Kristina Rummeld ist zweite Vorsitzende des Tierheims in Castrop-Rauxel. © Matthias Stachelhaus
Tierheim

„Wir sind kein Supermarkt!“ Dreiste Anfragen überlasten das Tierheim

Seit Ausbruch der Corona-Pandemie erreichen das Tierheim in Castrop-Rauxel immer mehr Anfragen zu Tiervermittlungen. Der Wille dahinter ist gut, die Ansprüche an das Tierheim aber oft zu hoch.

Ein Haustier kaufen, um die Einsamkeit zu vertreiben: Auf diesen Gedanken scheinen in der Pandemie viele Menschen zu kommen. Tiere aus dem Tierheim in Castrop-Rauxel sind seit dem Corona-Ausbruch im Frühjahr 2020 auf einmal besonders beliebt. Täglich erreichen Kristina Rummeld Mails von Interessenten, die sich ein Tier anschaffen wollen.

„Die Leute suchen Beschäftigung“, erklärt Rummeld, 2. Vorsitzende des Tierschutzvereins, der das Tierheim betreibt. „Viele sind im Home Office und haben Zeit.“ Aufgrund der Pandemie ist das Tierheim derzeit geschlossen. Wer sich die Tiere ansehen will, muss vorher einen Termin vereinbaren. Und das wollen viele.

„Will Katze kaufen“ oder „Möchte Hund kaufen. Warum gehen Sie nicht ans Telefon?“: Solche Nachrichten erreichen Rummeld jeden Tag. Besonders bei den Hunden seien sich viele Interessenten oft gar nicht bewusst, worauf sie sich bei den Tieren einlassen.

Großteil der Hunde nur für Profis geeignet

95 Prozent der Hunde im Tierheim für Castrop-Rauxel und Waltrop am Deininghauser Weg seien laut Rummeld verhaltensauffällig und gehörten deshalb in Profihände.

Langjährige Hundeerfahrung sei nicht ausreichend, um mit den Tieren umgehen zu können. „Dafür ist Rasseerfahrung nötig“, meint Rummeld. Bevor sie einen Hund vermitteln, würden sie daher strenge Vorkontrollen durchführen. „Die Menschen haben oft keine Ahnung von der Hunderasse“, sagt sie.

Kristina Rummeld besitzt selbst vier Hunde. Im Tierheim in Castrop-Rauxel kümmert sie sich um weitere 16 Hunde.
Kristina Rummeld besitzt selbst vier Hunde. Im Tierheim in Castrop-Rauxel kümmert sie sich um weitere 16 Hunde. © Privat © Privat

Neben Menschen, die ein Tier kaufen wollen, schreiben Rummeld auch solche, die ihres loswerden wollen. Viele, weil sie mit ihrem Tier nicht klar kämen. Das Tierheim könne aber nicht alle Tiere aufnehmen. „Es ist ein Anspruchsdenken, dass Tierheime misslungene Erziehungsergebnisse aufnehmen“, beklagt sie.

Rummeld selbst macht die Arbeit im Tierheim ehrenamtlich. Bis zu 15 Stunden pro Woche kümmert sie sich um die Tiere. Dass sie deshalb nicht jede Anfrage sofort bearbeiten kann, stößt bei vielen Menschen auf Unverständnis. „Manche Menschen werden frech und geben schlechte Google-Bewertungen“, erzählt sie. „Die Leute denken, die Mitarbeiter hier brauchen keine Pause.“

Zu hohe Erwartungen an das Tierheim

Das Problem dahinter bestand schon vor der Pandemie, hat sich seitdem aber wohl noch verstärkt. „Das Problem ist, dass so gut wie keiner weiß, wie ein Tierheim funktioniert“, meint Rummeld. Viele hätten deshalb zu hohe Erwartungen an die Mitarbeiter. „Die Leute denken, es ist ein Supermarkt“, beklagt sie. „Wir sind kein Service, wo man sich den ganzen Tag melden kann.“

Um mehr Verständnis bei den Interessenten zu wecken, fordert Rummeld mehr Aufklärungsarbeit über die Funktionsweise. Oft hätten Tierheime ein knappes Budget, erzählt sie. Das Tierheim in Castrop-Rauxel erhalte einen jährlichen Pauschalbetrag von den Städten Castrop-Rauxel und Waltrop, für das der Tierschutzverein die kommunale Aufgabe erfüllt, Fundtiere aufzunehmen.

Alles andere müsse das Tierheim über Spendengelder finanzieren. „Das ist eine finanzielle Herausforderung“, meint Rummeld. Würden nicht viele Menschen dem Tierschutz ihre Erbe widmen, wäre die Aufgabe nicht zu leisten. Und trotzdem hat der Tierschutzverein jedes Jahr Haushalts-Sorgen.

Mehr Hilfsangebote von Menschen in der Pandemie

Die Pandemie habe aber durchaus auch Positives gebracht: Mehr Menschen würden seitdem das Tierheim bei seiner Arbeit unterstützen wollen, erzählt Rummeld. Problem: Diese Hilfe könne das Tierheim derzeit nicht annehmen.

„Wegen Corona können wir unseren Mitarbeiterkreis leider nicht vergrößern“, sagt Rummeld. Das Risiko von Corona-Infektionen sei zu hoch. Dann könne sich keiner mehr um die Tiere kümmern. „Und das wäre eine richtige Katastrophe.“

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