Tattoo-Entferner nimmt Kredit auf, investiert 50.000 Euro – und muss seine Arbeit aufgeben

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Maximilian Scheefeldt investierte viel - fast 50.000 Euro um sich als Tattoo-Entferner selbstständig zu machen. Eine Gesetzesnovelle aber macht nun alle Pläne kaputt.

04.10.2018, 11:02 Uhr / Lesedauer: 5 min

Vor knapp einem Jahr hat der 27-jährige Castrop-Rauxeler Maximilian Scheefeldt den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt: Er nahm einen Kredit über 45.000 Euro auf und machte sich als Tattoo-Entferner selbstständig. Zunächst mit einer eigenen Filiale in Dortmund, dann arbeitete er im Castrop-Rauxeler Tattoo-Studio „Art Effect“ (seit Kurzem ansässig in der Von-Hofmann-Str. 2). Dort, wo seine zukünftigen Kunden sich bunte Bilder in die Haut stechen ließen.

Der Trend zu Tätowierungen ist ungebrochen. Wie eine Umfrage des Institutes Statista aus dem vergangenen Jahr zeigt, trägt jeder vierte Deutsche mindestens ein Tattoo, laut einer Umfrage der Uni Leipzig ist es jeder fünfte. Irgendwo dazwischen dürfte die Wahrheit liegen.

Früher hatten hauptsächlich Seemänner und Prostituierte Tattoos. Das hat sich längst geändert. „Die Leute wollen mehr Individualität“, glaubt Maximilian Scheefeldt, der selbst Tattoos trägt. In Zeiten von Instagram und Facebook nehme das Thema Selbstdarstellung einen hohen Stellenwert ein. Manche möchten sich auch selbst beweisen und diesen Schmerz ertragen.

Doch Scheefeldt weiß: Auch bei Tattoos gibt es Trends. Eine Zeit lang waren die „Arschgeweihe“ der letzte Schrei. Genau die hat er zuletzt mit seinem Laser entfernt. „Meine Kunden wollten sich von ihren Tattoos trennen, weil sie nicht mehr zu ihnen passen - oder auch, weil sie Platz für Neues brauchen.“ Dort, wo zuletzt die bekannten Schnörkel oberhalb des Gesäßes gestochen wurden, sei jetzt Platz für den aktuellen Trend: Mandalas.

Infografik: Jeder vierte Deutsche ist tätowiert | Statista Mehr Infografiken finden Sie bei Statista

Scheefeldt selbst entfernt sich auch gerade eines seiner Bilder auf dem Unterschenkel: „Das war einfach nicht gut gemacht“, erklärt er. Unsauber gestochen sei es gewesen. Und die Farbe war verblasst.

Doch genau das wird in Zukunft für Nicht-Mediziner verboten sein. Das Bundesumweltministerium hat hierzu eine Verordnung zur Modernisierung des Strahlenschutzrechts erarbeitet, die bereits vom Kabinett abgesegnet wurde. Nach Angaben des Ministeriums soll die Regelung zum 1. Januar 2019 in Kraft treten. Dann dürfen Tattoos nur noch von Fachärzten entfernt werden. Der Bundesrat muss sich in der zweiten Oktoberhälfte noch damit befassen. Vorgesehen ist dann eine Übergangszeit von drei Monaten.

Um zu verstehen, warum die Entfernung gefährlich ist, muss man wissen, wie das Tätowieren überhaupt funktioniert.

Das passiert beim Tätowieren

Schwer lösliche Farben werden über Nadeln unter die Haut gebracht. Damit die Farbpigmente sich dort dauerhaft einlagern, muss die Nadel bis in die zweite Hautschicht vordringen. Von dort aus kann die Haut die Pigmente nicht mehr nach oben transportieren und abbauen. Stattdessen werden die Pigmente eingekapselt und das tätowierte Motiv bleibt erhalten.

Was, wenn das Tattoo wieder weg soll?

Der Laserstrahl erhitzt die getroffenen Pigmente und bringt sie zum Platzen, ohne dabei die umliegende Haut zu verletzen. Die Pigmente zerspringen in winzige Farbpartikel, die von den körpereigenen Fresszellen aufgenommen und schließlich über Nieren und Darm ausgeschieden werden. Um ein Tattoo zu entfernen, sind immer mehrere Behandlungen erforderlich. Je nach Größe und Intensität 8 bis 15 Sitzungen. Die Tätowierung verschwindet also nicht auf einmal, sondern nach und nach.

Die Probleme beim Tätowieren

„Aus ärztlicher Sicht kann man nur davon abraten“, sagt der Castrop-Rauxeler Dermatologe Dr. Karl-Heinz Brune und zählt die Probleme auf.

  • Die Farbe bleibt lebenslang in der Haut. „Die Substanzen sammeln sich in Leber und Lymphknoten an“, so Brune. Bildet sich ein Hautkrebs, können mögliche Metastasen aufgrund der schwarzen Pigmentierung in den Lymphknoten schlecht lokalisiert werden.
  • Hautarzt Brune übernimmt keine Garantie bei der Hautkrebsvorsorge, wenn ein Muttermal im Bereich einer Tätowierung ist. Er könne den Verlauf dann nicht richtig beurteilen.
  • Apropos Krebs: Ein Hauptproblem sieht Brune bei den Farben. Tatsächlich gibt es keine Regeln, was bei den Inhaltsstoffen erlaubt ist und was nicht. Seit dem Jahr 2008 gibt es eine Tätowiermittelverordnung mit einer Negativliste, in der geregelt ist, was nicht in den Farben vorkommen darf. Kontrolliert wird selten oder nie. Maximilian Scheefeldt weiß: „Bei Rot und Grün sind ganz klar Lackstoffe drin.“ Arsen, Nickel, Quecksilber und Konservierungsstoffe sind ebenfalls Bestandteile der Farbe, die für den Körper nicht gesund sind. „Sie können Krebs auslösen“, so Brune. Die Pigmente könnten durch den Körper wandern und Schaden anrichten.
  • Zudem hätten die Farben Allergiepotenzial und gewisse Farben werden von den Kunden nicht vertragen. Es entstehen Knötchen, die im schlimmsten Fall rausgeschnitten werden müssen.
  • Es könnten auch bakterielle Krankheitserreger in den Farben stecken, dadurch gebe es eine Infektionsgefahr.
  • Um die Farbe dauerhaft aufzutragen, muss bis in die sogenannte Lederhaut gestochen werden. Dort liegen auch die Schweißdrüsen. Für Brune ebenfalls ein Kritikpunkt. Die Schweißdrüsen könnten dann nicht mehr richtig arbeiten.

Maximilian Scheefeldt erklärt, dass die Tattoo-Studios kein Interesse daran hätten, schlechte Farben zu verwenden. Dann würden die Kunden kurze Zeit später wieder auf der Matte stehen und sich beschweren. Tätowierer wollen jedoch auch nicht zu viel Geld in die Farben investieren. Das Geschäft mit der Nadel muss sich schließlich lohnen.

Die Probleme bei der Entfernung

Um es zusammenzufassen: Es tut weh, es ist teuer und nicht ungefährlich. Das Bundesumweltministerium formuliert es so: Derartige Anwendungen sind mit erheblichen gesundheitlichen Risiken verbunden, wie Verbrennungen, Narbenbildung und die Erschwerung der Diagnose und Therapie von Hautkrebserkrankungen. Bei der Entfernung von Tattoos mit dem Laser können sich kleinste Farbteilchen in den Lymphknoten anreichern.

Nach einer Studie des Forschungsinstituts Aproxima im Auftrag des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS) haben sich mehrere Zehntausend Menschen in Deutschland schon mal ein Tattoo per Laser entfernen lassen. Der Studie zufolge kommt es allgemein bei Laserbehandlungen in mehr als jedem sechsten Fall zu bleibenden Nebenwirkungen. Dazu gehören etwa Hell- und Dunkelfärbungen der Haut, aber auch Narben.

Tattoo-Entferner Maximilian Scheefeldt hält dagegen. Er ist der Überzeugung, dass die Belastung auf den Organismus weniger groß ist als die Umweltgifte im Ruhrgebiet und auch weniger groß, als eine Schachtel Zigaretten zu rauchen.

Die Probleme mit dem neuen Gesetz

Bislang können Strahlungsquellen wie Laser von jeder Person gewerblich eingesetzt werden, ohne dass eine besondere Qualifikation erforderlich ist. Das soll mit dem neuen Gesetz geändert werden. Für Maximilian Scheefeldt ein Dilemma. Er hat nämlich nicht nur einen Gewerbeschein, sondern eine mehrwöchige Ausbildung inklusive Laserschutzkurs hinter sich. Zudem macht er eine Ausbildung zum Heilpraktiker und ist gelernter Krankenpfleger.

„Ich hatte mir ein richtiges Konzept für die Tattoo-Entfernung gemacht“, klagt er. „Welcher Arzt hat das?“ Vor Beginn der Behandlungen habe er immer ein Aufklärungsgespräch mit seinen Kunden geführt: „Allergien müssen ausgeschlossen werden, ich muss checken, ob die Kunden Blutverdünner nehmen, ich höre mir an, wie sich das Tattoo bisher verhalten hat.“ Ob Ärzte Tattoos besser entfernen würden? „Schwarze Schafe gibt es überall“, so Scheefeldt. Er vermutet, dass die Ärzte es auch als gute Einnahmequelle sehen und deswegen das Monopol haben wollen. Eine Kassenleistung ist die Tattoo-Entfernung schließlich nicht.

Für den Castrop-Rauxeler kam die Neuregelung völlig überraschend. Sein Laser-Gerät, welches er sich für 17.000 Euro angeschafft hatte, muss er jetzt wieder verkaufen. Und er ist sauer: „Kosmetikerinnen dürfen weiter Haarentfernungen machen. Da ist das Prinzip doch ähnlich.“ Tätowiert werden dürfe auch weiter, obwohl das doch eine subkutane Injektion unter die Haut ist, also mindestes ebenso gefährlich wie das Entfernen mit dem Laser.

In diesem Punkt ist er einer Meinung mit dem Dermatologen Karl-Heinz Brune: „Wir haben so viele Vorschriften in Deutschland, aber Tattoo-Studios müssen nichts nachweisen. Das macht keinen Sinn.“ Für ihn gehört sowohl das Tätowieren als auch das Entfernen in Fachhände: „Selbst für Fachärzte ist das schwierig und unter Umständen unbefriedigend.“ Er selbst hat einen Laser in seiner Praxis, mit dem könne er aber nur kleine Flächen entfernen: „Ein BVB-Emblem auf dem Fingerrücken, das geht gut.“

Und was macht Maximilian Scheefeldt jetzt?

Für den Castrop-Rauxeler war der Ausflug in die Selbstständigkeit kurz, teuer und kräftezehrend. Das Projekt Tattoo-Entfernung hat er an den Haken gehängt. „Ich brauche jetzt erstmal Struktur“, so der 27-Jährige. Er fängt wieder an, als Krankenpfleger zu arbeiten, und macht nebenbei seine Ausbildung zum Heilpraktiker zu Ende.

Was ein Tattoo kostet, hängt davon ab, wie groß es sein soll, an welchem Körperteil es gestochen werden soll und ob es nur die Kontur haben soll oder schattiert bzw. gefärbt. Laut der Plattform tattoorechner.de kostet ein 10 x 10 Zentimeter großes, schwarzes Tattoo auf dem Oberarm 255 Euro. Um ein Tattoo beim Hautarzt zu entfernen braucht es, je nach Größe, 8 bis 15 Sitzungen in ein- bis zweimonatigen Abständen. Jede Sitzung kostet, wieder je nach Fläche, 150 bis 350 Euro.
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