Kinder trauern auch, aber anders. Der richtige Umgang damit in der Familie ist essenziell. © Caleb Woods/Unsplash
Tod und Abschied

Wenn Kinder trauern: So hilft jetzt das Palliativ-Netzwerk Castrop-Rauxel

Trauern muss jeder. Kinder tun das aber anders als Erwachsene. Wie man ihnen am besten hilft? Das Palliativ-Netzwerk ist jetzt zur Stelle, und die Stadtverwaltung weiß das sehr zu schätzen.

Heidi Skrzypczak erzählt eine Geschichte, die sie als Koordinatorin im Palliativärztlichen Konsiliardienst Herne genauso erlebt hat: Eine Hausarztpraxis fragte an und bräuchte Hilfe. Eine junge Mama, Mitte 20, sei krank. Sie sei allein mit einem Jungen. Vier Jahre alt, leicht aggressiv, verhaltensauffällig in jedem Fall.

Sie besuchte die Familie. „Wir stellten in den ersten Gesprächen fest, dass der Junge nicht über die Situation der Mutter Bescheid wusste: Sie war so krank, sie musste sterben. Doch sie schickte ihn immer weg. Er fühlte sich abgegeben und nicht gewollt“, sagt Heidi Skrzypczak.

Sie ist Trauerbegleiterin, arbeitet im Palliativ-Netzwerk Herne, Wanne-Eickel, Castrop-Rauxel und will genau das: helfen, und zwar kostenfrei, wenn Familien mit der Trauer nicht zurecht kommen. Die AG „Junge Familien“ hilft Kindern und ihren Eltern, wenn es einen Todesfall eines geliebten Menschen gibt. Oder wenn Familien wissen, dass einer bevor steht. Dass eine Mutter hat nicht mehr lange zu leben hat.

Wie ist Trauer bei Kindern?

„Kindern trauern grundsätzlich anders als Erwachsene“, sagt Nina Vogel. Sie ist angehende Trauerbegleiterin und Koordinatorin des Ambulanten Hospizdienstes der Caritas in Castrop-Rauxel. „Sie trauern in Schüben; manchmal sind sie ganz präsent und traurig, im nächsten Moment sind sie wieder ganz fröhlich.“ Manchmal sei das befremdlich für Erwachsene, denn bei ihnen ist es oft eher ein stetiges Tal der Tränen, in dem sie stecken.

Kinder seien hoch sensible Wesen, sie bekämen mit, wenn etwas nicht stimmt.

„Man muss einsehen, dass Trauer nicht krankhaft ist, sondern etwas ganz normales“, sagt Nina Vogel. „Es ist wichtig, sie zu durchleben. Dazu muss man die Trauer auch bei Kindern zulassen.“

Trauernde Kinder unterstützen: Über den Aufbau einer professionellen Kindertrauerbegleitung in Castrop-Rauxel informierten (von links) Karin Leutbecher, Vorsitzende des Palliativ-Netzwerkes und Koordinatorin beim Ambulanten Hospizdienst, Nina Vogel, angehende Trauerbegleiterin und Koordinatorin Ambulanter Hospizdienst der Caritas in Castrop-Rauxel, Bürgermeister Rajko Kravanja und Heidi Skrzypczak, Koordinatorin im Palliativärztlichen Konsiliardienst Herne
Trauernde Kinder unterstützen: Über den Aufbau einer professionellen Kindertrauerbegleitung in Castrop-Rauxel informierten (von links) Karin Leutbecher, Vorsitzende des Palliativ-Netzwerkes und Koordinatorin beim Ambulanten Hospizdienst, Nina Vogel, angehende Trauerbegleiterin und Koordinatorin Ambulanter Hospizdienst der Caritas in Castrop-Rauxel, Bürgermeister Rajko Kravanja und Heidi Skrzypczak, Koordinatorin im Palliativärztlichen Konsiliardienst Herne © Privat © Privat

Oft passiere es, dass Kinder außen vor gelassen werden, wenn jemand stirbt. Man will sie vielleicht verschonen. Aber dann fangen sie an, die Stimmung auf sich selbst zu projizieren. Sie schlussfolgern: Wenn Mama so traurig ist und immer sagt, es sei gar nichts, dann liegt es wohl an mir.

Das jedoch könne schnell zu Verhaltensauffälligkeiten führen. Die Fachleute sprechen von Störungsmustern, die dann zu erkennen sind. „Oft haben sie ihren Ursprung in nicht verarbeiteter Trauer“, sagt Nina Vogel.

Kostenfreie Hotline kann Erste Hilfe leisten

So gibt es nun eine Hotline, die recht einfach erste Hilfe leisten soll: Betroffene oder Menschen, die solche Dinge aus anderen Familien mitbekommen, können jeden Tag von 9 bis 17 Uhr anrufen. Die kostenfreie Nummer: 0800/ 900 91 91.

Wer kann sich helfen lassen?

  • Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre aus Herne, Wanne-Eickel und Castrop-Rauxel.
  • Kinder und Jugendliche, die in einer Familie mit einem Palliativ-Patienten leben.
  • Kinder und Jugendliche mit erstem oder zweitem Verwandtschaftsgrad zum Palliativpatienten unter der Voraussetzung, dass er von einem Mitglied des Palliativ-Netzwerks betreut wird.

Die Arbeit der vor allem ehrenamtlichen und wenigen hauptamtlichen Kräfte wird über Spendengelder finanziert. Zunächst. Beteiligte Städte in die Finanzierung einzubinden und weitere Leute schulen zu können, sie die große Vision, sagt Karin Leutbecher, Vorsitzende des Palliativ-Netzwerkes.

Jedes Kind soll irgendwann die Hilfe bekommen, die es braucht. Momentan könne das Palliativ-Netzwerk das aber nicht alleine stemmen. Darum suchte man Kontakt zu den Stadtverwaltungen. „Es ist uns eine Herzensangelegenheit“, erklärte Bürgermeister Rajko Kravanja vergangene Woche. „Wichtig ist für uns die Frage zu beantworten: Was können und was dürfen wir als Stadt tun, um den Kindern zu helfen.“

„Ich habe Kinder gesehen, die die Urnen ihrer Eltern bemalt haben“, sagt Nina Vogel. „Das kann Teil des Verarbeitungsprozesses sein.“ Manche Kinder begleiten ihre Eltern bis zum Leichenwagen. „Das ist besser, als wenn die Mama auf einmal weg ist. Es ist besser begreifbar, die Mutter ist ja nicht verpufft“, findet Heidi Skrzypczak. Wichtig sei, dass die Kinder ihren Lieben die letzte Ehre erwiesen.

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