Knast ohne Selbstmorde: Warum der Meisenhof dem Todes-Trend in NRW-Gefängnissen nicht folgt

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Trotz Vorbeugung bringen sich immer wieder Häftlinge um. Elf Selbsttötungen gab es 2019 in NRW-Gefängnissen. Die JVA in Ickern hingegen meldet eine Null. Seit Jahren. Warum eigentlich?

Ickern

, 30.01.2020, 14:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Trotz verstärkter Präventionsmaßnahmen in den nordrhein-westfälischen Haftanstalten haben sich im vergangenen Jahr elf Gefangene hinter Gittern umgebracht.

Wie die Landesjustizvollzugsdirektion auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur in Düsseldorf mitteilte, hatte es auch ein Jahr zuvor elf Suizide in Haft gegeben. Ein Langzeitvergleich zeigt den Angaben zufolge stark schwankende Zahlen: Die meisten Selbstmorde hinter Gittern waren in den Jahren 1992 und 1997 mit jeweils 27 Fällen zu beklagen.

Im offenen Vollzug der JVA Meisenhof in Ickern beläuft sich die Zahl bei null: „In den vergangenen zehn Jahren gab es keine Suizide von Gefangenen“, meldet Andrea Bögge, stellvertretende Anstaltsleiterin, auf Anfrage unserer Redaktion. In NRW gab es nach Angaben des Justizministeriums in den vergangenen zehn Jahren nur zwei Suizide, die im offenen Vollzug stattgefunden haben: 2012 und 2018 jeweils ein Suizid in der JVA Euskirchen.

Gefangene Arbeiten auf das Leben draußen hin

Warum die Zahlen hier so niedrig sind? „Im offenen Vollzug werden die Gefangenen fit gemacht für ein straffreies Leben nach der Entlassung“, erklärt Bögge. Es sei die letzte Phase des Lebens im Justizvollzug. Danach kommt die Freiheit. Daher seien die Gefangenen sehr zukunftsorientiert und arbeiten auf ihr Leben draußen hin.

Bögge: „Konsequenzen aus einer persönlichen Lebensbilanz werden in die Energie investiert, durch eigene Anstrengungen die Voraussetzungen für eine zum Teil vorzeitige Entlassung zu schaffen.“ Das sei die Stärkung familiärer Bande, regelmäßige Arbeit und gegebenenfalls die Teilnahme an Präventionsgruppen.

Dennoch seien die Bediensteten immer in Alarmbereitschaft und würden regelmäßig hinsichtlich der Anzeichen für Selbsttötungen sensibilisiert. Da sie in der Regel sehr eng mit den Gefangenen zusammenarbeiten, können sie nach Angaben von Bögge die Charaktere gut einschätzen.

Wenn Anzeichen für nicht erklärbare Verhaltensänderungen oder negative Stimmungen feststellbar seien, werde das Gespräch mit dem Gefangenen gesucht, um die Ursachen herauszufinden. Danach werde im Team beraten, wie damit umzugehen ist und welche besonderen Unterstützungsmaßnahmen der Gefangene braucht.

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Nach dem Tod eines unschuldig in Kleve inhaftierten Syrers, der nach einem Feuer in seiner Zelle gestorben war, hatte NRW-Justizminister Peter Biesenbach (CDU) Ende 2018 die Vorgaben zur Suizidprävention in einem Erlass verschärft. Nach einem verpflichtenden Gefährdungstest bei der Aufnahme eines Gefangenen sind seitdem im ersten Haftjahr weitere Überprüfungen im Abstand von drei Monaten oder anlassbezogen auch weitere „Screenings“ vorgesehen.

Eine Stelle mehr seit 2019

Dr. Marcus Strunk, Sprecher des NRW-Justizministeriums erklärt, dass es in den Justizvollzugsanstalten Psychologen als Suizidpräventionsbeauftragte gibt. Die sollen die Maßnahmen zur Suizidprävention in der JVA überprüfen, koordinieren und ausbauen. Strunk: „Außerdem sollen sie die Bediensteten in den Anstalten schulen und diese für die Erkennung entsprechender Gefahren sensibilisieren.“

Nach dem Erlass wurde in NRW die Stellenanzahl für Bedienstete des Allgemeinen Vollzugsdienstes aufgestockt. Die JVA in Ickern bekam im Jahr 2019 eine zusätzliche Stelle zugewiesen.

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