Pöppinghausen liegt weit draußen. Es gibt weder einen Arzt noch eine Kneipe. Aber eine starke Dorf-Gemeinschaft: die geht vom Center Pöppinghausen aus. Was macht das graue Haus so besonders?

Pöppinghausen

, 25.08.2018, 11:30 Uhr / Lesedauer: 4 min

Weite Maisfelder, geschwungene Landstraßen, Schlaglöcher und ein Bahnübergang - Pöppinghausen ist ein abgeschiedener Ort. Abgesehen vom Yachthafen hat das Dorf keine Gastronomie mehr und auch keine Lebensmittelgeschäfte. Der Bus in die Stadt fährt nur noch einmal pro Stunde.

„Früher kam man nach Castrop gar nicht rein“, sagt Beate Alder. Nach dem Krieg sei sie 1946 in das beschauliche Dorf gezogen - in eine Baracke im Garten der Großeltern. „Hinten an der Müllkippe gab es eine Fähre, die von zwei Männern abwechselnd gefahren wurde“, erzählt sie. „Wir Katholiken mussten da noch bis König Ludwig nach Recklinghausen zur Kirche laufen.“ Sie spitzt den Mund, lächelt verlegen in die Runde.

Regelmäßige Frühstücksgäste im Center Pöppinghausen

Mit ihrer Tochter und einigen Freundinnen hat sie es sich an einem Tisch im Center Pöppinghausen gemütlich gemacht. Auf der roten Tischdecke liegen Teller mit Brotkrümeln, Eierschalen, Pralinenpapier. Die Damen gehören zu den regelmäßigen Gästen beim Pöppinghauser Dorffrühstück. Um sie herum stehen drei weitere Tische, selbst von der Terrasse hört man Gelächter. Die Stimmung ist ausgelassen.

So hält das Center Pöppinghausen das Dorf zusammen

Regelmäßige Gäste im Center Pöppinghausen: Gisela Skodd (v.l.), Margret Böving, Elke Müller, Agnes Baumeister und Beate Alder mit Tochter Susanne Jahnke. © Tobias Wurzel

In einer Ecke sitzt Michael Goerke vor seiner Tasse Kaffee. Etwa zehn Mal im Jahr lädt er die Dorfbewohner gemeinsam mit einem Kollegen vom Verein zur Erhaltung von Jugend- und Kulturarbeit zum Frühstück ein. „Wir sind keine Ersatzgastronomie“, stellt er klar. „Aber wir bieten das Umfeld, ein reichhaltiges Getränkeangebot, und ein Häppchen zu essen gibt es auch immer.“

Erweiterte Jugendarbeit im Treffpunkt der Generationen

Eigentlich ist Michael Goerke Jugendarbeiter. Das Angebote für Erwachsene sieht er als erweiterte Jugendarbeit an: „Da kommt immer was zurück: Da sitzt die Oma beim Frühstück und meldet ihren Enkel fürs Ferienprogramm an.“ Das Haus neben der Kirche bedeutet den Dorfbewohnern viel: Es ist ein Treffpunkt der Generationen.

So hält das Center Pöppinghausen das Dorf zusammen

Das Center Pöppinghausen steht direkt neben der Kirche. © Tobias Wurzel

Dorffrühstück, Jugendtreff, Strickgruppe oder der Dorftratsch, das abendliche Pendant zum Frühstück - das alles findet in dem ehemaligen Gemeindehaus, dem Center Pöppinghausen, an der Pöppinghauser Straße statt. „Man kriegt hier alle Neuigkeiten“, sagt Beate Alder stolz. Eine Zeitung bekommt die Dame nämlich nicht.

Hitzige Diskussionen

Über die Hitze unterhalten sich die Frauen an dem Morgen. „Wirst du schon wieder Oma?“ - „Hat sich das schon ‘rumgesprochen?“ Dann ist ein Spiegel an der Friedhofseinfahrt Thema. Und wer ist eigentlich dafür zuständig, das Feld zu mähen? Es wird heiß diskutiert.

Eine Gruppe kommt von der Terrasse und durchquert den Raum. „Hat es euch gefallen?“, tönt es aus der Damenrunde - sicher. „Nächstes Mal um 6 Uhr alles decken“, scherzt ein Mann und blickt ans Tischende zu Agnes Baumeister. Sie sei stets die Erste, beteuern ihre Freundinnen. Dabei kommt sie gar nicht aus Pöppinghausen, sondern aus Castrop.

Stammpublikum kommt auch aus der Umgebung

Denn beim Dorffrühstück sind die Pöppinghauser längst nicht mehr unter sich. „Über Familie oder Freunde haben wir auch Stammpublikum aus Castrop oder Habinghorst“, erklärt Michael Goerke. Einige kämen sogar sehr regelmäßig. 25 bis 30 Leute würden sich gewöhnlich versammeln.

„Da brauchen wir gar nicht groß Werbung machen“, so Goerke. „Sonst stoßen wir an unsere räumlichen Grenzen.“ Denn auf der oberen Etage ist eigentlich Kinderzone: Zockerraum, Küche, Spielbereich. „Die Teenies gucken auch mal unten einen Film.“ Im Mehrzweckraum mit den Frühstückstischen trifft sich auch das Jugendparlament.

Ehemaliges Pfarrhaus aufwendig saniert

Das Center Pöppinghausen wurde 2007 eröffnet. Die Perspektive, das Pfarrhaus an der Pöppinghauser Straße für den Jugendtreff zu übernehmen, habe sich bereits 2003 ergeben, erklärt Goerke. Damals hat es den noch in der alten Schule an der Pöppinghauser Furt gegeben.

Doch den Mietvertrag habe die Stadt gekündigt. Zu groß seien die Schäden im städtischen Gebäude gewesen. Das Pfarrhaus hat der Verein zur Erhaltung von Jugend- und Kulturarbeit dann von der Kirchengemeinde gekauft und aufwendig saniert, das Grundstück für 30 Jahre gepachtet, so Goerke.

Eigenverantwortung als Stärke und Problem zugleich

„Dass wir komplett eigenverantwortlich für das Gebäude sind, ist einerseits ein Problem, aber auch unsere Stärke.“ Es gibt keinen Hausmeister, eine Reinigungskraft komme nur sporadisch.

Um den anstehenden Arbeiten auf dem Gelände gerecht zu werden, steht regelmäßig der sogenannte Malochertag an. Zuletzt hätten etwa zehn bis zwölf Dorfbewohner dabei geholfen, das Fundament für eine neue Terrassenüberdachung zu gießen. Die starke Gemeinschaft habe sich schon im alten Haus entwickelt, vermutet Goerke. „Aber gerade beim Umbau des Pfarrhauses gab es viel Engagement.“

Zusammenhalt bedeutet Überstunden

Mit dem nötigen Gebäude und Michael Goerke, der seit 1993 hauptamtlicher Koordinator im Verein zur Erhaltung von Jugend- und Kulturarbeit ist, hält das Center Pöppinghausen die Gemeinschaft zusammen, auch die anderen Vereine wie den Sportverein, den SPD-Ortsverein und den Siedlerverein. Doch dieser Zusammenhalt bedeutet für Michael Goerke auch eine Menge Überstunden. „Wir sind ja ein kleiner Kräuterverein, nicht die AWO mit Personalapparat“, sagt er. Schließlich hat Goerke nur eine 28-Stunden-Stelle, alles andere ist Ehrenamt.

So hält das Center Pöppinghausen das Dorf zusammen

Michael Goerke investiert als Jugendarbeiter im Center Pöppinghausen auch viel Arbeit in die Veranstaltungen mit älteren Dorfbewohnern. Nur mit der Hilfe von Ehrenamtlichen bleibt das Center auch weiter der Dorfmittelpunkt. © Tobais Wurzel

„Nach dem Umzug wurden die Mittel gekürzt“, sagt er. Trotzdem versuche das Center die gleiche Arbeit anzubieten, ist also auf Ehrenamtliche angewiesen. Gerade steckt der Jugendarbeiter mitten im Ferienprogramm. Daher gilt es, beim Dorffrühstück oder Dorftratsch auch andere Vereinsmitglieder und Dorfbewohner in die Pflicht zu nehmen: Auf den Frühstückstischen liegen Helfer-Listen fürs anstehende Sommerfest im September aus.

„Die Leute kommen wieder zurück“

So auch auf dem Tisch von Beate Alder. „Das ist schon etwas besonderes hier in Pöppinghausen“, sagt ihre Freundin Elke Müller. „Obwohl ich alleine lebe, möchte ich hier nicht weg.“ Dabei sei ihr erster Gedanke gewesen: „Wo bin ich denn hier gelandet?“ Dass das Dorf so eine starke Gemeinschaft hat, erschließt sich nun einmal nicht auf den ersten Blick. Wenn jemand ein Haus verkaufe, sei das schnell weg, sagt Müller. „Die Leute kommen wieder zurück“, sagt sie nickend und meint junge Pöppinghauser, die einst in größere Städte gezogen sind.

Weggezogen ist auch die 85-jährige Maria Kuhlmann: in die Einrichtung für betreutes Wohnen am Stadtgarten. „Deswegen muss ich ja Pöppinghausen nicht ganz vergessen“, sagt sie. Nur zum Dorftratsch komme sie nicht mehr, das sei ihr einfach zu spät. Zum ersten Mal hat eine Gruppe vom Abendkreis Bladenhorst-Zion am Dorffrühstück teilgenommen: „Das war eigentlich eine Probe“, erklärt Helga Plötz aus Pantringshof. Doch den elf Damen hat es gefallen. Sie wollen wiederkommen, vielleicht sogar mit ihren Männern. Das Center Pöppinghausen kannten sie ohnehin schon von anderen Veranstaltungen.

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