So will "Wir sind Merklinde" den Stadtteil verändern

Stadtrundgang mit Audios

"Wir sind Merklinde" so heißt der neue Verein, der den Castrop-Rauxeler Stadtteil umkrempeln will. Aber was genau soll sich verändern? Wir haben mit dem Vorsitzenden Willi Müller einen Spaziergang zu vier Orten gemacht und uns erklären lassen, was der Verein sich dort vorstellen kann.

MERKLINDE

, 21.04.2017, 12:37 Uhr / Lesedauer: 3 min
So will "Wir sind Merklinde" den Stadtteil verändern

Mit Willi Müller auf Ortsbegehung: Für diese vier Stellen hat er im Namen des Bürgervereins Merklinde Ideen, Wünsche und Anregungen.

Harkortstraße: Ein möglicher Treffpunkt für den Bürgerverein

Hier war mal ein kleiner Rewe-Supermarkt, gleich schräg gegenüber die LEG-Verwaltung. Zwei Orte, wo sich die Bewohner der Siedlung trafen, wo sie miteinander ins Gespräch kamen und alltägliche Probleme lösen konnten – sei es der leere Kühlschrank, sei es die defekte Toilettenspülung. „Das ist alles weggefallen“, sagt Willi Müller, Vorsitzender des Vereines "Wir sind Merklinde". „Aus dem Ort könnte man einen neuen Treffpunkt machen.“ Vielleicht den Sitz des Bürgervereins mit Sprechstunden, oder einen Versammlungsort für Gruppierungen. Knackpunkte: Der Supermarkt sei in einem miesen baulichen Zustand, so Müller, das ehemalige LEG-Büro sei nur für 2000 Euro Miete pro Monat zu haben.

 

Ex-Sparkasse: Müller wünscht sich Pflegedienst oder Arzt für Merklinde

Seit April 2016 steht die Geschäftsstelle leer. Es ist ein durchaus repräsentatives Gebäude mit Parkplätzen vor der Tür und einem barrierefreien Zugang. „Es steht zum Verkauf“, sagt Willi Müller. „Schön wäre, wenn hier ein Pflegedienst oder ein Arzt einziehen würde.“ Den nächsten Arzt gibt es in Bövinghausen oder in Castrop – schwer erreichbar für Senioren aus der Harkortsiedlung. „Im Hinterkopf haben wir das auch noch als Vereinstreff“, so Müller. Ausgang offen.

 

Harkortschule: Vereinsräume oder Mehr-Generationen-Wohnen

30 Meter weiter ist die Unterkunft für Flüchtlinge. „Es wird sicher noch zwei Jahre dauern, bis wir das nicht mehr brauchen“, sagt er. Ein Mitarbeiter meint: „Wir sind ziemlich voll besetzt.“ Wenn hier etwas wäre, meint Müller, das noch mehr dem Zusammenleben dienen könnte, dann wäre das hilfreich. Räume für Vereine wären eine Option, Mehr-Generationen-Wohnen eine Idee – die Substanz im Gebäude sei gut. Aber er betont auch, dass das Nebeneinander mit den Flüchtlingen keine Probleme mache. „Das sind nette Leute, die froh sind, dass sie hier wohnen dürfen“, meint Müller. „Schade, dass es so geschlossen ist.“

 

Wittener Straße: Neuer Wohnraum nahe der "Alten Mühle"

Hier gibt es aktuell vor allem zwei Gebäudekomplexe, die Willi Müller Sorgen bereiten: Die gelben Häuser ab Nummer 329 und schräg gegenüber der Riegel neben dem Friseurladen, den er als „Alte Mühle“ bezeichnet. Häuser, in denen osteuropäische Migranten in großer Zahl wohnen, weil sie von Gebäudebesitzern hergeholt werden, damit sie für sie „arbeiten“. „Hier ist Wohnraum leergezogen worden, der jetzt anscheinend wieder hergerichtet wird“, sagt Müller. Von wem, wofür? Man weiß es nicht. „Wir befürchten, dass hier Wohnraum für Leute entsteht, die nach Deutschland gelockt werden, um mit ihnen Profit zu machen. Wir hätten hier aber gerne normalen Wohnraum.“ Eine städtische Wohnungsgesellschaft bräuchte es, meint er, um solche Häuser aufkaufen zu können. Fördertöpfe gebe es dann genug mit bis zu 95 Prozent Förderung, um sie herzurichten und dann zu vermieten.

Auf Seite 2: Interview mit Dr. Judith Kuhn und Axel Rolfsmeier über die Entwicklung von Projekten in Merklinde.

Um das Leben in Merklinde zu verbessern, ist die Evangelische Landeskirche von Westfalen mit zwei Referenten für 30 Monate praktisch als Prozess-Begleiter vor Ort engagiert. Politikwissenschaftlerin Dr. Judith Kuhn und ihr Kollege Axel Rolfsmeier beraten die Bürger bei der Entwicklung von Projekten und bringen sie im Laufe des Prozesses mit der Politik zusammen. Aktuell läuft eine Befragung aller Haushalte mit Postkarten-Fragebögen. Erste Ergebnisse nach 20 Rückläufern stellten Kuhn und Rolfsmeier jetzt in einem Interview mit unserer Redaktion vor:

„Manche haben eine hohe Zufriedenheit bezüglich der Einkaufsmöglichkeiten, weil man schnell in Dortmund ist. Andere sagen, es gebe eine Verschlechterung der Versorgung: Supermarkt und Sparkasse an der Harkortstraße fehlen, es gibt keine Schule, keine Stadtbücherei“, sagt Rolfsmeier. Immer wieder komme Kritik an „zu viel Verkehr insbesondere auf der Gerther Straße“, so der Referent. „Latent kommt, dass die Aufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge eine Benachteiligung im Vergleich zu anderen Stadtteilen sei. Positiv kommt: freundliche Nachbarschaft, wo durchaus Potenziale sind, die gestärkt werden können.“

Zukunftswerkstatt in Merklinde
Erster Meilenstein der Arbeit ist eine Zukunftswerkstatt am 9. September. Dort werden Kuhn und Rolfsmeier mit „Schlüsselpersonen aus dem Quartier“, wie sie sagen, und Politikern eine Zukunft entwerfen. Stichwort: Nachhaltiges Leben in Merklinde.

Judith Kuhn im Interview: „Unsere Erfahrung zeigt, dass solche Prozesse besser laufen, wenn jemand von außen kommt, der sich losgelöst von allen Positionen und Sachzwängen mit dem Thema beschäftigt und Leute anders wahrnimmt als die, die im schlimmsten Fall seit 30 Jahren miteinander streiten.“

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