Von 15 bis 23 Uhr räumt EUV-Mitarbeiter Dirk Schlüter an diesem Mittwoch (10.2.) die Nebenstraßen in Castrop-Rauxel vom Schnee. © Matthias Langrock
Schnee und Eis

Unterwegs mit dem EUV: „Wer meckert, soll ne Schneeschippe in die Hand nehmen“

Bei einigen Castrop-Rauxelern steht der Winterdienst in der Kritik, weil die Straßen nicht frei sein. Und man ärgert sich wegen voller Mülltonnen. Wir haben den EUV am Mittwochabend begleitet.

Bis zu zwölf Großfahrzeuge des EUV rollen seit Samstagabend durch die Straßen von Castrop-Rauxel. Zwölf Fahrzeuge, die Schnee beiseite räumen und Salz streuen. Bis Dienstag fast ausschließlich auf den Hauptstraßen, seitdem zunehmend auf den Nebenstraßen. Trotzdem sehen vieler dieser Straßen noch weiß aus. Mülltonnen werden wegen des Schnees die ganze Woche nicht geleert.

Das ärgert viele Bürger. Und sie machen ihrem Ärger Luft – zum Beispiel auf der Facebook-Seite des EUV. Es gibt zwar Kommentare wie „Wir gehören zu den Menschen, die für eure Entscheidung vollstes Verständnis haben.“

Das ist bei weitem nicht der einzige positive Kommentar. Aber sie gehen fast unter in anderen teils bösen, teils sarkastischen Bemerkungen: „Dann schöne Betriebsferien. Vielleicht bekommt ihr irgendwann mal was gebacken“, heißt es da. Oder „Wenn ich jedes Mal nicht arbeiten würde, wenn das Wetter nicht passt, würde ich ne Kündigung bekommen und das zu recht! Die spinnen ja wohl!“

„Genau diese sarkastischen Kommentare gehen manchmal unter die Gürtellinie“, sagt Dirk Schlüter. Er wartet auf dem Castroper Marktplatz mit seinem Großfahrzeug auf mich. Und will mir zeigen, wie der Winterdienst des EUV arbeitet. Der 48-Jährige ist ein alter Hase im Winterdienst, macht das schon seit 24 Jahren. Seit 20 Jahren fährt er den Streuwagen. Wenn kein Schnee liegt, kümmert er sich um die Pflege der Sportplätze.

Heute räumt er mit mir auf dem Beifahrersitz auf den Nebenstraßen in Rauxel und Habinghorst. Seit Sonntag ist er im Einsatz, an diesem Mittwoch auch schon seit 15 Uhr. Kurz nach unserem Start gegen 19.30 Uhr nehmen wir uns Holzstraße, Frebergstraße, Mozartstraße und Schubertstraße vor.

Rein körperlich gibt es nichts zu tun

Wobei es mit dem „Vornehmen“ so eine Sache ist. Denn rein körperlich gibt es während unserer Tour nichts zu tun. Vorher musste Dirk Schlüter allerdings schon das Auto beladen. Während der Tour kann es passieren, dass er mal den Salzsteuerer von Verstopfungen befreien muss.

Heute nicht: Dirk Schlüter … fährt. Den Rest erledigt das Auto. Die Schippe vorne schiebt die oberste Schneeschicht von der Straße weg, hinten wird Salz gestreut. Bleibt der Wagen zu lange an einer Stelle stehen, wird automatisch nichts mehr gestreut. Die Dosierung kann Dirk Schlüter selbst einstellen, das geht per Knopfdruck.

Neben der Schaufel das wichtigste Instrument, um die Straßen frei zu bekommen: Der „Salzstreuer“, der hinter dem EUV-Wagen die Eisdecke aufweicht.
Neben der Schaufel das wichtigste Instrument, um die Straßen frei zu bekommen: Der „Salzstreuer“, der hinter dem EUV-Wagen die Eisdecke aufweicht. © Matthias Langrock © Matthias Langrock
Das Gerät zeigt an, dass Dirk Schlüter 10 Gramm Salz pro Quadratmeter streut. Die Menge kann er regulieren.
Das Gerät zeigt an, dass Dirk Schlüter 10 Gramm Salz pro Quadratmeter streut. Die Menge kann er regulieren. © Matthias Langrock © Matthias Langrock

Ehe nur mit Schieben und Streuen die Straße leer ist, dauert es. Das liegt zum einen an der Eisschicht auf der Straße. Denn die möchte sich nicht kampflos geschlagen geben. Und zum anderen an der Gummilippe des Fahrzeugs. „Weil wir die Gummilippe haben, kriegen wir das Eis nicht so gebrochen. Erst muss Salz drauf, damit es antaut. Dann kriegen wir bei der nächsten Fahrt die nächste Schicht runter“, erklärt mir Dirk Schlüter.

Und wie oft muss ein Wagen drüber fahren, damit Schnee und Eis ganz weg sind? „10 bis 15 Touren. Weil wir immer nur Stückchen für Stückchen von dem Eis abkratzen können“, sagt Dirk Schlüter.

Diese Schaufel mit Gummilippe ist für die Räumung der Straßen in Castrop-Rauxel verantwortlich.
Diese Schaufel mit Gummilippe ist für die Räumung der Straßen in Castrop-Rauxel verantwortlich. © Matthias Langrock © Matthias Langrock

Nun ließe sich zwar sagen, ohne Gummilippe würde es schneller gehen. Aber die Folgen sähe man wenige Tage später: Der Asphalt wäre zerkratzt.

Eis und Gummilippe verhindern die schnelle Räumung nicht alleine: „Das größte Problem sind die Fahrzeuge, die weit in die Straßen reinstehen“, erklärt Dirk Schlüter. „Das ist manchmal zu knapp. Manchmal müssen wir die Bürger rausholen.“

Hier wird es zu eng. Dirk Schlüter hupt laut und holt den Fahrer des Wagens aus dem Haus. Wäre es später in der Nacht gewesen, wäre er aus der Straße rückwärts wieder rausgefahren.
Hier wird es zu eng. Dirk Schlüter hupt laut und holt den Fahrer des Wagens aus dem Haus. Wäre es später in der Nacht gewesen, wäre er aus der Straße rückwärts wieder rausgefahren. © Matthias Langrock © Matthias Langrock

Soweit ist es schon wenige Minuten nach dem Start unserer Tour. Ein weißer Lieferwagen steht so weit auf der Straße, dass ein Durchkommen unmöglich ist. Dirk Schlüter hupt mehrmals laut und tatsächlich fühlt sich der Fahrer schnell angesprochen.

Nachdem der Fahrer des weißen Wagens Platz gemacht hat, spricht Dirk Schlüter ihn kurz an.
Nachdem der Fahrer des weißen Wagens Platz gemacht hat, spricht Dirk Schlüter ihn kurz an. Nicht um zu meckern, sondern um ihn darauf hinzuweisen, dass er nicht auf den alten Platz zurückkehren soll. Hier wird heute Nacht noch öfter ein Wagen durchkommen. © Matthias Langrock © Matthias Langrock

Er setzt zurück, macht Platz. Als wir ihn passieren, steigt Dirk Schlüter aus, spricht mit dem Mann. „Nein, angemeckert habe ich ihn nicht“, erklärt er, nachdem er wieder im Wagen sitzt. „Aber ihm gesagt, dass er sich nicht mehr da hinstellen soll. Hier muss ja noch öfter ein Wagen durch.“

Wir haben Glück gehabt. Fürs Hupen war es noch früh genug. Hätte der Transporter um 22 Uhr oder gar noch später dem EUV-Fahrzeug im Weg gestanden, wäre Dirk Schlüter rückwärts wieder rausgefahren. Hupen wäre nachts zu laut. Und Ordnungsamt, Polizei oder Abschleppdienst informiert er generell nicht über Falschparker. „So viel Zeit habe ich gar nicht“, sagt er.

Erst mal geht es für uns weiter. Als Beifahrer habe ich nichts zu tun und nehme auch niemandem den Platz weg. Im Normalfall fährt Dirk Schlüter die Touren alleine. Für ihn bedeutet die Fahrt eine stundenlange Konzentrationsübung. Gerade in den Nebenstraßen. Denn auch wenn es heute nirgendwo zu eng ist, eng ist es immer.

Doch Dirk Schlüter ist sehr routiniert. Ein einziges Mal öffnet er beim Vorbeifahren seine Tür, um direkt den Abstand zum parkenden Wagen zu checken. Für den Rest gilt: geradeaus und durch.

EUV-Mitarbeiter Dirk Schlüter zum Abschluss seiner Tour. Nun muss er noch den Wagen auftanken und ein bisschen reinigen. Für das Auto geht es weiter, für Dirk Schlüter ins Bett.
EUV-Mitarbeiter Dirk Schlüter zum Abschluss seiner Tour. Nun muss er noch den Wagen auftanken und ein bisschen reinigen. Für das Auto geht es weiter, für Dirk Schlüter ins Bett. © Matthias Langrock © Matthias Langrock

Einen Unfall hat er in seinen zwei Jahrzehnten auf dem Bock erst einmal gebaut. Und damals habe sich der Schaden auch auf einen Außenspiegel beschränkt. „Ausgerechnet als ich einem neuen Kollegen die Tour zeigen wollte“, sagt Dirk Schlüter schmunzelnd. Der Beifahrer als schlechtes Omen? Heute nicht. Wir kommen unfallfrei durch. So viel sei verraten.

Ein Unfall hielte den Räumdienst lange auf

Dennoch: Jeder Unfall würde mehr als nur einen Sachschaden bedeuten. Vor allem eine erhebliche Zeitverzögerung. Die Polizei muss kommen, alles aufnehmen. Im Zweifel muss auch der EUV-Wagen selbst vor Ort repariert oder abgeschleppt werden. Für kleine Reparaturen kommt der Werkstattbetrieb des EUV selbst raus, der rund um die Uhr besetzt ist. Das Abschleppen würde ein externer Betrieb erledigen, berichtet Dirk Schlüter.

Für ihn haben Fahrten am Abend und vor allem in der Nacht einen großen Vorteil, sagt Schlüter: Es sind viel weniger andere Autos unterwegs, nirgendwo muss man warten, nirgendwo jemanden durchlassen.

Dafür sind natürlich mehr Autos abgestellt. Und wenn jemand seinen Wagen so parkt wie an diesem Abend in der Frankenstraße, dann ist für ihn kein Durchkommen.

So kann es kommen: Wenn Autos zu eng stehen, kann das Räumfahrzeug gar nicht erst in die Straße hinein fahren.
So kann es kommen: Wenn Autos zu eng stehen, kann das Räumfahrzeug gar nicht erst in die Straße hinein fahren. © Matthias Langrock © Matthias Langrock

Die Frankenstraße bleibt bei dieser Tour deshalb ungeräumt und ungestreut. Vor zwei, drei Stunden ist Dirk Schlüter hier noch durchgekommen. In andere Straßen, die eigentlich auf seiner Tour lägen, fährt er aus anderen Gründen gar nicht erst rein. Zum Beispiel in eine, von der er schon weiß, dass der Wendehammer zugeparkt ist und er kaum mehr rauskäme. „Das macht man besser bei Tageslicht.“

Dienstende nach 100 Kilometern und 1,2 Tonnen Salz

Nach rund zwei Stunden ist unsere Tour zu Ende – und auch Dirk Schlüters Dienst steht kurz vor dem Abschluss. 100 Kilometer wird er am Ende des Tages zurückgelegt und rund 1,2 Tonnen Salz gestreut haben. „Wir machen das nur minimal, wir achten darauf, dass wir nicht zu viel verstreuen. Gerade so, dass es reicht zum Antauen.“

Den Wagen stellt er am Ende nicht einfach nur ab: „Auftanken, neu befüllen, ein bisschen saubermachen“, das sind seine letzten Schritte, bevor es unter die Dusche und ab nach Hause geht.

Und was erhofft er sich von dieser Tour in Pressebegleitung? „Dass die Bürger sich jetzt weniger beschweren. Es kam ja genug, dass wir unsere Arbeit nicht machen. Jetzt sieht man, was wir machen müssen, dass das nicht mal eben so einfach ist. Ich sag immer gerne: Wer meckert, soll einfach ne Schneeschippe in die Hand nehmen und mithelfen. Umso schneller geht das alles.“

Über den Autor
Castrop-Rauxel und Dortmunder Westen
Fühlt sich in Castrop-Rauxel und im Dortmunder Westen gleichermaßen zu Hause. Mag Politik, mag Kultur, mag Sport, respektiert die Wirtschaft und schreibt zur Not über alles, was anfällt.
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Matthias Langrock

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