Clara Wiemann erlitt einen frühkindlichen Hirnschaden. Damit sie in der Kita Regenbogenhaus weiterhin am sozialen Leben teilnehmen kann, braucht sie einen Treppenlift, aber der ist teuer.

Schwerin

, 22.04.2019 / Lesedauer: 5 min

Am Anfang ist Clara Wiemann etwas schüchtern. „Mama soll reden“, sagt die Vierjährige und kuschelt sich in den Arm von Mutter Sandra (36). Erst als es zum Spielen geht, taut sie auf und lacht herzlich. „Ich will in den Tunnel, da können wir ein Foto machen“, schlägt sie vor und krabbelt los. Denn das Gehen fällt ihr schwer. Clara Wiemann ist krank. Sie hat eine cerebrale Bewegungsstörung erlitten. Durch einen frühkindlichen Hirnschaden.

Clara kommt als eineiige Zwillingsschwester von Tessa auf die Welt, elf Wochen zu früh. Das Immunsystem ist schwach, am zehnten Tag erkrankt sie an einer bakteriellen Hirnhautentzündung. „Clara hat um ihr Leben gekämpft, die Chancen standen 50:50“, sagt Sandra Wiemann.

Clara schafft es und zeigt schon früh ihren Lebensmut. Allerdings hat die Infektion Folgen. Nach sechs Wochen werden Zysten im Motorik-Zentrum im Gehirn entdeckt.

„Clara hat um ihr Leben gekämpft, die Chancen standen 50:50“
Sandra Wiemann, Mutter von Clara

„Der Arzt hat gesagt, es kann alles sein, muss es aber nicht. Es würde sich im ersten Lebensjahr zeigen. Und das hat es sich dann auch“, so Wiemann. Clara entwickelt sich anders als ihre Zwillingsschwester, sie dreht sich erst ganz spät auf den Bauch, schreit viel, weint und hat Wahrnehmungsstörungen. Die Diagnose lässt trotzdem auf sich warten.

Erst als Clara ein Jahr alt ist, hat die Familie Gewissheit. „Ich bin selbst Krankenschwester, ich wusste, was es bedeutet. Ich konnte es aus medizinischer Sicht beurteilen und habe gesagt, dass wir da jetzt durchmüssen, dass wir Lösungen finden müssen. Und bisher haben wir immer Lösungen gefunden.“

Physiotherapie, Logopädie, Ergotherapie und Reiten

Clara muss gefördert und gefordert werden. Es folgen Besuche bei der Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie. Und beim heilpädagogischen Reiten. „Das hat lange gedauert. Sie hat zwar mit 14 Monaten angefangen zu reiten, hat aber gebraucht, um das Pferd überhaupt zu berühren“, so Wiemann.

Mittlerweile sitzt Clara alleine und ohne Angst auf dem Vierbeiner. „Ich setze nichts mit Biegen und Brechen durch. Wenn Clara etwas nicht kann, dann ist das so. Aber man muss ihr die Möglichkeit geben. Es ist mir sehr wichtig, dass sie wenigstens die Chance hat“, sagt Wiemann kämpferisch.

Spendensammlung: Clara Wiemann ist vier Jahre alt und braucht einen Treppenlift

Mit Roll- und Therapiestuhl ist Clara Wiemann im Kindergarten Regenbogenhaus unterwegs. Nach und nach sollen es immer mehr Wege zu Fuß werden. © Patrick Radtke

Mit eineinhalb Jahren kommt sie in den Kindergarten Regenbogenhaus auf Schwerin. Dem Kindergarten, in dem auch schon Sandra Wiemann war, in dem sie getauft wurde und in der Gemeinde, in der sie schon immer Mitglied ist. Zufällig ist es auch ein Integrativkindergarten.

Hier ist Clara bis heute, trotz einer langen und schweren Eingewöhnungszeit.

Spendensammlung: Clara Wiemann ist vier Jahre alt und braucht einen Treppenlift

Clara Wiemann turnt gerne. Besonders haben es ihr die Matten angetan. © Patrick Radtke

„Mir wurde gesagt, eigentlich müsste sie in einen heilpädagogischen Kindergarten. Aber Clara ist kognitiv ganz normal“, erklärt die Mutter. Eine geistige Behinderung ist nicht vorhanden. Und auch körperlich ist sie sonst völlig gesund, das testen jedes Jahr zwei Heilpädagogen.

„Sie hat halt Spastiken in den Beinen und kann deshalb noch nicht so laufen, wie wir es gerne hätten“, sagt die Mutter. Was in Zukunft passiere, wisse man nicht. „Aber die Ärzte haben uns gesagt, wenn wir so weitermachen, haben wir gute Chancen, dass sie vielleicht einmal gut mit einem Rollator, mit Gehstöcken oder ganz eventuell, in einem gewissen Alter, auch mal frei läuft.“

Für die Kinder ist Clara einfach Clara

Auf den Kindergarten lässt Wiemann nichts kommen. „Hier wurde alles möglich gemacht. Von Anfang an haben sie gesagt, dass wir es gemeinsam durchziehen. Es ist niemals in irgendeiner Form gesagt worden, es geht nicht.“

Spendensammlung: Clara Wiemann ist vier Jahre alt und braucht einen Treppenlift

Clara Wiemann ist im Kindergarten völlig integriert und ein ganz normales Mitglied ihrer Gruppe. © Patrick Radtke

Dabei ist allen bewusst, was es bedeutet, Clara aufzunehmen. In der U3-Gruppe gibt es kaum Unterschiede zu den gesunden Kindern. Die Schere geht erst merklich auseinander, als die Kinder älter werden. „Klar haben mich Kinder im zweiten Jahr gefragt, warum Clara manches nicht kann oder anders macht“, erinnert sich die Mutter.

Aber Clara ist trotzdem völlig integriert, wird auf jeden Geburtstag eingeladen. Für die Kinder ist Clara einfach Clara, so wie sie ist. Sie wird auch nicht bevorzugt behandelt, sie ist einfach ein ganz normales Mitglied der Gemeinschaft. „Für die Kinder ist es das Normalste der Welt“, sagt Kita-Leiterin Kirsten Eckert.

„Es gibt Situationen, in denen sie dasteht und weint und sich fragt, warum sie es nicht kann. Dann gibt es aber auch Tage, an denen sie ihre Behinderung gar nicht sieht und meint sie kann alles. Dann denkt sie, sie kann fliegen“
Sandra Wiemann, Mutter von Clara

Clara selbst merkt an manchen Stellen ihre Behinderung. „Es gibt Situationen, in denen sie dasteht und weint und sich fragt, warum sie es nicht kann. Dann gibt es aber auch Tage, an denen sie ihre Behinderung gar nicht sieht und meint, sie kann alles. Dann denkt sie, sie kann fliegen“, sagt Sandra Wiemann.

Und das, was sie könne setze sie auch pfiffig ein, sagt Kita-Leiterin Eckert. Clara teste ihre Grenzen aus, schaue, bei wem sie wie weit gehen könne - wie ein ganz normales Kind eben.

Clara ist verliebt

Heute ist Clara 1,04 Meter groß und wiegt 17 Kilogramm. Noch wird sie die Treppen hochgetragen. Denn der Kindergarten hat zwei Etagen. Doch langfristig wird das schwierig.

Spendensammlung: Clara Wiemann ist vier Jahre alt und braucht einen Treppenlift

Weil der Kindergarten im Regenbogenhaus über zwei Etagen geht, ist Clara darauf angewiesen, dass sie getragen wird - oder eben auf einen Treppenlift. © Patrick Radtke

Seit dem 1. April ist Ole Jüttner (21) in Claras Leben getreten. Nach einem schwierigen und lange andauernden Verfahren, kann er als Integrativhelfer ein Freiwilliges Soziales Jahr im Regenbogenhaus absolvieren und kümmert sich in der Zeit ganz um Clara - 27 Stunden in der Woche. „Ich habe jetzt einen Ole und der muss alles für mich machen“, habe Clara am Anfang erzählt, erinnert sich Sandra Wiemann lachend.

Spendensammlung: Clara Wiemann ist vier Jahre alt und braucht einen Treppenlift

Ole Jüttner ist FSJler und hilft Clara im Kindergarten. Sein Ziel ist es, dass Clara viele Fortschritte macht. Dafür wird jeden Tag geübt. © privat

Mittlerweile weiß die Vierjährige aber auch, dass Jüttner Clara fordert - und ihr neue Möglichkeiten eröffnet. Kleinigkeiten wie Händewaschen im Stehen gehören dazu. Und laufen, laufen, laufen. „Ole hat den Anspruch, etwas mit ihr zu erreichen. Und Clara ist verliebt, sie fragt ‚Wo ist Ole?‘ oder ‚Kommt Ole auch?‘“

Ein Treppenlift als Lösung

Doch auch Ole kann Clara nicht immer tragen. Deswegen braucht es einen Treppenlift im Kindergarten. „Das Ziel ist, dass sie so selbstständig wie möglich wird“, sagt Kirsten Eckert. Der Lift führe nicht dazu, dass Clara nicht jeden Tag üben muss, Treppen zu gehen.

„Aber zwei Treppenabschnitte zu schaffen, ist aktuell ja fast Utopie. So kann sie einen Abschnitt laufen, und einen fahren. Oder sie kann aus dem Rollstuhl alleine in den Sessellift kommen“, so Eckert. Und sie kann weiter am normalen Leben mit ihren Freunden teilnehmen.

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Leiterin Kirsten Eckert: Darum braucht das Regenbogenhaus den Lift

Bis 2021 ist Clara noch im Kindergarten. Der Treppenlift soll länger bestehen und die Möglichkeit geben, immer wieder Kinder mit Gehbehinderung aufzunehmen.

Nur: Das Geld für so einen Lift fehlt. 14.140 Euro müssen aufgetrieben werden. 1000 Euro kamen schon zusammen, weil die gesamte Gruppe von Clara bei einem Fotowettbewerb mitgemacht hat, kreativ wurde und den ersten Platz erreichte. Unter dem Titel „Wir sind das Ruhrgebiet“ entstanden gebastelte Stadien von Schalke 04, von Borussia Dortmund, der Moviepark oder auch die Sonnenuhr auf Schwerin und ein Förderturm.

Spendensammlung: Clara Wiemann ist vier Jahre alt und braucht einen Treppenlift

Beim Fotowettbewerb erreichte der Kindergarten den ersten Platz. Die Kinder stellten das Ruhrgebiet nach, unter anderem mit den Stadien von Schalke 04 und Borussia Dortmund. © Kindergarten

Auch ein Lied wurde geschrieben und gesungen. Alles zusammen wurde auf eine CD gebrannt, mit der der Kindergarten nun im Spendenmodus ist.

Spendenmöglichkeit: Überweisung mit dem Sppendenzweck „ev. Regenbogenhaus - Clara“ IBAN: DE42441600146324018300 BIC: GENODEM1DOR
„Wir müssen gucken, was dabei herumkommt. Aber klar ist, dass wir auf Spenden angewiesen sind. Sonst ist der Treppenlift nicht möglich“, sagt Eckert.

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