Wie viel Corona-Vernunft ist nötig, wie viel Freiheit erlaubt?

dzCoronavirus

Wie gehen wir mit diesem ätzenden Coronavirus um? Einige Menschen schränken sich ein wie im Frühjahr. Andere gehen zu Kaffeekränzchen. Wie viel Vernunft ist nötig, wie viel Freiheit erlaubt?

Castrop-Rauxel

, 13.10.2020, 20:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Das Coronavirus kehrt stärker zurück, als ich es mir vorgestellt hätte. Irgendwie dachte ich über den Sommer hinweg immer mal wieder, dass es ja auch ganz weg gehen könnte. Vielleicht. Genauso plötzlich, wie es gekommen ist. Aber der Herbst belehrte mich eines Besseren. Schade! Denn ich hasse es, dass ich niemanden aus meinem Freundeskreis und meiner erweiterten Familie mehr so umarmen kann wie bis März 2020. Ich will wieder ins Stadion, will ins Restaurant, will einfach wieder unbeschwert leben.

„Ich hatte mich schon riesig gefreut, mit Euch meinen runden Geburtstag zu feiern“, schrieb mir am Dienstag eine Freundin. „Alles war geplant. Der Raum war reserviert, der DJ gebucht, das Essen startklar. War. Wir haben uns nun schweren Herzens dazu entschieden, nicht zu feiern.“

Vergangene Woche beim Einkauf in einer Ickerner Bäckerei folgte ich den Pfeilen durch das Café, um an der Theke Brötchen zu kaufen. Ich kam an einer Sitzgruppe von fünf älteren Damen vorbei. Eng, vertraulich, nett. Ein Kaffeekränzchen wie eh und je. Ich dachte mir: Ernsthaft?!

Einen Tag zuvor war ich im Bahnhof von Wanne-Eickel einer Gruppe Kids begegnet. Die 13- bis 14-Jährigen gaben lauthals vulgären und sexistischen Schwachsinn von sich, spuckten herum und trugen dabei ihre Masken unterm Kinn statt im Gesicht. Ich dachte mir: Ernsthaft?!

Die doppelte Begegnung im Zoo

Im Duisburger Zoo traf ich vergangene Woche auf einen älteren Herrn, vielleicht Ende 60. Ich kam von der Toilette, er wollte hin. Er trug keine Maske, obwohl die Poster an der Tür deutlich auf die Maskenpflicht hinwiesen. Ich war perplex, zwängte mich zwischen abgeklebten Urinalen an ihm vorbei zum Waschbecken. Ich dachte mir: Nur schnell weg!

Als wir, wieder mit Masken, die Fische in der Aquariumshalle bewunderten, kam er mit zwei Jungs um die zwölf Jahre rein. Alle, auch die Jungen, trugen Masken. Der ältere Herr nicht. Ich sprach ihn an, er solle sich jetzt bitte an die für alle geltenden Regeln halten. Er warf mir vor, ich solle mal lieber Abstand halten. Das gehe mich nichts an. „Na klar“, sagte ich, „es geht um meine Gesundheit. Alle hier im Raum schützen Ihre Gesundheit, aber Sie laufen ohne Maske rum? Setzen Sie sie auf, oder ich spreche einen Mitarbeiter an.“ Er brummelte etwas und setzte die Maske auf. Ich ärgerte mich.

„Wollen Sie eine ganze Stadt traumatisieren?“

Am Dienstag bekam ich eine E-Mail von einem Leser namens Tim: Ich sollte aufhören, Angst zu schüren. Es sei unerträglich, wie ich das täte mit Zahlen, die ja gar nichts über tatsächlich kranke Menschen aussagten. „Was wollen Sie eigentlich damit erreichen? Eine ganze Stadt traumatisieren?“ Ich solle „endlich vernünftig berichten“ und dabei helfen, Optimismus zu verbreiten.

Etwa 1000 Castrop-Rauxeler sterben Jahr für Jahr. Fünf Menschen sind bis heute am Coronavirus gestorben. Ist das viel? Ist das wenig?

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Ich schrieb vor Wochen trotzig, dass ich mir mein Weihnachtsfest nicht nehmen ließe. Doch ich denke jetzt: Wie werde ich es wirklich feiern? Fest steht: Bei jedem Besuch, bei jedem Treffen frage ich mich: Muss es wirklich sein oder kann ich darauf verzichten? Ich gehe zum Kinderturnen. Ich gehe zum Babyschwimmen. Ich vertraue auf die Wirksamkeit der Hygienemaßnahmen. Was erlaubt ist, sollte sicher sein.

Bin ich zu obrigkeitshörig, devot, naiv oder blind? Schüre ich wirklich Ängste?

Dieses Virus kotzt mich an! Aber...

Nein! Dieses Virus kotzt mich an! Aber: Ich halte mich an Regeln und meinen Weg für angemessen solidarisch. Ich hinterfrage Fakten, Zahlen, Daten – und mein eigenes Verhalten. Das erwarte ich auch von allen anderen. Vor allem von denen, denen ich direkt begegne. Und das könnten demnächst Sie sein.

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