"Wir kommen aus Vietnam, und nicht aus Wuhan" - Die Schlagzeile markiert den Beginn der lokalen Corona-Berichterstattung. © Uwe von Schirp
Persönlicher Moment 2020

Zwischen Wuhan und Vietnam: Mein erster Arbeitstag in Castrop-Rauxel

Wer kannte Anfang Februar schon Gangelt? Es gab da ein ominöses neues Virus. Und skeptische Blicke. Unser Reporter erinnert sich an seinen ersten Arbeitstag in der Lokalredaktion.

Wie berichtet man über skeptische Blicke und misstrauisches Lächeln? Nun gut, das ist an diesem Montag vor gut elf Monaten mein Auftrag: „Geh doch mal in die China-Restaurants in der Altstadt“. Heute erinnere ich mich: Es wird mein erster Artikel „in Sachen Corona“.

Wie also recherchieren und berichten? Die Frage treibt mich gegen Mittag um. Okay: Ich bin erfahren genug, mich der Herausforderung zu stellen. Nach 33 Berufsjahren ist mir (fast) nichts mehr fremd.

3. Februar 2020, 9.30 Uhr: Redaktionskonferenz. Es ist für mich der erste Arbeitstag in der Lokalredaktion Castrop-Rauxel. Seit gut fünf Jahren arbeite ich als Freier Journalist wieder im Dortmunder Westen. Meine „Heimatredaktion“.

Uwe von Schirp ist seit Februar 2020 Mitarbeiter der Lokalredaktion Castrop-Rauxel.
Uwe von Schirp ist seit Februar 2020 Mitarbeiter der Lokalredaktion Castrop-Rauxel. © Dieter Menne © Dieter Menne

Ab dem 1. März werden wir mit Castrop-Rauxel ein Team bilden. Ich mache gern den vorausgehenden Schritt: Neue Herausforderungen reizen mich. Die Kollegen in Castrop kenne ich bisher nur vom Telefon. Der Abriss von Knepper zwölf Monate zuvor war ein gemeinsam bearbeitetes Thema.

Medienberichte machen neues Virus zum Thema

Nun das Virus. Medien berichten von kritischen Gästen in China-Restaurants. Okay, denke ich: Das las ich auch. Es gibt an diesem Tag noch wenige Infektionen – registriert vor allem in München, bei Einreisenden aus China. Bis zur berühmt-berüchtigten „Kappensitzung“ in Gangelt, Kreis Heinsberg, sind es noch zwölf Tage.

Rückblickend betrachtet, soll es aber der Beginn der letzten Wochen ohne Einschränkungen sein: irgendwie dann doch Karneval – obwohl das wiederum nicht „mein Ding ist“. Also höre ich mal nach, was Castrop-Rauxeler Gastronomen asiatischer Herkunft zum Coronavirus sagen.

Verständnislose Blicke in den asiatischen Restaurants

Es ist gegen 12.30 Uhr an diesem 3. Februar: Ich mache mich auf den Weg. Von der Redaktion am Marktplatz führt mein Weg zum „Glückshaus“ Am Bennertor, zum „Jade“ an der Oberen Münsterstraße und zurück zum Asia-Bistro Am Markt.

Die erste Station der Recherchetour am Mittag des 3. Februar war das
Die erste Station der Recherchetour am Mittag des 3. Februar war das “Glückshaus” am Bennertor. © Uwe von Schirp © Uwe von Schirp

Die Restaurants sind gut besucht. Auf meine Recherchefrage ernte ich verständnislose Blicke. „Alles ganz normal“, höre ich. Auch: „Misstrauische Begegnungen? Ja, aber nicht im Restaurant.“ Allenfalls gebe es sorgenvolle Blicke an Schulen.

Ein Satz wird zur Schlagzeile und zum geflügelten Wort

Im Asia-Bistro „Panda“ am Markt lächelt Bao Tran, wie es asiatischer nicht sein könnte: „Wir kommen aus Vietnam und nicht aus Wuhan“, sagt er. Wenig später wird der Satz zur Schlagzeile.

Niemand in der Redaktion erahnt an diesem Montag, dass der O-Ton im Team schon bald zum geflügelten Wort wird – und der Artikel der Beginn eines beherrschenden Dauerthemas.

Redaktionskonferenz in Zeiten von Teams. Hier hat Redakteur Thomas Schroeter, selbst klein rechts unten zu sehen, seinen Laptop-Bildschirm fotografiert. Auf dem Bild konferieren die Redakteurinnen Ronny von Wangenheim (oben links) und Natascha Jaschinski mit Redaktionsleiter Matthias Langrock (unten links), dem Freien Mitarbeiter Uwe von Schirp und Chefreporter Tobias Weckenbrock (rechts groß im Bild).
Redaktionskonferenz in Zeiten von Teams. Hier hat Redakteur Thomas Schroeter, selbst klein rechts unten zu sehen, seinen Laptop-Bildschirm fotografiert. Auf dem Bild konferieren die Redakteurinnen Ronny von Wangenheim (oben links) und Natascha Jaschinski mit Redaktionsleiter Matthias Langrock (unten links), dem Freien Mitarbeiter Uwe von Schirp und Chefreporter Tobias Weckenbrock (rechts groß im Bild). © Thomas Schroeter © Thomas Schroeter

Es sind eben nur noch die wenigen Wochen, in denen mittags ein Reporter mal fix ins nahe „Panda“ huscht, um für das Team eine Stärkung zu holen. Mitte März gehen wir weitgehend ins Homeoffice, recherchieren und schreiben von dort.

Reportagen, Analysen, Zahlenspiele. Täglich neu. Jeder Weg durch die Altstadt erinnert aber an den einen Satz. Die Schlagzeile. Und macht Appetit: auf gebratene Ente mit Nudeln – zusammen mit den Kollegen.

Über den Autor
Freier Mitarbeiter
Geboren 1964. Dortmunder. Interessiert an Politik, Sport, Kultur, Lokalgeschichte. Nach Wanderjahren verwurzelt im Nordwesten. Schätzt die Menschen, ihre Geschichten und ihre klare Sprache.
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Uwe von Schirp

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