Kinderbetreuung: Ein Stichwort, das Eltern Sorgen macht. Wie vereinbart man Arbeit und Familie? Es braucht flexible Kitas. Das halten viele Kitas für schwer. Andere sind es längst geworden.

Castrop-Rauxel

, 15.02.2019, 04:50 Uhr / Lesedauer: 9 min

Der Standard ist: 7 Uhr öffnet die Einrichtung, um 16 Uhr macht sie zu. Und das von Montag bis Freitag. Neun Stunden am Tag, 45 Stunden also in der Woche. Wer dieses Paket für sein Kind über den Kita-Navigator beantragt und am Ende per Betreuungs-Vertrag mit dem Kindergarten regelt, rutscht in die höchste Beitrags-Gruppe, kann sein Kind zwischen 7 und 9 Uhr bringen und um 16 Uhr abholen. Für 45 Stunden zahlt man auch dann, wenn man das Kind zum Beispiel immer erst um 9 Uhr bringt, aber es mittwochs und freitags schon um 14 Uhr abholt - dann wäre es eigentlich nur 31 Stunden in der Einrichtung.

Eltern, die schon früher zur Arbeit gehen oder länger als 16 Uhr arbeiten, müssen die Betreuung ihrer Kinder anders regeln - oder sie müssen die Kinder in speziellen Kitas anmelden. Drei Kitas - namentlich Lummerland, Kunterbunt und St. Antonius in Ickern - haben zumindest erweiterte Öffnungszeiten am Morgen und am späten Nachmittag: „Kita Plus“ heißt das und ist ein gefördertes Bundesprogramm mit dem Untertitel: „Weil gute Betreuung keine Frage der Uhrzeit ist.“ In Merklinde gibt es zudem eine Einrichtung, das Kinderhaus Rasselbande, die das flexibelste Modell anbietet und deren Gründerin Angelika Kirstein inzwischen den NRW-Minister Stamp berät.

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Warum arbeitet nicht jeder so? Warum ist es so schwer, die Öffnungszeiten zu flexibilisieren? Es würde viele Probleme lösen, zum Beispiel den Pflege-Fachkräftemangel.

Der Pflegedienst Rosenberger auf Schwerin: Der Dienst im Schatten des Hammerkopfturms beginnt um 6 Uhr. Dann treffen sich die Mitarbeiterinnen im Büro, besprechen den Tag und die Tourenpläne. Für zwei Auszubildende machte die Chefin Martina Rosenberger einige Monate eine Ausnahme - weil sie ihre Kinder nicht betreuen lassen konnten: „Ich hatte zwei Auszubildende, die ihr Kind zu der frühen Zeit noch nicht in den Kindergarten bringen konnten. Wir mussten sie um 7.45 Uhr einsammeln, wenn die Touren eigentlich schon laufen.“ Das ging, denn sie fuhren ohnehin nur als Zweitkraft mit. Aber jetzt? „Sie haben die Ausbildung bei uns beendet, sind examinierte Altenpflegerinnen - aber wir haben sie nach der Ausbildung verloren.“ Verloren, so sagt es Martina Rosenberger. Sie konnten nicht um 6 Uhr anfangen, weil sie für die Kinder keine Betreuung in dieser Zeit haben. Das ist der Grund.

Eine 30-jährige Frau hätte sich Ende November 2018 bei Rosenberger vorgestellt. Ihre Tochter geht in die Kita. Sie wolle als Hauswirtschaftskraft und Pflegehelferin arbeiten. Sie konnte aber nicht weit vor 8 Uhr anfangen.

Warum sind die Kita-Betreuungszeiten eigentlich so starr? Und wann ändert sich das?

Angelika Kirstein, Gründerin und Erfinderin des Kinderhauses Rasselbande. © Tobias Weckenbrock

Das Kinderhaus Rasselbande ist beliebt. Die Kita, die seit 2003 in der wunderbar restaurierten ehemaligen Marienschule in Merklinde untergebracht ist, gibt es seit 1995. Damals gründete Angelika Kirstein eine Elterninitiative, weil sie für ihren ältesten Sohn keine Einrichtung fand, die so arbeitete, wie sie sich das gewünscht hätte. „Nicht jeder gründet dann gleich eine eigene Firma, aber ich habe das getan“, sagt Kirstein heute. Das Modell funktionierte: In einem Pavillon an der Harkort-Grundschule bot die Einrichtung von Anfang an andere Betreuungszeiten an als die anderen Kindergärten in der Stadt. Ein Beispiel: Erst beim Umzug im Juli 2003 vom Pavillon in das Bürgerzentrum Marienschule schloss die Kita für eine Woche - zum ersten Mal nach acht Jahren. Selbst in den Ferien, in denen andere Einrichtungen zeitweise schließen, meistens in Summe sechs Wochen pro Jahr, gab es ein Betreuungsangebot.

Heute ist es so, dass man als Eltern kaum einen Platz in dieser Einrichtung bekommen kann. Sie ist zwar über den Kita-Navigator wie alle anderen Kindergärten für alle Eltern zur Vormerkung freigegeben, wer aber dort anruft, bekommt zu hören: Das wird im kommenden Kita-Jahr schwierig. Denn: Jüngere Geschwisterkinder haben Vorrang. Klar, wer schon ein fünfjähriges Kind in der Einrichtung hat, will auch die zweijährige Schwester dort unterbringen. Es gibt wie in den anderen Kitas der Stadt nur wenige freie Plätze, und die wenigen sind hier noch schwerer zu bekommen als anderswo. Es gibt viele Bewerber.

Das kann auch am höchst flexiblen Zeitenmodell liegen: Die Kita ist der Flexibilitäts-Champion. Die Rasselbande hat nicht nur in einigen Wochen sechs Tage geöffnet, also auch samstags, sondern bietet Eltern die Möglichkeit zur ganz individuellen Stundenplanung für das eigene Kind.

Ein Fallbeispiel: Die Mutter ist in Teilzeit Lehrerin am Gymnasium, der Vater Angestellter einer Firma. Er arbeitet montags bis freitags von 9.30 bis 19 Uhr, sie arbeitet je nach Stundenplan in der Schule und flexibel daheim. An einem Tag in der Woche geht sie von der ersten bis zur sechsten Stunde arbeiten, ist also bis 14 Uhr wieder daheim. An einem Tag in der Woche hat sie die siebte und achte Stunde Unterricht - selbst 16 Uhr kann da knapp werden. Freitags hat sie frei.

Für die Familie heißt es: Für die zweijährige Tochter muss das 45-Stunden-Paket gebucht werden, um an langen Schultagen die Betreuung bis 16 Uhr zu gewährleisten. Das Kind wird morgens aber erst um 9 Uhr gebracht. Selbst wenn es täglich bis 16 Uhr bliebe, also bis die Kita zu macht, wäre es also maximal 35 Stunden in der Einrichtung. Die Mutter möchte das Kind aber an vier Tagen sogar schon um 14 Uhr abholen. Acht Stunden weniger, heißt: Eigentlich müssten 27 Stunden pro Woche ausreichen. Buchen und bezahlen muss die Familie aber 45 Stunden.

Grund für diese starre Regelung ist das Kinderbildungsgesetz, das es seit 2008 gibt und das das starre Gesetz über Tageseinrichtungen für Kinder (GTK) von 1993 ablöste. Es macht diese Flexibilität schwer möglich. Es legt die Pakete auf 25, 35 und 45 Stunden fest. 25 Stunden bedeutet von 7 bis 12 Uhr an fünf Tagen in der Woche. 9 bis 14 Uhr hingegen geht nicht.

Warum sind die Kita-Betreuungszeiten eigentlich so starr? Und wann ändert sich das?

Birgit Maciejewski, Leiterin der evangelischen Kita "Unterm Sternenhimmel" am Brückenweg. © Tobias Weckenbrock

Die Kita „Unterm Sternenhimmel“ in Castrop, gleich hinter der Pauluskirche, ist so eine Einrichtung: drei Gruppen, knapp 60 Plätze - aber ziemlich starre Zeiten. „Das KiBiz würde auch fexible Stundenmodelle möglich machen“, sagt Elisabeth Weyen, Geschäftsführerin der Kindergartengemeinschaft im Kirchenkreis Herne. Darin seien nicht per se Stundenmodelle vorgegeben. „Das Problem aber sind die Rahmenbedingungen, vor allem die Pauschale, die ein Träger für die von Familien gebuchten Stunden bekommt. Daraus muss man die Personal- und Sachkosten einer Einrichtung finanzieren.“ Eine Kita muss sich für Träger finanziell rechnen. Und ein Träger beziehungsweise dessen Mitarbeiterinnen in der Einrichtung werden bezahlt nach der Summe der Stunden, die gebucht wurden. Je mehr Stunden, desto mehr Personal. Brutto-Stunden wohlgemerkt: Wer 45 Stunden bucht, aber sein Kind nur 27 Stunden netto dort lässt, beschert der Einrichtung das Geld für 45 Stunden.

Die KiBiz-Angebotspalette bezeichnet Angelika Kirstein als Basis-Angebot in ihren Rasselbande-Einrichtungen - es sind inzwischen neben Castrop-Rauxel Standorte in Dülmen, Ahaus, Vreden, Gelsenkirchen und Recklinghausen dazu gekommen. Schwerte, Haltern am See, Moers und Bochum sind gerade in Planung. Ganz frisch sind Gespräche über eine weitere Rasselbande in Castrop-Rauxel. Dazu haben Eltern dort zusätzliche Möglichkeiten der Buchung: Es gibt eine Notfallbetreuungs-Option zum Beispiel an Brückentagen oder wenn Tagesmütter erkrankt sind oder wenn Großeltern, die die Betreuung sonst übernehmen, in den Urlaub fahren. Man kann punktuell auch Betreuung vor 7 Uhr oder nach 18 Uhr buchen: Die Kinder gehen dann mit in die Familien der Mitarbeiterinnen. Es gibt optional einen Fahrdienst, der Kinder zu Hause abholt, falls die Eltern schon um 6.30 Uhr zur Arbeit müssen.

Herzstück aber ist das flexible Buchungssystem: Es gibt eine Stundentafel von 7 bis 18 Uhr, auf Anfrage eben auch bis 20 Uhr, an sechs Tagen, also auch am Samstag. Eltern können mit der Einrichtung individuelle Stundenpläne absprechen: So kann für samstags arbeitende Eltern auch der Mittwoch zum Familientag werden, weil das Kind nicht Mittwoch, sondern Samstag in die Kita geht. „Wir möchten so wenig wie möglich öffentliche Stunden ausgeben, also nur das, was die Eltern wirklich brauchen“, erklärt Angelika Kirstein. Man kann auch an drei Tagen von 8.30 Uhr bis 17 Uhr buchen, so kommt man dann zum Beispiel auf die 25-Stunden-Stufe. Wenn dann doch noch ein Dienstag bis 18 Uhr notwendig ist, dann zahlen die Eltern 3 Euro pro Stunde an die Rasselbande direkt. „Das ist eine deutliche Senkung des Beitrags nach KiBiz“, sagt Kirstein. Hinzu kommt allerdings ein Flexibilitäts-Grundbeitrag von 30 Euro im Monat. Auch eine Spontanbuchung von bis zu viereinhalb Stunden ist einmalig möglich - wenn es für Eltern im Job zu einem speziellen Noteinsatz kommt etwa. Das kostet 13,50 Euro.

Eigentlich ist dieses Kinderhaus-Konzept eines für Unternehmen. Denn die Rasselbande wird eigentlich als Tagesstätte für eine Firma oder ein Firmennetzwerk gegründet. Seit 1998 ist der einstige e.V. eine gemeinnützige GmbH, seit einigen Jahren gibt es auch die do-it Projekt GmbH, mit der Kirstein Unternehmen bei genau diesen Fragen berät. „Wir verkörpern eines meiner Ziele: die Zusammenführung von Wirtschaft, Jugendförderung und Unternehmen.“, so Kirstein. „Wir arbeiten als Ergänzung zu den Einrichtungen, die es in einer Kommune schon gibt. Wir bieten eine Infrastruktur an, die wirtschaftspolitisch tragfähig ist, um Unternehmen anzusiedeln - und damit die Fachkräfte zu finden.“ Ein Standortfaktor für eine Firma ist heute auch die soziale Infrastruktur: Finden Familien gute Betreuungsmöglichkeiten in einer Stadt, sind sie eher bereit, sich dort anzusiedeln und für ein Unternehmen zu arbeiten.

Genau das merken zurzeit Pflegedienste: Hier ist der Fachkräftemangel mehr als angekommen. „Wir sind schon mitten im Kollaps, was den Fachkräftemangel angeht“, sagt Martina Rosenberger. Ihr Kollege Ralf Sprave, der die Ambulante Pflege Sprave aufbaute, sieht das genauso. „Dabei sind wir“, und dabei meint er alle Altenpflegedienste und -einrichtungen zusammen, „mit über 1000 Vollzeitbeschäftigten in Castrop-Rauxel und 80 Auszubildenden der Jobmotor Nummer 1.“

Das Problem der Unternehmer auf diesem Sektor: Sie finden kaum Leute, und wenn sie welche finden, dann sind das oft Mütter. Regel-Arbeitszeiten in der mobilen Altenpflege von etwa 8 bis 16 Uhr sind nicht zu halten, wenn die Kita auch um 16 Uhr endet. „Wir versorgen täglich 160 Kunden“, so Rosenberger. „Für uns sind diese starren Betreuungszeiten schlecht.“ Sie regt an: Warum kann eine Kita nicht auch nach Stundenkonten arbeiten, so wie die Pflegerinnen bei ihr? So wie die Rasselbande? Auch die starren Zeiten der Offenen Ganztagsschulen seien ihr und ihren Mitarbeiterinnen ein Dorn im Auge. Sie werde sich in jedem Fall mal an Angelika Kirstein wenden - vielleicht ja als Pflege-Netzwerk, das gemeinsam eine Kita oder eine kleinere Form der Betreuung aufbauen könnte. Dabei könnte die Do-It-Projekt-GmbH helfen, auch das bietet sie an.

Die zentrale Frage aber bleibt: Warum aber kann nicht jede Kita sich flexibilisieren? Außer der Rasselbande und dem Programm „Kita Plus“ gibt es in Castrop-Rauxel nichts ohne die Starrheit für noch nicht schulpflichtige Kinder.

Und das Kita-plus-Projekt ist zum 31. Dezember 2018 ausgelaufen. Die Stadtverwaltung führt das Programm bis zum Ende des Kita-Jahres im Sommer weiter - auch ohne den Bescheid vom Bund, dass es weiter finanziert wird. „Wir hoffen sogar, dass zum Standard wird, dass die Kitas längere Öffnungszeiten anbieten können“, sagt Claudia Wimber, Leiterin der Kinder- und Jugendförderung der Stadt. Konkret hofft man, dass die Finanzierung erst einmal für zwei Jahre weiterläuft.

„Die Stadt hat uns gegenüber mehrfach Andeutungen gemacht, dass sie die Initiative suchen wolle“, sagt Altenpflege-Unternehmerin Martina Rosenberger. Erst Mitte November nach dem Ausschuss für Wirtschaftsförderung, in dem die flexible Kita-Betreuung zentrales Thema war und alle genannten Akteure zugegen, habe Abteilungsleiterin Claudia Wimber Rosenberger und Sprave angesprochen. „Sie wolle die Pflegedienste an einen Tisch bekommen, um eine Betreuungszeiten-Regelung zu finden, die auch für mehr Berufsrückkehrer sorgt. Mütter, die ein Examen gemacht haben und gern arbeiten würden.“

Sie selbst dachte in der Not schon mal über eine „Mutti-Tour“ in der mobilen Altenpflege nach: von 7.45 Uhr bis 11 Uhr. Das geht zwar, aber es hat weitere Probleme zur Folge: „Da kommt man nicht mal auf 20 Wochenarbeits-Stunden“, so Rosenberger. „Und Sie brauchen für jede Mitarbeiterin ein Auto, einen Stellplatz, Arbeitsmittel, dienstärztliche Dinge. Es ist einfach nicht erstrebenswert, sehr viele Leute in einem sehr geringen Stundenumfang zu beschäftigen. Ich habe 22 Parkplätze - irgendwann ist das ein Kollaps für einen Betrieb wie meinen.“

Das Grundsatzproblem bleibt: Flexible, bedarfsgerechte Betreuungsangebote setzen eine auskömmliche Finanzierung voraus. Die derzeitigen Kindpauschalen nach dem Kinderbildungsgesetz (KiBiz) decken jedoch nicht die Kosten für das Angebot einer flexiblen Betreuungsleistung außerhalb der ursprünglichen Regelbetreuung. „Wenn Kinder zu sehr flexiblen Zeiten da wären“, sagt Elisabeth Weyen vom Kirchenkreis, „müsste zu jeder Zeit gewährleistet sein, dass genug Mitarbeiter da sind. Ich müsste das Personal also strecken, um die ganzen Betreuungszeiten abzudecken. Mal kommen zwei, mal 15, mal 25 Kinder. Es wären nicht mehr 45, sondern 60 Öffnungsstunden pro Woche. 15 Stunden mehr mit zwei Mitarbeitern, also 30 Stunden: Dann müsste man eine ganze weitere Stelle finanzieren. Und man hätte einen gesteigerten Organisationsaufwand.“

Sternenhimmel-Leiterin Birgit Maciejewski formuliert ein pädagogisches Problem. Kinder müssten die Möglichkeit haben, Bindung aufzubauen zu einer Bezugsperson. Das bräuchten sie. „Jedes Kind hat seine Lieblingserzieher“, sagt die Leiterin. „Um 9 Uhr ist bei uns Morgenkreis, das geht etwa bis 9.20 oder 9.30 Uhr. Da sind die Kinder in ihren Gruppen, mit ihren gewohnten Erziehern. Wir schauen uns an, was ein Kind von zu Hause erzählt, also wie es den Kindern geht. Danach arbeiten wir in unseren Bildungsbereichen: Die Kinder können sich für ein Angebot entscheiden.“ Wenn ein Kind dann mal einen Tag dabei sei, den nächsten nicht, dann könne es einfach nicht mitkommen. „Es kommt immer in einen laufenden Betrieb hinein.“ Wenn sich die Mutter am Nachmittag mal verspäte, weil sie im Stau steht, werde darüber nicht groß diskutiert - das wird geregelt. Aber wenn Verspätung zur Regel wird, dann spreche man die Eltern an, um eine andere Lösung zu finden.

Fest steht: Ein umfassendes Betreuungsangebot kann eine Kindertageseinrichtung nur dann anbieten, wenn zu den Kindpauschalen für 25, 35 und 45 Stunden Regelbetreuung zusätzliche Gelder für die flexible Kindertagesbetreuung in das System ließen. Bei der Kita Rasselbande steuern das die Eltern über den kleinen Flexibilitätsbeitrag, vor allem aber die angedockten Unternehmen bei. Für alle Kitas konzipiert gerade die Landesregierung - zusammen mit einem Experten-Beirat: Das Landesjugendamt, der Tagesmütterverband, kommunale Vertreter und der Verband der kirchlichen Träger beraten das FDP-geführte Ministerium um Minister Joachim Stamp bei der Novelle des KiBiz-Gesetzes. Angelika Kirstein ist Teil des Beirats und füllt dort das Teilthema unternehmensnahe Kinderbetreuung mt dem Schwerpunkt Flexibilität mit ihrer Expertise. In mehreren Runden hat sie ihr Rasselbande-Konzept vorgestellt und damit wohl auch überzeugt. Im Sommer 2020 könnte das Gesetz in die Umsetzung gehen. „Stamp hat schnell zu verstehen gegeben, dass sich an der Flexibilität deutlich etwas ändern muss“, so Kirstein. „Fachkräftebindung, Elternzufriedenheit - bei Betrachtung des Zielkonfliktes Flexibilität gegenüber dem Kindeswohl“, sagt sie.

Kirstein hat erkannt: „Es ist ein Haltungswechsel im Kopf, ein Systemwechsel. Wir verstehen uns als Dienstleister, auch wenn man das schlecht so formulieren kann. Denn wir sind Wächter des Kindeswohls und gleichzeitig auf Machbarkeit aus. Was ist gut fürs Kind? Wir machen nicht alles, aber es gibt viel Farbe zwischen Schwarz und Weiß.“ Eine Berufstätigkeit beider Eltern sei heute die Normalität. „Was ist eigentlich mit dem Wohl des Kindes, wenn sich Eltern privat selbst ihre Lösungen stricken müssen?“ Das Thema sei enorm komplex, wenn man es gut machen wolle. „Es ist meine Leidenschaft“, sagt Kirstein, „aber andere Einrichtungen sagen sich: Warum soll ich den Aufwand betreiben? Wir haben eine eigene Software für die Stundentafeln entwickelt.“ Die Erzieherinnen schauen auf dem Tablet nach, wann welche Kinder kommen und gehen. „Wir digitalisieren, wir wollen das System immer einfacher gestalten.“

Nicht alle Kitas, findet Kirstein, müssten in fünf oder zehn Jahren Stundentafeln haben. „Aber es wäre schön, wenn in jeder Stadt ein Träger dieses Angebot machen würde.“ Die Rasselbande habe das Höchstmaß an Flexibilität, „aber es könnte ja auch kleine Schritte geben, wie zum Beispiel flexible Stunden-Zubuchungen.“

Warum sind die Kita-Betreuungszeiten eigentlich so starr? Und wann ändert sich das?

Elisabeth Weyen, Geschäftsführerin der Kindergartengemeinschaft im Kirchenkreis Herne. © Tobias Weckenbrock

Die kirchlichen Träger, sagt Geschäftsführerin Elisabeth Weyen, hätten schon mal durchgerechnet, nachdem die Landesregierung Anfang des Jahres erste Pläne vorlegte: „Wir würden mit dem bisher zugesagten Geld nicht auskommen. Wir könnten unsere Personalkosten dann nicht bestreiten, der Betreuungsaufwand wäre nicht zu leisten.“ Eigene Hochrechnungen hätten ergeben, dass nach den vorliegenden Plänen 2,5 Milliarden Euro fehlen, wenn man das neue Gesetz so umsetzen würde, wie die Landesregierung es sich wünscht, so Weyen. Sie sagt trotzdem: „In nicht allzu ferner Zukunft wird es sicher viel flexiblere Modelle geben. Die Frage ist, wie man eine Kita dann pädagogisch-konzeptionell gut aufstellt. Kinder brauchen Rituale und einen verlässlichen Rhythmus.“

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