Stadtteilprojekt: Schachtmarken erzählen Ickerner Kneipengeschichte(n)

dzViele Fotos

Die „Ickerner Schachtmarken“ werden immer mehr. Acht davon sind inzwischen im Ortsteil zu entdecken. Weitere 32 sollen folgen in diesem und dem kommenden Jahr. Wir haben die Fotos dazu.

Ickern

, 04.11.2020, 17:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

Egal ob Kneipe, Imbiss- oder Selterbude: Viele Ickernerinnen und Ickerner erzählen gerne von der Ruhrgebietskultur, die sich während der Blüte des Bergbaus rund um diese Orte gesellschaftlichen Lebens entwickelte, ehe der Bergbau starb und mit ihm nach und nach auch die Eckkneipe.

Diese Orte waren es, an denen sich die Kumpel nach der Schicht trafen, die Orte des Austauschs wurden, in oder an denen die gesellschaftlichen Werte des Bergbaus – Solidarität, Zusammenhalt und Geselligkeit – „gelebt“ wurden. Und wo auch die betrauert wurden, die den Knochenjob Bergmann nicht überlebten, die an Staublunge starben oder bei einem der gar nicht so seltenen Grubenunglücke im Revier ums Leben kamen.

Zwischen Romantik und Knochenjob

Denn Bergbau ist zwar inzwischen viel Romantik und Arschleder, war bei teils hohen Temperaturen, schlechter Belüftung und in steter Dunkelheit nicht für jeden Kumpel, der unter Tage sein Geld verdiente, ein Traumjob. Auch darüber konnte geredet, gestritten und räsoniert werden, wenn man auf ein Bier im Stehen an der Trinkhalle zusammen kam oder zum gemütlichen Abend in der Kneipe um die Ecke.

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Entstanden waren die ersten Kneipen laut Recherchen von Mario Pallasch aus dem Vorstand des Stadtteilvereins, als im heutigen Ortsteil Castrop-Rauxels im Jahr 1870 mit damals gerade einmal 367 Einwohnern die Geburtsstunde des Ickerner Bergbaus schlug.

Die Kneipen, Stehbierhallen, Gaststätten, Büdchen haben den nördlichen Stadtteil in den kommenden Jahrzehnten geprägt und ihm Identität gegeben. Die letzten Betriebe der Montan- und Bergbaugeschichte fanden 1992 ihr endgültiges Ende in Ickern, die letzte Zeche wurde bereits 1973 geschlossen. Mit dem Strukturwandel verschwanden viele dieser „alten“ Orte gesellschaftlichen und geselligen Lebens. Viele wurden abgerissen und durch neue Bauten ersetzt oder funktional umgenutzt.

FOTOSTRECKE
Bildergalerie

Ickerner Schachtmarken-Weg

Acht Ickerner Schachtmarken gibt es bisher. Bei einem Spaziergang durch den Stadtteil kann man sie entdecken.
03.11.2020
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Einst die "Drehscheibe", ist in diesem Haus an der Ickerner Straße längst keine Gaststätte mehr beheimatet.© Thomas Schroeter
Die "Drehscheibe" lag einst an der Ecke von Ickerner Straße und Vinckestraße gegenüber von der Antonius-Kirche.© Thomas Schroeter
Selbst legendär, war der "Isi Treff" Nachfolger der "Gaststätte Müller" am Vinckeplatz 112.© Thomas Schroeter
Die „Gaststätte Müller“ war früher am Vinckeplatz ein Anlaufpunkt für viele Ickerner.© Thomas Schroeter
Wo heute Detlef Kipar Elektrogeräte vertreibt, war früher die "Gaststätte Schmidt" zu Hause.© Thomas Schroeter
Diese Schachtmarke erinnert an die "Gaststätte Schmidt" gegenüber vom Ickerner Markt.© Thomas Schroeter
An der Ickerner Straße 46 erinnert eine Schachtmarke an dieser Spielhalle an die frühere Gaststätte "Haus Vieting".© Thomas Schroeter
Das "Haus Vieting" wird mit dieser Schachtmarke gewürdigt.© Thomas Schroeter
Hier an der Ickerner Straße 43, wo heute das Grillhaus Elia zu Hause ist, war einstmals die Gaststätte "Le Pierrot".© Thomas Schroeter
Diese Schachtmarke erinnert an das "Le Pierrot" an der Ickerner Straße.© Thomas Schroeter
Das Steakhaus Lindenhof an der Recklinghauser Straße ist eine der wenigen Gaststätten, die noch heute betrieben wird.© Thomas Schroeter
Diese Schachtmarke hängt am Steakhaus Lindenhof, wo bereits 1913 die erste Gaststätte eröffnet wurde.© Thomas Schroeter
Wo heute noch der Verein „Von Menschen - Für Menschen“ seine Heimat hat, war früher die Gaststätte "Haus Budde" an der Langen Straße 173.© Thomas Schroeter
Das "Haus Budde" wird auf dieser Schachtmarke thematisiert.© Thomas Schroeter
An der Leveringhauser Straße war in diesem Gebäude früher die Gaststätte "Haus Gerlach".© Thomas Schroeter
Die Ickerner Schachtmarke an der Leveringhauser Straße, wo das „Haus Gerlach“ war.© Thomas Schroeter

Mit dem Projekt „Ickerner Schachtmarken“ will der Stadtteilverein Mein Ickern jetzt an legendäre Kneipen, langjährige Treffpunkte und menschliche Originale erinnern. Mit Hilfe der Ickerner hat der Verein über 40 Kneipen und Stehbierhallen ausgemacht, die es in den 60er- und 70er-Jahren einmal in Ickern gab.

Geschichte erzählt auf DIN-A 5-Platten

Man hat Geschichte und Geschichten gesucht und die Erzählungen gestrafft, so dass sie jetzt auf Platten im DIN-A5-Format passen, die der Stadtteilverein zur Erinnerung an die jeweilige Kneipe anfertigen lässt. Acht dieser Marken hängen inzwischen an den Häusern, die früher Heimat der „Kommunikationszentren“ waren, als die Gaststätten einst dienten.

Weitere sieben Schachtmarken sind bereits in Arbeit oder fertig und sollen in den kommenden Wochen ihren Platz finden. Und mit einer Spende der Sparkasse kann die Zahl der Schachtmarken im kommenden Jahr weiter erhöht werden, damit eines Tages möglichst alle 40 ehemaligen Standorte gewürdigt werden.

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So soll auch ein ganz besonderer „Weg der Erinnerung“ in Ickern geschaffen werden, auf dem man sich von Kneipenstandort zu Kneipenstandort Stadtteilgeschichte erlaufen und erlesen kann. Dazu soll, so hat es Mein-Ickern-Chef Marc Frese angekündigt, ein Schachtmarken-Heft aufgelegt werden. Und auf den Plaketten ist schon ein QR-Code eingeprägt, über den man demnächst virtuell mehr zur Geschichte des jeweiligen Standortes erfahren soll.

Die Ickerner Schachtmarken sollten eigentlich „nur“ ein Beitrag des Vereins zum 800. Geburtstag Ickerns in diesem Jahr werden, sie haben sich im Zuge der Corona-Pandemie, die viele Begegnungen unmöglich gemacht hat, zu einem der Hauptprojekte des Bürgervereins im zu Ende gehenden Jahr entwickelt.

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