Ingeborg und Detlef Fickermann haben sich von der Architektin Astrid Stadtmüller in eine Baulücke, auf der vorher ein kleiner Bunker stand, einen kleinen Bungalow bauen lassen, der ihr auf der anderen Straßenseite liegendes Haus um ein großzügiges Arbeitszimmer samt Bad und Nebenraum erweitert © Stefan Milk
Immobilie der Woche

Wie ein Weltkriegsbunker zum Wohnhaus wurde

In der Serie „Immobilie der Woche“ stellen wir besondere Häuser und ihre Bewohner im Ruhrgebiet vor. In einer Zechensiedlung sind einzelne Weltkriegsbunker erhalten geblieben. Einer davon ist jetzt ein Bungalow.

Erfurt, Berlin, Hamburg – viele Jahre seines Berufslebens hat Detlef Fickermann in deutschen Großstädten verbracht. Doch eines haben der Kamener und seine Frau Ingeborg nie aufgegeben: das gemeinsame Reihenhaus in der Hindenburgsiedlung in Kamen.

Schon seine Eltern wohnten im „Negerdorf“, wie die Häuser im Volksmund heißen. Das ist und bleibt das Zuhause des Bildungsforschers, der zuletzt als Leiter einer Stabsstelle der Hansestadt Hamburg arbeitete. Ingeborg Fickermann war lange als Sprachlehrerin und Referentin bei einem Bildungsträger im Ruhrgebiet tätig. Nun sind beide Rentner.

Die Eheleute sorgten sich, ob das relativ schmale, zweigeschossige Zechenhaus mit seinen Treppen wirklich altersgerecht ist, falls es ihnen einmal schlechter gehen sollte. So kam 2014 die Idee auf, das zugehörige winzige Garagengrundstück auf der gegenüberliegenden Straßenseite mit einem Bungalow zu bebauen. Allerdings handelt es sich nicht um irgendeine Garage, sondern um einen ehemaligen Weltkriegsbunker. Lässt sich aus dem hässlichen Klotz überhaupt ein brauchbares Altenteil machen?

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Apartment statt Bunker in Kamener Zechensiedlung

Die Geschichte des oberirdischen Bunkers ist eng mit dem Bergwerk Monopol verknüpft. Tausende Bergleute arbeiteten einst auf der Zeche. Das Haus der Fickermanns stammt aus der Zeit vor fast genau 100 Jahren, als die Gelsenkirchener Bergwerks AG ab 1920/21 auf der Westenfeldmark eine Wohnsiedlung für die Kumpel errichtete.

Akademiker mit Heimwerker-Hobby

Zunächst entstanden damals 27 Häuser mit zwei verschiedenen Wohnungstypen: im Erdgeschoss jeweils Kohlenlager, Waschküche und Stall, im Obergeschoss Küche und je nach Typ ein oder zwei Zimmer und im Dachgeschoss zwei Kammern. Später zu Kriegszeiten wurden in der Siedlung kleine Schutzbauten für die Arbeiter der kriegswichtigen Industrie angelegt. „Einige der Bunker sind bis heute erhalten geblieben und sind zu Garagen umfunktioniert“, sagt Fickermann.

Der gelernte Chemielaborant, der auf dem zweiten Bildungsweg Abitur machte, studierte und später unter anderem als Uni-Dozent und Ministerialreferent arbeitete, lebte in dem Bunker sein Heimwerker-Hobby aus. „Das war meine Werkstatt. Ich habe dort Möbel gebaut“, erzählt der Pensionär.

Trauen sich die Rentner das Bauprojekt zu?

2014 war das Dach des Bunkers undicht, die Tür verrostet, der Boden hatte sich gesetzt – wegen solcher Schäden hätten die Eheleute so oder so Geld in die Hand nehmen müssen. Sinnvoller erschien es ihnen, in eine zukunftsträchtige Nutzung des Bunker-Grundstücks zu investieren. Doch zunächst war die Frage zu beantworten: „Trauen wir uns das Projekt in unserem Alter zu?“ Die Antwort des Pensionärs und seiner Frau lautete: „Ja!“

Die Fickermanns fertigten eine Skizze an, darauf ein Flachbau mit einem großem Wohnraum, Abstellkammer und Bad. Das Problem: Nur auf der Straßenseite sind Fenster und Türen möglich, weil der Bunker an drei Seiten an Nachbarhäuser grenzt.

Wie gut klappt Schule in der Corona-Zeit? Detlef Fickermann, hier in seinem Büro in Kamen, hat über 80 Forschungsprojekte zu Schulen in der Corona-Pandemie ausgewertet.
Wie gut klappt Schule in der Corona-Zeit? Detlef Fickermann, hier in seinem Büro in Kamen, hat über 80 Forschungsprojekte zu Schulen in der Corona-Pandemie ausgewertet. © Stefan Milk © Stefan Milk

Knifflige Aufgabe für die Architektin

Aus einem Bunker wird ein Apartment – die Unnaer Architektin Astrid Stadtmüller übernahm die von den Fickermanns gestellte „knifflige Aufgabe“, wie sie es nennt. Sie plante nach der Skizze einen 56 Quadratmeter großen Bungalow. Dieser füllt das trapezförmige Grundstück, dessen Schmalseite nur rund sechs Meter misst, bis zur Grundstücksgrenze aus – außer auf der Frontseite. Durch einen großzügigen verglasten Erker fällt auf der Straßenseite Licht ins Haus, dazu lassen drei Oberlichter im begrünten Dach die Sonne herein.

Die Grenzbebauung machte das Projekt zur Herausforderung. Wenn die Hauswände auf drei Seiten an Nachbarhäuser grenzen, wie kommt dann die Dämmung darauf? Die Lösung sind mit Fassadenplatten beplankte Fertigteile in Holzrahmenbauweise, deren Dämmung von innen eingesetzt wird. Bereits innerhalb von zwei Tagen waren die Wände des Hauses zusammengesetzt.

Vorbild für neuen Wohnraum

Die Initiative des Rentner-Ehepaars ist in doppelter Hinsicht vorbildlich. Sie schaffen zusätzlichen altersgerechten Wohnraum. Zwar nutzen sie den Bungalow derzeit als Arbeitszimmer ihres gegenüberliegenden Reihenhauses, aber er ist so ausgelegt, dass sie dort komplett einziehen könnten, wenn sie einmal hilfs- oder pflegebedürftig werden, oder ihn vermieten können.

Zudem schließen sie eine Baulücke auf verträgliche Weise, die wohl auch bei Nachbarn akzeptiert wird. „Nachverdichtung – darüber reden alle“, sagt Architektin Stadtmüller. „Aber es braucht Bauherren, die das machen.“

Dieser Artikel erschien zuerst am 24. Juni 2019.

Über den Autor
Redaktion Kamen
Jahrgang 1973, aufgewachsen im Sauerland, wohnt in Holzwickede. Als Redakteur seit 2010 rund ums Kamener Kreuz unterwegs, seit 2001 beim Hellweger Anzeiger. Ab 1994 Journalistik- und Politik-Studium in Dortmund mit Auslandsstation in Tours/Frankreich und Volontariat bei den Ruhr Nachrichten in Dortmund, Lünen, Selm und Witten. Recherchiert gern investigativ, zum Beispiel beim Thema Schrottimmobilien. Lieblingssatz: Der beste Schutz für die liberale Demokratie ist die Pressefreiheit.
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Carsten Fischer

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