Schutz vor Infektion: Waschstraßen-Besitzer vertreibt Schutzvisiere

dzCoronavirus

Jürgen Wendt betreibt eine Auto-Waschstraße am Westring. Aber nicht nur. Er tüftelt Verschleißteile für Waschanlagen aus und vertreibt sie weltweit. Davon profitieren jetzt seine Kunden.

Castrop-Rauxel

, 16.04.2020, 11:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

Die Sonne lacht. Frühlingswetter. Die Schlange der Autos auf dem Hof von Jürgen Wendts Waschanlage ist lang an diesem Vormittag. Hochsaison – wie in jedem Jahr im April.

Blütenstaub, Vogelkot und Restschmutz vom Regenwetter des ausgehenden Winters müssen runter. Und an manch gerade aufgezogenen Sommerreifen klebt noch der Matsch des vergangenen Herbstes.

„Das ist in jedem Jahr so“, sagt Wendt. „Zeit für den Frühjahrsputz.“ 1000 bis 1500 Autos zieht das Transportband pro Woche durch die Anlage am Westring. Und trotzdem ist etwas anders in diesem Frühjahr 2020. „Die meisten Kunden halten abgezähltes Geld bereit“, erzählt der Betreiber der Anlage.

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Für Wechselgeld hat Jürgen Wendt einen Weihnachtsteller aus Aluminium aus dem Keller geholt. Den schieben er und seine Mitarbeiter durch den schmalen Fensterschlitz an den Autos der Kunden. Eine Vorsichtsmaßnahme in Corona-Zeiten.

Bratpfanne und Porzellanteller waren zu schwer

„Erst hab ich es mit einer Bratpfanne versucht, dann mit einem Porzellanteller“, sagt der Chef. „Die waren aber zu schwer. Dann hatte meine Frau die Idee mit dem Weihnachtsteller.“ Jürgen Wendt ist Pragmatiker.

Die Zeiten wandeln sich stetig und der 53-Jährige stellt sich immer neuen Herausforderungen. Kontaktloses Händewaschen für mehr Hygiene? Wendt baute einen Fußschalter an den Wasserhahn am Kunden-Waschbecken. „Wenn ich etwas brauche, will ich es sofort haben.“

Die Luftdüsen in der Trocknungsanlage sind aus LKW-Plane und vermeiden dabei Kratzer an breiten Autos.

Die Luftdüsen in der Trocknungsanlage sind aus LKW-Plane und vermeiden dabei Kratzer an breiten Autos. © Uwe von Schirp

Darum ist Selbsthilfe das A und O bei dem gelernten Kfz-Mechaniker. Er wurde zum Tüftler. „Die Autos – SUVs, Transits oder Bullis – werden immer breiter.“ Das Problem: manch zerkratzter Lack an Außenspiegeln durch die metallenen Gebläsedüsen in der Trocknungsanlage der Waschstraße.

„Die Probleme haben Waschstraßen-Besitzer in ganz Europa“

„Mit den Produkten am Markt war ich nicht zufrieden“, sagt Jürgen Wendt und machte aus der Not eine Tugend. Er entwickelte Austauschteile aus LKW-Plane, die bei Widerstand nachgeben und nicht den Lack zerkratzen. Eine Firma produziert sie für ihn.

Die Textilstreifen an den Waschmillern sind aus Mikrofaser.

Die Textilstreifen an den Waschmillern sind aus Mikrofaser. © Uwe von Schirp

An den Waschmillern der Schaumwäsche tauschte der Autodidakt in Sachen Waschstraßen-Technik 270 Streifen Nadelfilz gegen einen Mikrofaser-Stoff aus. Der reinigt erheblich schonender.

„Die Probleme haben wir aber nicht nur in Castrop-Rauxel, sondern in ganz Europa.“ Deswegen verkauft der Castrop-Rauxeler seine Entwicklungen an Waschstraßen-Besitzer mittlerweile in aller Welt.

Jürgen Wendt ist Inhaber des Castrop-Rauxeler Familienbetriebs. Der gelernte Kfz-Mechaniker wurde zum Tüftler.

Jürgen Wendt ist Inhaber des Castrop-Rauxeler Familienbetriebs. Der gelernte Kfz-Mechaniker wurde zum Tüftler. © Uwe von Schirp

Daraus entstand ein Netzwerk von Abnehmern, Herstellern und von Firmen, die die passgenauen Teile konfektionieren. Man tauscht sich aus. Über den Schutz von Mitarbeitern und Kunden in der Corona-Krise etwa – aber auch über derzeitige Absatzrückgänge in der Industrie.

Beim Geschäftspartner ging der Prototyp in Serie

Jürgen Wendt hat beide Herausforderungen zusammengebunden. Aus durchsichtiger Plane entwickelte er ein Schutzvisier. Den Prototyp hat er mit der Schere ausgeschnitten. 30 Zentimeter war das Visier da hoch – zu viel, wenn der Träger den Kopf senkt. Zentimeter um Zentimeter kürzte der Tüftler sein Modell. Dann ging es bei einem Bochumer Geschäftspartner in Serie.

Das Schutzvisier besteht aus zwei Sorten LKW-Plane, einem Schamstoffstreifen und einem Verschluss aus Klettband.

Das Schutzvisier besteht aus zwei Sorten LKW-Plane, einem Schamstoffstreifen und einem Verschluss aus Klettband. © Uwe von Schirp

Der hatte Kapazitäten frei. Nun schneiden computergesteuert maschinelle Cutter den durchsichtigen Schutz. 500 Stück in der Stunde. Ebenso die Halterung aus weißer Plane, die sich durch einen Verschluss aus Klettband jeder Kopfgröße anpasst. Beide Planen-Formstücke werden miteinander verschweißt. Von Hand kleben Mitarbeiter der Bochumer Firma Schaumstoffstreifen oben an das Visier. Die mindern den Druck auf die Stirn und lassen das Tragen einer Brille zu.

Abnehmer des Visiers sind übrigens nicht nur Waschanlagen-Besitzer. Auch Kunden der Waschstraße am Westring wurden darauf aufmerksam. Ein paar hundert Schutzvisiere warten nun in der Firmenzentrale auf ihre Abnehmer. Der Preis ist moderat: 7,20 Euro.

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