Schalker und Dortmunder singen gemeinsam die Vereinslieder

dzBlau-Weiß und Schwarz-Gelb vereint

Vor 25 Jahren berichteten die Ruhr Nachrichten von einem Fantreff in der Castrop-Rauxeler Stadthalle. Es kamen 300, vielleicht die Hälfte in Schwarz-Gelb, die andere Hälfte in Blau-Weiß. Castrop-Rauxel ist seit jeher vor jedem Revierderby eine gespaltene Stadt. Wir erinnern uns und fragen: Wäre so ein Treffen heute möglich?

Castrop-Rauxel

, 13.04.2018, 17:04 Uhr / Lesedauer: 4 min

An einem Dienstagabend Ende Februar 1993 trafen sich der BVB-Fanclub „Zum Stollen“ und der Schalke-Fanclub „Stifts-Klause“ in der Castrop-Rauxeler Stadthalle: Die Fans wollten sich auf das am folgenden Samstag anstehende Revierderby einstimmen. Über 300 waren vor Ort, wie ein Zeitungsausschnitt aus der damaligen Zeit zeigt. Sie sangen gemeinsam sowohl die Borussia-Hymne von Bruno „Günna“ Knust als auch den Schalker Song „Blau und Weiß, wie lieb ich dich“. Sie sorgten mit Schlachtrufen und dem Schwenken ihrer meterhohen Flaggen für eine stadionreife Atmosphäre.

Auch die damaligen Trainer der beiden Vereine, Ottmar Hitzfeld und Helmut Schulte, waren an diesem Abend in Castrop-Rauxel, dazu BVB-Manager Michael Meier. Knust und Werner Hansch, der Kult-Kommentator aus dem Fernsehen mit der knorrigen Stimme, moderierten. Es war ein besonderer Abend in unserer Stadt – wäre so ein Treffen heute eigentlich noch möglich?

Helmut Schulte sagte damals, er wünsche sich das so: „Begeisterung ja, Randale nein.“ Das gelte für den Umgang beider Teams miteinander – aber auch den der Fans. Das Treffen fand statt zu einer Zeit, als der Hooliganismus der 80er-Jahre im Umfeld der Stadien noch nicht ganz verschwunden war; in der die gewaltversessenen Rowdys, die sich aufgrund ihrer Liebe zu Fußballvereinen gegenseitig die Schädel einschlugen oder sich durch Straßenzüge jagten, ruhiger wurden. 25 Jahre ist das her. Die beiden Fanclubs gibt es inzwischen nicht mehr und mit der Zeit hat sich auch im Fußball, in der Fanszene allgemein und zwischen den beiden Klubs vieles verändert.

Die Gewaltbereitschaft kommt immer wieder auf

Ultrabewegungen, die in allen Bundesligaklubs Anfang der 2000er-Jahre aufkamen, sind längst etabliert. Heute geht oft aus diesen Kreisen Gewalt hervor, weil sich neue junge Hooligans mit Ultras mischen („Hooltras“) oder weil bei den Ultras der Gruppengedanke so tief verwurzelt ist, dass aus einer zumindest latent vorhandenen Gewaltbereitschaft auch wirklich nackte Gewalt wird.

Gewalt im Fußball: Sie war damals Thema beim „Club-Treff“ – so hieß der von DAB organisierte und gesponsorte Abend. Werner Hansch, gebürtiger Recklinghausener, führte als Moderator durch das Treffen in der Stadthalle. Erinnern, sagt er heute, kann er sich daran nicht mehr. In diesem Jahr wird Hansch 80 Jahre alt, hat sich aus dem Fußballer-Begleitleben längst verabschiedet. Doch er sagt, er stelle eine Angleichung der „extremen zu den normalen Fans“ fest.

Heute, sagt er, sei nicht mehr so viel Dampf drin wie damals. Hansch gerät bei der Erinnerung an die 90er-Jahre ins Schwärmen: Das Jahr 1997, als Borussia Dortmund die Champions League gewann und Schalke 04 den Uefa-Cup: „Nach diesem Höhenrausch herrschte eine städteübergreifende Euphorie“, so Hansch gegenüber unserer Redaktion. „Zigtausende waren auf den Straßen und haben gemeinsam gefeiert. Das passiert nicht alle Tage.“

Schalker und Dortmunder singen gemeinsam die Vereinslieder

Der Schalker-Kapitän Olaf Thon (M) hält zwischen seinen Mannschaftskollegen den UEFA-Pokal am 21. Mai 1997 nach dem 4:2-Sieg über Inter Mailand im Giuseppe-Meazza-Stadion in Mailand. Das Hinspiel hatten die Schalker mit 1:0 gewonnen. © picture-alliance / dpa

Schalker und Dortmunder singen gemeinsam die Vereinslieder

Die Spieler von Borussia Dortmund jubeln am 28. Mai 1997 nach dem 3:1-Sieg gegen Juventus Turin im Olympiastadion München mit dem Champions-League-Pokal. © picture alliance / dpa

Ein anderer Mann, der ebenfalls an diesem Tag die Moderationsrolle innehatte, war Bruno Knust. Der Dortmunder aus dem WM-Geburtsjahrgang 1954, den viele besser unter seinem Künstlernamen „Günna“ kennen, war damals Stadionsprecher im Dortmunder Westfalenstadion. Er sagt heute auf Anfrage unserer Redaktion, er sehe eine Entwicklung weg vom „klassischen Dortmunder oder Schalker“: Dadurch, dass Fußball immer größer und beliebter geworden sei, seien über die Jahre hinweg viele unterschiedliche Fanbewegungen entstanden – „von der Pyrofraktion über die Krawallinskis bis hin zu den Hardcore-Traditionalisten“, so Knust. Dadurch sei es schwieriger geworden, alle Interessenlagen unter einen Hut zu bringen. Obwohl immer wieder Gewaltszenen zu verzeichnen seien, erkenne er aber eine positive Veränderung: „Mittlerweile gibt es in vielen Familien unterschiedliche Vereinsvorlieben, die nebeneinander bestehen und funktionieren.“

Als Mitglied des Fanclubs „Zum Stollen“ war Daniel Schlingermann vor 25 Jahren bei dem Treffen beider Fanlager dabei. Der damals 18-Jährige hat sich auf dem Zeitungsfoto neben der Trommel wiedererkannt. Heute ist er in keinem BVB-Fanclub mehr aktiv. „Nach diesem Treffen“, sagt er, „war ich für einige Zeit im Fanclub Postillion. Dort haben Schalker und Dortmunder Anhänger zusammen Fußball geguckt. In der Kneipe lief jeweils ein Spiel auf einem Bildschirm. Das war eine schöne Zeit“, so Schlingermann. Heute arbeitet er als Ordner im Signal Iduna Park – und gibt Werner Hansch recht: Insgesamt sei es ruhiger geworden. Die Feindschaft unter Fans sei damals extremer gewesen.

Fans könnten sich Wiederholung des Fantreffs vorstellen

Also könnte es heute so eine Veranstaltung wie vor 25 Jahren, die ohne Zwischenfälle verlief, wieder geben? Werner Hansch und Daniel Schlingermann könnten sich das vorstellen – und auch einige andere Fans beider Lager aus Castrop-Rauxel, wie eine kleine Umfrage ergab: Stefan Gönnewicht, Vorsitzender des BVB-Fanclubs „Dortmunder Torfabrik“, sagt ebenso wie die Eheleute Kirsten und Peter Stratmann vom Schalke-Fanclub „Blau Weiße Eurofighter“, sie sähen die Wiederholung eines solchen Abends als durchaus möglich an. Allerdings nur, „wenn die richtigen Fans, die auch in einem Club organisiert sind, zusammenkommen“, so Kirsten Stratmann. „Die Idee ist vom Prinzip her gut“, findet ihr Mann Peter.

Ähnlich sieht das Daniel Schlingermann. Er sagt, er würde bei einer abermaligen Aktion auf jeden Fall wieder teilnehmen. Auch wenn es „immer welche gibt, die Mist bauen“. Stefan Gönnewicht unterstreicht, dass die Rivalität schon ein bisschen da sein müsse – „aber halt in Maßen. Denn Reibungspunkte erleichtern das Leben“. Es müsse aber vernünftig miteinander umgegangen werden. „Ein Treffen zweier Fanclubs kann ich mir bei einer guten Organisation durchaus vorstellen.“

Anders sieht das Bruno Knust – unter anderem aufgrund des gewachsenen medialen Hypes, wie er sagt: Wichtig sei, dass sich die Vereine trotz bestehender Rivalität mit Respekt begegneten. So betont Knust, „dass es ja nicht gleich Liebe werden muss. Aber Toleranz trägt enorm zu friedlicher Nachbarschaft bei.“

So wie vor 25 Jahren: Der BVB erarbeitete sich in der Erfolgsära unter Ottmar Hitzfeld den Ruf der „besten Fans der Liga“. Auf Schalker Seite unterstrichen Helmut Schulte und Rudi Assauer die vergleichbaren Ursprünge der beiden Revierklubs. Diesen Ansatz sehen auch die Stratmanns. Trotz der bestehenden Rivalitäten haben sie viele Bekannte, die Borussen-Fans sind. „Das ist überhaupt kein Problem“, so Kirsten Stratmann.

Sonntag um 15.30 Uhr wird das nächste Revierderby angepfiffen: Schalke empfängt Dortmund. Und Castrop-Rauxel ist für 90 Minuten wieder eine gespaltene Stadt.

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