Seit 29 Jahren bei Opel: "Das prägt einen Menschen"

Dirk Grützner kämpft

Dirk Grützner bringt so schnell nichts mehr aus der Ruhe. Der 44-jährige Familienvater ist Kummer gewohnt. Dirk Grützner arbeitet seit der Lehre bei Opel in Bochum und kämpft für den Standort. 29 Jahre bei Opel – „das prägt einen Menschen“.

CASTROP-RAUXEL/BOCHUM

23.02.2012, 06:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Dirk Grützner sitzt am Küchentisch der geräumigen Dachgeschosswohnung im Haus seiner Mutter in Frohlinde, einem Ortsteil von Castrop-Rauxel. Er trinkt einen Cappuccino, denkt an die Anfangsjahre bei Opel zurück. An seine Ausbildung zum Universalfräser 1986. Trotz weiterer Ausbildungsangebote entschied sich Dirk Grützner damals für Opel. „Ich habe doch wirklich geglaubt, das ist es, da arbeitest du bis zur Rente“. Heute ist er sich da nicht mehr so sicher. Nach der „verkürzten zweieinhalbjährigen Lehre“ wechselte er in die Getriebefertigung ins Werk II in Bochum. Bis 2009 arbeitete er dort. Seitdem ist Grützner als Betriebsrat und Vertrauensmann der IG Metall bei Opel unterwegs. Kein leichter Job. „Die Einschläge kommen immer näher, die Amis wollen uns kaputtmachen, die Kollegen sind total verunsichert“. Das zerrt an den Nerven der Bochumer Opelaner, Grützner ist da bei aller „Kampferfahrung“ keine Ausnahme.

Von morgens acht bis zum späten Nachmittag kümmert sich der Betriebsrat und Vertrauensmann um die Belange der Kollegen, versucht zu beruhigen, Ängste zu nehmen, „schließlich gibt es ja noch Verträge“, an die sich General Motors bzw. Opel halten müssen. Zu den Zusagen seitens der Geschäftsführung zählt auch der Ausschluss von Werksschließungen und betriebsbedingten Kündigungen bis Ende 2014. Ruhe kehrt in Bochum trotzdem nicht ein. Werksschließung Nach den Turbulenzen in den vergangenen Tagen, wo „wieder einmal die Werksschließung auf dem Programm stand“, wollen die Kollegen zurzeit nur wissen, ob es bei der vertraglich vereinbarten – nachgezogenen – Tariferhöhung zum 1. Februar dieses Jahres bleibt. Eine Frage, die Grützner, weil „eintausend Mal gestellt“ nicht mehr hören und nur noch mit einem knappen „Ja“ beantwortet. Bei allem Verständnis für die Skepsis seiner Kollegen, die das Geld fest eingeplant haben. „Papa, kannst Du mir mal helfen?“ Ainoha, mit sieben Jahren die jüngste Tochter von Dirk und Stefanie (44) Grützner, quält sich an einem kleinen Schreibtisch in der Küche mit den Mathehausaufgaben. Papa Grützner lässt Opel Opel sein und flugs ist die Aufgabe mit Hilfe des Rechenschiebers gelöst. Ainoha strahlt, auf Papa ist halt Verlass. Der sieht zu, die Probleme auf der Arbeit von der Familie, von den beiden Töchtern, die ältere heißt Chiara und ist 13 Jahre alt, fernzuhalten. „Das funktioniert eigentlich ganz gut, bis auf einmal“, erklärt der Familienvater und erinnert sich an 2004.

GM legte im Oktober dieses Jahres einen drastischen Sparplan für die europäische Tochter vor, der den Abbau von 12.000 Arbeitsplätzen vorsieht, davon bis zu 10.000 in Deutschland. „Da haben wir den Laden für eine Woche komplett dicht gemacht.“ Nach der Schicht ging es für Grützner und seine Kollegen nur kurz zum Duschen nach Hause und dann wieder vor das Werkstor „um sich beim Betriebsrat weiter zu informieren“ wie sie es nannten. „In dieser Zeit war ich für meine Frau und Chiara kaum ansprechbar.“ Ganz ohne Folgen bleibt die Schieflage bei Opel für die Familie nicht. Ständige Sparprogramme und finanzielle Zugeständnisse der Beschäftigten zum Erhalt ihres Werkes schlagen finanziell deutlich zu Buche. „Mit der nachgezogenen Lohnerhöhung befinden wir uns wieder auf Tarifniveau“, rechnet Grützner ohne Ainohas Rechenschieber vor. Zu den guten alten Zeiten haben die Opelaner durch die Bank über Tarif gelegen. Da waren noch drei Wochen Italienurlaub in den Sommerferien drin, erklärt der Opelaner. Heute geht es für zwei Wochen nach Norddeich. Dazu steuert auch Ehefrau Stefanie mit ihrem 400-Euro-Job einen Teil bei. Für die Grützners kein Grund zu Jammern. „Im Leben muss man halt kämpfen und hin und wieder die Ellenbogen ausfahren. Da ist und bleibt Opel eine gute Schule“, meint Grützner. Den Standort Bochum haben er und die anderen rund 4200 Beschäftigten längst noch nicht aufgegeben. Mit „Herzblut und dem nötigen Kampfgeist“, so Grützner, wollen sie die Produktion der nächsten Astra-Generation in das Ruhrgebiet holen: „Koste es, was es wolle.“

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