Keine Busse in Castrop-Rauxel: Einige wissen von nichts, andere steigen um

dzVerdi-Warnstreik

Vergangene Woche haben Mitarbeiter im Rathaus, beim EUV und in Kitas gestreikt. Am Dienstag streiken die Busfahrer: Der Tag hat für viele Schüler und Berufspendler mit Umstellungen begonnen.

Castrop-Rauxel

, 29.09.2020, 08:55 Uhr / Lesedauer: 4 min

Wegen des Warnstreiks der Busfahrer mussten am Dienstagmorgen in Castrop-Rauxel viele Menschen umdenken. Dass keine Busse fuhren, sorgte für mehr Elterntaxis und leere Bushaltestellen. Aber ein paar Leute wussten von nichts.

6.55 Uhr, Grimbergstraße auf Schwerin: Hier fahren um diese Zeit eigentlich eine ganze Reihe Busse – Linien- und Einsatzfahrzeuge. Sie bringen die Leute aus den südlichen Stadtteilen zu den Schulzentren oder zum Bahnhof. Heute ist das anders. Es ist ruhig. Nur einer lehnt am Wartehäuschen der Bushaltestelle. Es ist Khalil (19), der zur Rebeq im Erinpark muss, wie sich herausstellt. Da hätte er heute seinen zweiten Schul- und Arbeitstag.

„Wie, kein Bus?“, fragt er, als wir ihn darauf hinweisen, dass er lange warten könne. „Ich weiß das nicht“, sagt er. Er habe am Vortag von 7 bis 17 Uhr gearbeitet, aber nichts mitbekommen. Er lese keine Nachrichten. Nun muss er wohl zu Fuß gehen, einmal den Berg runter und durch die Altstadt. Das ist zu schaffen. Er dankt und geht los.

Die elektronischen Abfahrtstafeln am Busbahnhof gaben Auskunft.

Die elektronischen Abfahrtstafeln am Busbahnhof gaben Auskunft. © Tobias Weckenbrock

7.10 Uhr, Busbahnhof Münsterplatz: Hier ist es ruhig. Ganz anders als an normalen Werktagen: Dann steppt hier der Bär. Heute fährt kein Bus, stehen hier kaum Menschen. Der EUV kann sogar ganz in Ruhe die Bussteige und die Gossen reinigen. So ruhig wie sonst nie.

Zwei junge Männer kommen aus der Altstadt. Sie werden von einer EUV-Mitarbeiterin angesprochen: keine Busse heute! Das steht auch auf den elektronischen Abfahrtstafeln. Aber sie haben das noch gar nicht gesehen. Sie müssten zum Berufskolleg. Das jetzt zu Fuß? Kaum zu schaffen. Was nun? Der eine greift zum Telefon, er will wohl seinen Vater anrufen. Sie drehen um und gehen.

Das Busdepot am Engelsburgplatz: Die Busse blieben auf dem Hof und in den Garagen. Hier flaggte Verdi den Warnstreik aus.

Das Busdepot am Engelsburgplatz: Die Busse blieben auf dem Hof und in den Garagen. Hier flaggte Verdi den Warnstreik aus. © Tobias Weckenbrock

7.15 Uhr: Am Bus-Depot am Engelsburgplatz sind die Garagen und der Hof voll. Ein paar Busse stehen vorn an der Schranke, sind mit Pappschildern und Verdi-Fahnen ausgestattet. Nur die Pforte ist besetzt, ansonsten ist hier nichts los. Auch das DSW-Servicecenter ist geschlossen. An der Tür hängt ein Plakat, das die Situation erklärt.

Das Kundencenter am Busdepot blieb geschlossen. Ein Schild wies Kunden auf den Warnstreik hin.

Das Kundencenter am Busdepot blieb geschlossen. Ein Schild wies Kunden auf den Warnstreik hin. © Tobias Weckenbrock

7.20 Uhr. An der Haltestelle Lunastraße, direkt vorm Ernst-Barlach-Gymnasium (EBG), sitzt um 7.20 Uhr eine Frau. Sie wolle nach Recklinghausen, erzählt sie uns, und ist ganz überrascht, als wir ihr sagen, dass heute kein Bus kommt. „Warum nicht?“, fragt sie. Warnstreik? Nichts von mitbekommen. Sie sei an ihrem zweiten Tag in einer neuen Putzstelle in Recklinghausen. Könne sie denn mit dem Zug hinkommen? Die Züge im Regional- und S-Bahn-Verkehr fahren, erklären wir. Sie ist erleichtert und wird anders zum Hauptbahnhof kommen müssen. Sie dankt und schaut auf ihr Handy.

7.35 Uhr. Markus Grieger steht mit seinem Opel auf dem Parkplatz hinter der Willy-Brandt-Gesamtschule. Aus dem Auto steigen seine Töchter Samantha und Tamara Elfert. Beide gehen hier zur Schule, kommen aber aus Habinghorst. Die eine fährt immer Bus, die andere geht manchmal zu Fuß. Diesmal bringt der Papa sie. Tamara sagt, sie konnte dadurch eine halbe Stunde länger schlafen.

Elterntaxi Grieger/Elfert an der Willy-Brandt-Gesamtschule: Tamara und Samantha kamen aus Habinghorst heute nicht mit dem Bus, sondern mit Papa Markus im Auto.

Elterntaxi Grieger/Elfert an der Willy-Brandt-Gesamtschule: Tamara und Samantha kamen aus Habinghorst heute nicht mit dem Bus, sondern mit Papa Markus im Auto. © Tobias Weckenbrock

Und Markus Grieger? „Ich konnte es einrichten und hab es angeboten“, sagt er. Hinten sitzt noch eine Freundin seiner Töchter. Die bringt er jetzt noch weiter zur Sekundarschule Süd. „Von dem, was die verdienen...“, sagt Grieger noch in Bezug auf den Warnstreik, „ach, ich kann mir kein Urteil erlauben.“

„Kannst du uns heute auch abholen? Ich habe keinen Bock zu laufen“, sagt Samantha beim Aussteigen. „Nein, heute Nachmittag habe ich das Auto nicht“, antwortet der Papa.

Einige Schüler stiegen aufs Fahrrad um, um zur Schule zu kommen.

Einige Schüler stiegen aufs Fahrrad um, um zur Schule zu kommen. © Tobias Weckenbrock

Es ist gerade viel los auf dem Parkplatz hinter der Sporthalle zwischen 7.30 und 7.55 Uhr. So viele Eltern bringen ihre Kinder sonst nicht. Aber einige doch: Eine Mutter, die zwei Jungen bringt, sagt: „Ich wechsele mich seit Corona mit den anderen Eltern ab: Die beiden Jungs fahren nicht mehr mit dem Bus. Gucken Sie sich mal die Busse an. Das ist Chaos!“

Das sieht auch Svetlana Petrowskiy aus Castrop so, die wenige Minuten später ihre Tochter Emily (5. Klasse) bringt. Und deren Freundin, die auf Schwerin wohnt. „Ihre Eltern arbeiten, konnten also heute nichts machen“, sagt die Hausfrau. Sie selbst fahre ihr Kind immer. „Ich habe morgens die Zeit“, erzählt sie, die Busse seien viel zu voll. „Es fahren vier, fünf Busse einfach an den Haltestellen vorbei, oft genug, weil sie voll sind“, sagt die Freundin ihrer Tochter. Svetlana Petrowskiy ergänzt: „Aber das ist seit zehn Jahren so. Mein Sohn ist 21, daher kennen wir das Thema...“

Busfahrer: „Die Bedingungen sind hart“

Dann fährt ein Bus vor: Schulbus steht dran, er kommt vom heimischen Busunternehmen Zeretzke. Heute? Ein Bus? Drin sitzt Fahrer Justin Powietzka (23), der seit einem halben Jahr eine Ausbildung macht. Er hat schon die Tour im Behindertenverkehr zur Werkstatt nach Herne hinter sich. Und der Schulbus-Verkehr von Zeretzke, der nicht im Auftrag der öffentlichen Dienstleister sei, würde normal fahren. Also zum Beispiel auch die Transfers für die Schulen zu Sporthallen oder Hallenbädern oder ein Schulbus, der um kurz nach 7 Uhr über die Dortmunder Straße auf Schwerin in Richtung Frohlinde unterwegs war.

Justin Powietzka (23) ist Auszubildender als Busfahrer beim Busunternehmen Zeretzke. Er fuhr seine Schulbus- und Behinderten-Fahrten am Dienstagmorgen, denn er arbeitet nicht im öffentlichen Dienst. Er zeigt aber Verständnis für die Forderungen der Kollegen.

Justin Powietzka (23) ist Auszubildender als Busfahrer beim Busunternehmen Zeretzke. Er fuhr seine Schulbus- und Behinderten-Fahrten am Dienstagmorgen, denn er arbeitet nicht im öffentlichen Dienst. Er zeigt aber Verständnis für die Forderungen der Kollegen. © Tobias Weckenbrock

„Dass die Kollegen heute streiken“, sagt Powietzka, „finde ich okay, denn die Bedingungen sind hart. Die Dienste sind zum Teil sehr lang, dazu wird man von vielen Fahrgästen einfach schlecht behandelt.“ Er könne Beschwerden verstehen, dass gerade in dieser Corona-Zeit gestreikt wird. „Aber das Zeichen muss ja auch ankommen“, meint er.

Gewerkschaft vertritt 34.000 Mitarbeiter

Die Gewerkschaft Verdi fordert für ihre rund 34.000 Mitglieder im Bereich Verkehr in NRW bessere Arbeitsbedingungen (siehe Infokasten).

Das fordert Verdi konkret

  • Eine maximale Dienstlänge von 10 statt bisher 12 Stunden.
  • Bezahlung von mindestens 8 Stunden.
  • Die Erhöhung der Ruhezeiten nach Schichtende von 10 auf 11 Stunden.
  • Den Ausschluss sogenannter „geteilter Dienste“.
  • Eine Zulage ab dem 1. Tag einer vorübergehenden Vertretung (bisher nach einem Monat).
  • Verbesserungen bei Zeitzuschlägen.

„Wir haben den Arbeitgebern ein umfangreiches Forderungspaket übermittelt, das zeigt, dass wir den Tarifvertrag für den Nahverkehr in vielen Bereichen zugunsten der Beschäftigten nachjustieren müssen“, erklärt Peter Büddicker, Fachbereichsleiter Verkehr bei der Gewerkschaft Verdi.

Der ÖPNV brauche bessere Arbeitsbedingungen, um attraktiver zu werden und um zeitgleich Maßstab für gute und attraktive Arbeitsbedingungen in der Branche zu bleiben.

Im März kündigte Verdi den geltenden Tarifvertrag auf. Die erste Phase der Corona-Pandemie über blieb man ruhig, jetzt aber setzt man ein erstes Zeichen mit diesem Arbeitsausstand. In Castrop-Rauxel ist es durchaus angekommen.

„Wir sind der festen Überzeugung, dass die ökologische Verkehrswende dringend fortgesetzt werden und der Ausbau des öffentlichen Personennahverkehrs das Zugpferd dieser ökologischen Verkehrswende sein muss“, so Büddicker. Sie dürfe nicht Haushaltszwängen oder der Corona-Pandemie zum Opfer fallen.

Lesen Sie jetzt