Dank ihrer Fachwerk-Konstruktion konnte die Villa Brüggemann am Postplatz in Schwerte im Jahre 1908 ab- und am Talweg als Doppel-Wohnhaus wieder aufgebaut werden. Auch ein neuer Kastanienbaum wurde daneben in die Erde gesetzt. © Reinhard Schmitz (A)
Immobilie der Woche

Villa eines Amtsrichters wurde einst aus der City an den Stadtrand verfrachtet

Das Wort Recycling kannten sie nicht. Die Schwerter taten es einfach, als sie 1908 einen Bauplatz für ihre Post brauchten. Dort stand eine Villa, die an anderer Stelle als Mehrfamilienhaus wieder aufgebaut wurde.

Ein ganzes Haus verladen auf Umzugswagen: Ein Riesen-Spektakel muss es in Schwerte gewesen sein, als die Villa des Amtsrichters Brügmann im Jahre 1908 aus der City an den nördlichen Ortsrand umzog. Der Wohnsitz des Juristen wurde am Postplatz ab- und im Außenbereich unweit der B236 wieder aufgebaut. Gründe der Stadtentwicklung machten die aufwendige Aktion erforderlich.

Die Kaiserliche Post brauchte Platz für eine repräsentative Station

„Das Haus musste damals Platz machen für den Bau des neuen Postamts“, weiß der Klaus Gerhold, der in seinem privaten Archiv Material über die ungewöhnliche Recycling-Aktion gesammelt hat. Die repräsentative Brief- und Telegrafen-Station sollte den Eingang des neuen Stadtviertels außerhalb der mittelalterlichen Stadtmauer markieren, das in Richtung des einige Jahrzehnte zuvor eröffneten Bahnhofs gewachsen war. Um ihre Bedeutung zu unterstreichen, wurde gleichzeitig der Postplatz angelegt.

Die Villa des Richters Brügmann an ihrem ursprünglichen Standort am Postplatz in Schwerte, wo sie im Jahre 1908 dem Bau des Kaiserlichen Postamts weichen musste. Es blieb dort nur eine der beiden Kastanien aus ihrem Garten.
Die Villa des Richters Brügmann an ihrem ursprünglichen Standort am Postplatz in Schwerte, wo sie im Jahre 1908 dem Bau des Kaiserlichen Postamts weichen musste. Es blieb dort nur eine der beiden Kastanien aus ihrem Garten. © Stadtarchiv Schwerte © Stadtarchiv Schwerte

Diesen stadtplanerischen Absichten stand die Richter-Villa im klassizistischen Stil im Wege. Ihre Fachwerk-Konstruktion, die sich hinter der massiv erscheinenden Fassade verbarg, ermöglichte aber einen Umzug. Die Ausmauerungen wurden aus dem Ständerwerk herausgebrochen, das anschließend in seine Einzelteile zerlegt werden konnte. Im Außenbereich wurden diese wieder zu einem Doppelwohnhaus zusammengesetzt. Nur der herrschaftliche Eingang mit Freitreppe und Säulendach verschwand beim Wiederaufbau für immer.

Anstelle der Richter-Villa entstand das repräsentative Kaiserliche Postamt mit einem Telegrafen-Türmchen. Dort wurde diese Postkarte am 17. März 1909 abgestempelt.
Anstelle der Richter-Villa entstand das repräsentative Kaiserliche Postamt mit einem Telegrafen-Türmchen. Dort wurde diese Postkarte am 17. März 1909 abgestempelt. © Sammlung Rudolf Kassel © Sammlung Rudolf Kassel

Verändert hat sich mittlerweile auch die Fensterteilung in der Fassade, die im Jahre 1970 eine damals moderne Eternit-Verkleidung erhielt. Nur die östliche Seite zur B 236 hin ist immer noch nackt geblieben und gibt den Blick frei auf die alten Fachwerk-Balken.

Von der Villa blieb am Postplatz bis heute die Kastanie aus dem Garten

Eine schöne Erinnerung an die Villa blieb am Postplatz in Schwerte zurück: Die heute mächtige Kastanie spendete schon im Garten von Richter Brügmann als junger Baum kühlenden Schatten. Dass sie stehenblieb, ist dem raschen Eingreifen des damaligen Bürgermeisters Emil Rohrmann zu verdanken.

Denn die Bauarbeiter, die das Postamt errichten sollten, wollten den Baum am liebsten kurz und klein sägen. Eine weitere Kastanie in dem früheren Garten hatten sie bereits gefällt, als der Bürgermeister von der voreiligen Aktion Wind bekam. Schnell war er am Ort des Geschehens und sprach ein Machtwort.

An ihrem neuen Standort am Talweg sollte die Villa auch nicht ohne Kastanie bleiben. Beim Wiederaufbau wurde neben dem Gebäude ein neuer Baum gepflanzt, unter dem Kinder immer noch in jedem Herbst die braunen Früchte sammeln können – genauso wie am Postplatz.

Über den Autor
Redaktion Schwerte
Reinhard Schmitz, in Schwerte geboren, schrieb und fotografierte schon während des Studiums für die Ruhr Nachrichten. Seit 1991 ist er als Redakteur in seiner Heimatstadt im Einsatz und begeistert, dass es dort immer noch Neues zu entdecken gibt.
Zur Autorenseite
Reinhard Schmitz

Der neue Lokalsport-Newsletter für Dorsten

Immer freitags um 18:30 Uhr das Wichtigste aus dem Dorstener Lokalsport direkt in Ihr E-Mail-Postfach.

Informationen zur Datenverarbeitung im Rahmen des Newsletters finden Sie hier.