Wilhelm Winkelmann, Kolumnist für das Verlagshaus Lensingmedia. © Tobias Weckenbrock

Warum gibt es Menschen, die gut ein Leben als Single verbringen können?

Eine Kernfrage unseres Lebens: Wie kann ich glücklich sein? Für viele Singles bedeutet sie: Wie kann ich ohne Partner vollkommen werden? Kolumnist Winkelmann über den Lebensweg zur Unabhängigkeit.

Als ich 1991 die Sinus-Selbsthilfe (Sinus steht für: Seelen In Not Und Solidarität) gründete, wollte ich Menschen mit seelischen Problemen begleiten, meine Erfahrungen an sie weitergeben und sie möglichst schnell an Psychotherapeuten vermitteln, damit sie die NOT-wendige fachliche Hilfe erhalten. Dabei machte ich die Erfahrung, dass viele Leidende, die zu mir kamen, schon jahrelange Therapien hinter sich und noch keine ausreichende Hilfe erhalten hatten.

Zur Kolumne „Rezepte gegen Einsamkeit“

Wilhelm Winkelmann (86) ist emeritierter Diakon in Castrop-Rauxel. Nach seiner Pensionierung half der Diplom-Sozialarbeiter als Psychocoach Menschen mit seelischen Problemen. Für unser Portal schreibt der verheiratete Großvater von acht Enkelkindern über Hintergründe der Einsamkeit, ihre Wirkung auf den Menschen und wie man mit den oft problematischen Folgen umgehen kann.

Viele waren suizidgefährdet und hatten die Erwartung, dass ich ihnen helfen könnte. Deshalb war es mir nicht möglich, ihnen zu sagen: „Wenn dir bisher keine Therapie geholfen hat, dann kann ich dir auch nicht helfen.“ Das hätte zur Folge gehabt, dass einige, die keine Hoffnung mehr hatten, gesund zu werden, sich vielleicht das Leben nehmen würden.

„Liebe ist das beste Psychopharmakon“

Aufgrund meiner Ausbildungen wusste ich: Wenn nichts hilft, dann hilft nur noch Liebe; denn Liebe ist das beste Psychopharmakon. Also schenkte ich den Menschen, die vorher keine ausreichende Liebe erhalten hatten, meine bedingungslose Elternliebe. Es kamen überwiegend Frauen in den mittleren Jahren im Alter meiner Töchter zu mir.

Zusätzlich entwickelte ich mit den Leidenden eine natürliche Heilmethode, die vielen geholfen hat, (wieder oder erstmalig) ein normales Leben – auch in einer Partnerschaft – zu führen. Darüber hinaus waren sie in der Lage, sich selbst zu helfen, weil sie nun wussten, wie sie sich verhalten mussten, um nicht mehr rückfällig zu werden. Sie waren auch nicht mehr auf meine Begleitung angewiesen; denn sie waren jetzt junge Erwachsene, die nicht mehr von Elternliebe abhängig waren.

„Bloß Lob und Anerkennung sind zu wenig.“

Wilhelm Winkelmann

Warum ich das schreibe: Voraussetzung dafür, dass ein Mensch ohne Partner als Single leben kann, ist, dass er liebesfähig ist; denn solange er das nicht ist, kann er nicht emotional unabhängig und frei von anderen Menschen leben. Wenn es jemand trotzdem versucht, dann deshalb, weil er nicht bindungsfähig ist, weil er durch Menschen traumatisiert wurde, weil er das Vertrauen zu Menschen verloren und deshalb Angst vor Nähe hat.

Er kompensiert dadurch, dass er seine „Liebe“ auf Tiere projiziert, ein Helfersyndrom entwickelt, und süchtig wird – vor allem arbeits-, karriere- und geldsüchtig – um Lob und Anerkennung zu erhalten. Doch Lob und Anerkennung sind zu wenig, weil nur Liebe dem Menschen die Erfüllung gibt, die er zu einem glücklichen und zufriedenen Leben baucht.

Sich selbst lieben und Liebe schenken

Menschen, die genug Liebe erhalten haben und dadurch fähig sind, sich selbst und andere zu lieben, sind fähig und bereit, ihre Liebe an Kinder weiterzuschenken. Sie werden den Menschen, die sie sich vertraut gemacht haben, treu bleiben, solange sie aufeinander angewiesen sind.

Singles mit diesen Fähigkeiten können auch allein leben, weil sie emotional unabhängig sind und ihr Leben genießen können. Diese Reife erlangt der Mensch in der Regel aber erst in der zweiten Lebenshälfte, wenn er in seiner Entwicklung nicht stehen bleibt und sich krampfhaft bemüht, seine „Jugend“ zu konservieren mit dem Wunsch, lieber nochmal 20 zu sein. Das wäre eine völlige Fehlentwicklung und keine gute Idee, um glücklich zu werden.

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