesellschafter die Geschicke der Drahtwerke in die Hand. Der gelernte Außenhandelskaufmann hatte zuvor alle kaufmännischen Abteilungen des Betriebs durchlaufen, einige Jahre in einem Kölner Exporthaus gearbeitet und mehrere Monate im Ausland verbracht. Er weiß früh um die wachsende Bedeutung des Exportsektors, baut diesen kontinuierlich aus und ist zugleich Motor der Modernisierung.

100 Jahre Dorstener Drahtwerke: Erfolgsgeschichte mit einem dunklen Kapitel

Nachdem sich Werner Tüshaus (r.) 1994 aus der Geschäftsführung zurückgezogen und an seine Söhne Rüdiger (l.) und Volker übergeben hatte, blieb er den Drahtwerken als Gesellschafter und Berater bis zu seinem Tod im Jahr 2011 erhalten. © Klaus-Dieter Krause

Werner Tüshaus investiert viel Geld in neue Technik und steigert so die Produktivität des Unternehmens. Ende der 60er reichen die Räumlichkeiten für Produktion, Logistik und Lager nicht mehr aus. Es folgen zahlreiche Um- und Neubauten am Standort Marler Straße.

Auch als Deutschland 1982 seine dritte ausgeprägte Rezession erlebt und der Umsatz der Drahtwerke einbricht, reagiert Werner Tüshaus mit mutigen Entscheidungen und Investitionen. „Das zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte“, sagt Volker Tüshaus. „Wir haben Krisen immer zum Anlass genommen, uns neu aufzustellen.“

Generationswechsel von langer Hand geplant

Der Tod Heinrich Wilhelm Brunes und die darauffolgende Krise des Unternehmens prägen Werner Tüshaus. Ein Führungs-Chaos wie damals will er unbedingt vermeiden. Den nächsten Generationswechsel plant er deshalb von langer Hand. Schon Anfang der 1990er holt er seine Söhne Rüdiger und Volker in die Geschäftsführung.

Als sich zeigt, dass die Brüder - einer Ingenieur (Rüdiger), der andere Ökonom (Volker) - als Doppelspitze gut harmonieren, zieht Werner Tüshaus sich am 1. Juli 1994 im Alter von 64 Jahren aus der Geschäftsführung zurück. Bis zu seinem Tod im Jahr 2011 unterstützt er seine Söhne als Gesellschafter und Berater.

100 Jahre Dorstener Drahtwerke: Erfolgsgeschichte mit einem dunklen Kapitel

Rainer Dorow ist Maschinen-Einrichter und Vorarbeiter in der Abteilung Drahtzug. Er arbeitet seit fast 30 Jahren bei den Drahtwerken. Früher sei die Arbeit körperlich anstrengender gewesen, sagt er. "Heute ist es dafür etwas stressiger, weil mehr Maschinen zu beaufsichtigen sind." © Robert Wojtasik

Mitte der 2000er-Jahre sind auch die räumlichen Kapazitäten an der Marler Straße ausgereizt. Das Werk kann nicht mehr erweitert werden. Um die hohe Nachfrage bedienen zu können, muss eine neue Produktionsstätte her: Zum 90. Jubiläum wird der moderne, 3,5 Millionen Euro teure Neubau im nur fünf Kilometer entfernten Industriepark Dorsten/Marl eingeweiht.

Im selben Jahr zeichnet die Dorstener Zeitung Rüdiger und Volker Tüshaus als Unternehmer des Jahres aus. Die einstimmige Wahl begründet die Jury vor allem mit der Entscheidung der Preisträger, das neue Werk nicht in einem Billiglohn-Land zu eröffnen, sondern in der Heimat - und dadurch dauerhaft Arbeitsplätze in der Region zu sichern.

100 Jahre Dorstener Drahtwerke: Erfolgsgeschichte mit einem dunklen Kapitel

Rüdiger (l.) und Volker Tüshaus (r.), die Unternehmer des Jahres 2008, zusammen mit Inge und Werner Tüshaus. © Rüdiger Eggert

100 Jahre Dorstener Drahtwerke – so alt werde ein Unternehmen nur mit Mitarbeitern, die ihre Motivation nicht allein aus dem Gehalt ziehen, sondern stets das große Ganze im Auge behalten, betont Volker Tüshaus. „Und man braucht das Commitment, Gewinne in die Firma zu reinvestieren.“ Ein bisschen Glück gehöre natürlich auch dazu. „Klar, das kann man sich erarbeiten, aber es ist dennoch auch immer ein bisschen Zufall.“

Feierlichkeiten zum Jubiläum Die Dorstener Drahtwerke laden am Samstag (8. September) zum Haus der offenen Tür an den Standorten Marler Straße 109 (Dorsten) und Werrastraße 6 (Indu-Park Dorsten/Marl) ein. Von 11 bis 15.45 Uhr können die Betriebe besichtigt werden. Von 16 bis 17.30 Uhr findet der Jubiläums-Empfang im Werk an der Werrastraße 6 statt. Weitere Infos auf der Website der Dorstener Drahtwerke.
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