Zu viel Aufhebens? Warum auch wir den Sturm „Sabine“ zu unserem Thema machten

dzUnter uns

Wenn ein Orkan-Tief wie „Sabine“ anrückt, ist das Echo heute größer denn je. Das sorgt für Kritik, auch von Experten. Sind wir zu hektisch oder gar zu vorsichtig geworden? Eine Einordnung.

Castrop-Rauxel

, 10.02.2020, 14:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Jörg Kachelmann ist ein absoluter Medienexperte. Jahrelang war der in der Schweiz lebende Meteorologe Wetter-Moderator für die ARD bei den Tagesthemen. Nach seinem medienwirksamen Gerichtsprozess mit den schweren Vorwürfen, von denen er freigesprochen wurde, ist er nicht von der Bildfläche verschwunden: Er kam mit einem eigenen Wetterdienst zurück. Und ist präsenter denn je - vor allem mit medienkritischen Äußerungen.

Am Montagmorgen sagte er in einem Interview im Deutschlandfunk, er halte die Berichterstattung zum Sturmtief „Sabine“ für total überdreht: Auf einer Gefahrenskala habe schon im Vorfeld „Sabine“ vielleicht Stufe 6 von 10 erreicht - nicht so wie zum Beispiel Sturmtief Lothar, das 1999 vor allem in West- und Südeuropa, aber auch in der Schweiz, auf seiner Skala die 9 erreicht habe. „Sabine ist ein ganz normaler Wintersturm“, so Kachelmann. Schulunterricht absagen? Bahnverkehr einstellen?

Kritik am lauten Medientenor

Es ist auch Kritik am Medientenor, der vor dem Sturmtief „Sabine“ besondere Lautstärke erreichte. Auch wir brachten erste Warninfos am Freitag auf unserem Nachrichtenportal, auch wir stellten unsere Berichterstattung am Sonntagvormittag nach einer spontanen Redaktionskonferenz auf einen Ticker um. Auch wir machten die Nacht zum Tag und hielten unsere Leser auf dem Laufenden.

Denn dass überall der Schulunterricht abgesagt wird, dass Sportveranstaltungen abgesagt werden, dass die Wetter-Warndienste unablässig Meldungen herausgeben: Das ist nicht alltäglich. Und es kamen unablässig neue Wendungen hinzu.

Unsere Aufgabe und unser Ansinnen ist und war nicht, Aufregung zu schüren. Auch wenn uns Leser das bei Facebook vorwarfen: Der Sturm sei ja gar noch nicht da, hieß es am Sonntag. Er sei ja nicht so schlimm, hieß es über Nacht. Und am Montag hieß es: Außer ein paar abgeknickten Ästen nichts gewesen.

Was wäre gewesen, wenn...?

Ja, im Nachhinein ist man immer schlauer. Aber die Warnlage war schon höher als vor anderen Stürmen. Das muss sich auch Jörg Kachelmann mit seinem Wetterdienst gefallen lassen, der unter anderem über Twitter und seine Webseite große Reichweiten mit diversen Warnungen (und klimatologischen Erklärungen) erzielte.

Was wäre denn gewesen, wenn es umgekehrt wäre? Wir würden unsere Reporterkapazitäten nicht auf eine Sturmnacht auslegen, und es fielen überall Bäume um wie einst beim Pfingststurm „Ela“? Die Schulen würden den Unterricht nicht absagen, und auf dem Schulweg käme ein Kind in Castrop-Rauxel ums Leben? Dann müssten sich Entscheider vorwerfen lassen, Fehler gemacht zu haben.

Sicherheit geht vor. Nicht überdreht, nicht aufgeregt, aber durchaus aufmerksam sollten auch wir Medien damit umgehen.

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