In Castrop-Rauxel wurden 2020 660 Babys geboren. Das sind 7,3 Prozent mehr als im Vorjahr. Liegt das am Lockdown? (Agenturbild) © picture-alliance/ dpa
Statistik

Sind das die Lockdown-Babys? Mehr Geburten in Castrop-Rauxel

Ist das der Baby-Boom, den viele nach dem Lockdown vorausgesagt haben? Fest steht, in Castrop-Rauxel kamen 2020 so viele Babys auf die Welt wie die Jahre zuvor nicht. Was die Zahlen aussagen.

In Nordrhein-Westfalen ist die Geburtenrate im April 2021 im Vergleich zum Vorjahr um 3,4 Prozent angestiegen. Das meldet IT.NRW.

Gegen den Trend: Weniger Geburten im April 2021

In Castrop-Rauxel scheinen sich die Geburten auf den ersten Blick entgegen dieses NRW-Trends entwickeln. Schaut man sich nur den Vergleichsmonat April an, kann man diesen Eindruck gewinnen. Im April 2021 wurde 43 Lebendgeburten verzeichnet, sechs weniger als ein Jahr zuvor. Heißt das, in Castrop-Rauxel sinkt die Geburtenrate?

So einfach lässt sich die Frage aber nicht beantworten. Zum einen sind die Zahlen von 2021 unzuverlässig. Laut IT.NRW bilden sie lediglich „den Bearbeitungsstand der Geburtenmeldungen“ ab. Die endgültigen Ergebnisse für das gesamte Kalenderjahr stehen erst im Juni des Folgejahres zur Verfügung.

Zum anderen zeigt ein umfassenderer Blick auf die Entwicklung der vergangenen Jahre ein ganz anderes Bild, eines, das andere Schlüsse zulässt.

Zunächst der Blick auf den Monat April im Jahresvergleich:

Der vorläufige Wert von 2021 (43 Geburten) liegt nahe an den Werten der Vorjahre. 38 Geburten wurden im April 2015 gemeldet. 49 im April 2018 – das ist der höchste April-Wert der vergangenen zehn Jahre.

Nur 29 Säuglinge erblickten im April 2019 das Licht der Welt in Castrop-Rauxel – ein deutlicher Ausreißer nach unten. Denn insgesamt wurden 2019 615 Geburten stadtweit verzeichnet. Das sind im Schnitt monatlich fast 52 Geburten im Jahr 2019.

Sind das die Lockdown-Babys?

Insgesamt liegt der Geburtenschnitt in Castrop-Rauxel seit 2012 bei rund 588 Lebendgeburten jährlich. Das laufende Jahr 2021 ist dabei nicht berücksichtigt.

Das Pandemie-Jahr 2020 ist dabei besonders auffällig: 660 Geburten wurde da für Castrop-Rauxel verzeichnet, das sind 7,3 Prozent mehr als im Vorjahr.

Im Vergleich: Im gesamten Land NRW wurden im Vergleich zu 2019 im Pandemie-Jahr 2020 0,2 Prozent weniger Kinder geboren. In Zahlen drückt sich das wie folgt aus: 2019 wurden 170.391 Babys in NRW auf die Welt gebracht, 2020 waren es 353 weniger, nämlich nur 170.038 Säuglinge.

In Castrop-Rauxel entwickelte sich die Geburtenrate vom Nicht-Pandemie- zum Pandemie-Jahr also gegen den NRW-Trend. Überhaupt ist in den vergangenen zehn Jahren die Anzahl der Geburten in der Stadt im Schnitt gestiegen. 2011 waren es noch 486, vor fünf Jahren schon 571 (2017).

Ob der Anstieg um 7,3 Prozent von 2019 auf 2020 mit der Corona-Pandemie zusammenhängt und sich als Beweis für den vielfach prognostizierten Baby-Boom lesen lässt, wagt Hebamme Marion Korte zu bezweifeln. „Als ob Paare in der Pandemie nichts anderes zu tun hätten.“

Das sagt die Hebamme: Mehr Geburten auch in 2021

Sie sagt aber auch: „Es gibt eine höhere Nachfrage nach Hebammen in Castrop-Rauxel. Das berichten auch meine Kolleginnen.“ Auch dieses Jahr würden in Castrop-Rauxel wieder viele Kinder zur Welt kommen. Wenngleich sie keine Geburtshilfe anbietet, betreut sie im Monat bis zu acht werdende Mütter und Wöchnerinnen.

Aus ihrer täglichen Arbeit kann Marion Korte aber auch berichten, dass sich manche Paare ganz bewusst gegen die Babyplanung während der Pandemie entschieden hätten.

Auch ohne Pandemie mehr Geburten?

Die Statistik allein kann die These vom Baby-Boom wegen des Lockdowns nicht bestätigen, sie stärkt lediglich den Verdacht. Um die These zu beweisen, wäre eine umfassende Analyse nötig, die unter anderem auch systematisch frisch gebackene Eltern, werdende Mütter und solche, die sich bewusst gegen ein Kind entschieden haben, befragt.

Es bleibt außerdem die Frage offen, ob die Geburtenstatistik sich ohne das Pandemiegeschehen anders entwickelt hätte. Zwar ist der Zuwachs von 7,3 Prozent innerhalb eines Jahres ein Indiz für die Baby-Boom-These, aber ein Blick auf die vergangenen zehn Jahre zeigt, dass die Geburtenrate in Castrop-Rauxel auch ohne Pandemie langfristig gesehen gestiegen ist.

Fest steht lediglich, dass in Castrop-Rauxel die Geburtenrate 2020 gestiegen ist, anders als in ganz NRW.

Über die Autorin
Volontärin
Geboren und aufgewachsen im Bergischen Land, fürs Studium ins Rheinland gezogen und schließlich das Ruhrgebiet lieben gelernt. Meine ersten journalistischen Schritte ging ich beim Remscheider General-Anzeiger als junge Studentin. Meine Wahlheimat Ruhrgebiet habe ich als freie Mitarbeiterin der WAZ schätzen gelernt. Das Ruhrgebiet erkunde ich am liebsten mit dem Rennrad oder als Reporterin.
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