Schulleiter im Interview: „Ich nenne es das völlig andere Alltagsgeschäft“

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„Eine Verkennung der Realität“ seien einige Vorgaben des Schulministeriums. Da schließt sich ein Castrop-Rauxeler Schulleiter der harten Kritik von Kollegen an. Im Interview sagt er, warum.

Castrop

, 25.08.2020, 17:55 Uhr / Lesedauer: 4 min

Das Coronavirus betrifft die Schulen in Castrop-Rauxel in diesem Schuljahr ganz besonders: Nach den Komplett-Schließungen im vergangenen Schuljahr aufgrund der Corona-Pandemie findet derzeit der gesamte Unterricht als Präsenzunterricht in der Schule statt. Am Adalbert-Stifter-Gymnasium (ASG) kommen so täglich über 1000 Menschen zusammen.

Die Schulleiter in NRW haben nun Alarm geschlagen und ein Verband von Schulleitern hat einen offenen Brief an Ministerpräsident Armin Laschet formuliert, in dem er dem Schulministerium vorwirft, die Verantwortung abzuschieben. Joachim Höck ist Schulleiter des ASG. Was sagt er dazu? Ein Interview.

Herr Höck, es heißt, das Ministerium würde Verantwortung an Schulen, Träger und Gesundheitsämter abschieben. Haben Sie als ASG-Schulleiter mit unterschrieben?
Ich habe das Schreiben am Montagabend aus dem Augenwinkel gesehen, bin aber nicht Mitglied der Vereinigung und hab das auch nicht unterschrieben. Aber ja, der Text spricht mir in meiner Beobachtung aus meiner Schule teilweise schon aus der Seele.

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Warum?

Ein Beispiel: Wir am ASG haben das große Glück, dass wir unsere Fenster öffnen können. Aber an den zwei Schulen, an denen ich vorher war, ist das faktisch nicht möglich. Darum ist der Hinweis des Ministeriums mit dem ausreichenden Lüften eine Verkennung der Wirklichkeit. Und dann zu sagen, dass die Schulträger dafür sorgen müssen, dass es geht, ist zu kurz gesprungen. Dann reden wir nämlich über Kosten.

Eine weitere Empfehlung ist ja das sogenannte Distanzlernen. Es gibt dazu eine Handreichung, in der Hinweise stehen, wie man Unterricht vor Ort und digital kombinieren kann…

Diese Handreichung ist das eine, vom Grundsatz her gibt sie mir eine Marschrichtung vor, die ich aber selbst für uns vor Ort entwickeln muss. Damit sicherzustellen, dass Schulen in der Lage sind, kurzfristig ein Distanzlernen umzusetzen, ist jedenfalls die zweite Augenwischerei.

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Aber das müsste doch gehen. Kamera aufstellen, übertragen, fertig. Oder?

Man muss das für jedes Fach anders angehen: In Geschichte oder Physik ist das zum Beispiel gänzlich verschieden. Jede Fachschaft muss überlegen, wie sie die Themen aus dem Präsenzunterricht in den digitalen Unterricht überführen könnte. Das kann man nicht von heute auf morgen, da müssen Kollegen Konzepte und Beispiele entwickeln.
Das zweite, auch hier sieht man wieder eine Verkennung der Realität aus dem Ministerium: Glasfaser-Anschlüsse werden gerade gebaut, aber wir haben hier in Castrop-Rauxel nicht mal Wlan in der Schule. Ja, die Mittel für digitale Endgeräte sind zwar bereitgestellt, aber ich sehe uns nicht vor Ende Oktober mit den entsprechenden Geräten.

Sind denn welche da?

Nein. Und Sie müssen ja auch genau überlegen, was Sie brauchen – das braucht Vorlaufzeit. Wenn nun alle Schulen gleichzeitig Endgeräte bestellen, sagen Apple oder Microsoft ja nicht: Ach super, wir haben noch zehn Container im Hafen liegen. Ein Schulträger kann auch nicht in den Media Markt gehen und dort mal eben 1600 Notebooks oder Tablets bestellen.

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Also alles Mist, was aus dem Ministerium kommt?

Nein, ich will dem Ministerium nicht absprechen, dass man sich in den Ferien überlegt hat, was man nach den Ferien für einen Unterricht unter Corona-Bedingungen braucht. Aber die Umsetzung vor Ort braucht eben Zeit. Und so muss das von Seiten des Ministeriums auch kommuniziert werden. Sonst erweckt es die Vorstellung bei Schülern und Eltern: Ach, geht ja alles ganz fix.

Die Kritik würde dann vermutlich bei Ihnen oder den anderen Lehrern landen. Bekommen Sie das schon aufs Brot geschmiert?

Aggressiv aufs Brot geschmiert Gott sei Dank nicht. Wir haben hier eine sehr kooperative Elternschaft, mit der wir im engen Austausch stehen; so bekommen wir die Sorgen und Nöte, manchmal auch die Kritik, ganz oft auch Verständnis und Bestärkung sehr gut mit. Aber es kann ja sein, dass wir die Schule wieder schließen müssen. Spätestens dann taucht die Frage auf, warum noch nichts passiert.

Das Adalbert-Stifter-Gymnasium in der Castroper Altstadt: Über 1000 Schüler und Lehrer, zwei Schulhöfe drei Gebäude und eine Sporthalle - der Corona-Alltag nach den Ferien ist  für alle Beteiligten mit einiger Anstrengung verbunden.

Das Adalbert-Stifter-Gymnasium in der Castroper Altstadt: Über 1000 Schüler und Lehrer, zwei Schulhöfe drei Gebäude und eine Sporthalle - der Corona-Alltag nach den Ferien ist für alle Beteiligten mit einiger Anstrengung verbunden. © Tobias Weckenbrock

Wie ist denn Unterricht eigentlich gerade?

Ich nenne es das völlig andere Alltagsgeschäft. Schule besteht seit jeher aus dem strukturierten Wechsel von Unterricht und Pausen. Dieses Prinzip behalten wir auch bei. Aber wir haben aus 45 Minuten Unterricht 35 oder 40 Minuten gemacht. Vorherige kleine Pausen im Raum sind nun größere Pausen draußen auf dem Hof. Dadurch ist der Unterricht kürzer.
Und wir müssen diese Maskenpflicht durchsetzen. Ich hoffe, dass wir damit fertig sind, wenn sie dann wieder abgeschafft ist. (schmunzelt)

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Sind eher die Lehrer oder die Schüler das Problem?

Nach meiner Beobachtung eher die Schüler, aber das Bewusstsein bei ihnen hat sich schon verbessert. Erst war es schwierig, weil ja auch alle ohne den Maskenalltag aus den Ferien kamen. Die Pflicht war nicht für jeden Schüler klar nachvollziehbar und nicht ins Bewusstsein übernommen. Das hat viel Aufklärungs- und Aufsichtsarbeit nötig gemacht. Wir sind mit fünf Leuten pro Pause und pro Hof draußen unterwegs und sprechen Schüler an, die die Maske nicht tragen.

Ist denn die Regelung ganz scharf?

Nein, wir handhaben das einen Ticken liberaler.

Wie denn?

In den Räumen gilt die Pflicht absolut. Auf dem Hof gilt die Regelung: Wenn die Maske nicht getragen wird, dann muss der Mindestabstand eingehalten werden.

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Welche Schüler sind das größere Problem: Fünft-, Neuntklässler oder die Oberstufenschüler?

Die jüngeren sind eher bereit, das umzusetzen. Die älteren Schüler handhaben das etwas laxer. Aber wenn man sie einzeln darauf anspricht, muss man auch nicht groß diskutieren.

ASG-Schulleiter Joachim Höck an einem Waschbecken eines Klassenzimmers. Die Waschgelegenheiten sind mit Seife und Papiertüchern ausgerüstet.

ASG-Schulleiter Joachim Höck an einem Waschbecken eines Klassenzimmers. Die Waschgelegenheiten sind mit Seife und Papiertüchern ausgerüstet. © Thomas Schroeter

Gibt es Strafen bei Verstößen?

Nein, das wäre nicht zielführend. Und wir könnten es nicht bewältigen. Wir haben ja 1000 oder 950 Schülern gleichzeitig draußen. Wir sind keine Polizisten, können nicht wie das Ordnungsamt mit Zettel und Stift Namen und Klasse notieren, nachkontrollieren und so weiter. Da belassen wir es bei der freundlichen Ansprache. Wir versuchen den Sinn zu erklären.
Und wenn das mit unserer liberaleren Regelung draußen nicht funktioniert, dann müssten wir eben eine absolute Maskenpflicht zu jeder Zeit einführen. Ich sage dann: Das ist das, was ihr bestimmt nicht wollt. Ihr habt es selbst in der Hand. Das klappt.

Tragen die Lehrer Masken?

Ja. Meistens auch auf dem Schulhof. Im Gebäude sowieso. Lehrer können die Maske abnehmen, wenn sie im Klassenraum vorne stehen, also der Abstand gewahrt ist. Es spielt für viele Schüler auch eine Rolle, dass sie das Gesicht der Lehrer sehen. Gehen sie durch die Reihen, setzen sie die Maske auf. Auch wenn Schüler vorne an der Tafel stehen oder einen Vortrag halten, können sie die Maske ablegen.

Vom 18. März bis 23. April war die Schule ganz geschlossen. Jetzt arbeitet sie darauf hin, dass für eine neue Schließung, falls sie erforderlich würde, auch Distanzunterricht besser möglich ist als im Frühjahr 2020.

Vom 18. März bis 23. April war die Schule ganz geschlossen. Jetzt arbeitet sie darauf hin, dass für eine neue Schließung, falls sie erforderlich würde, auch Distanzunterricht besser möglich ist als im Frühjahr 2020. © Silja Fröhlich

Was meinen Sie: Wieso haben Sie noch keine Infektion an Ihrer Schule?

Ich glaube einfach, wir haben Glück gehabt. Wir achten schon sehr darauf, dass in der Schule nichts passiert. Aber sobald wir ein oder zwei Schüler haben, die mit Infektionen ankommen, können wir noch so viel mit Abstandhalten kommen.
Wir versuchen, das zu tun, was wir tun können und sollen. Ich mach mir aber nicht die Illusion, dass wir absoluten Schutz gewährleisten können. Sobald ein Fall auftritt, wo man vorsichtig sein sollte, schicken wir die Kinder nach Hause. Wir sind hier sehr sensibel dafür, haben aber auch eine sehr kooperationsfähige Elternschaft..

Mal ein Blick in die Zukunft: Wird es 2021 wieder würdigere Abschlussfeiern geben?

Ich bin Grundoptimist. Ich gehe davon aus, dass wir bis Frühjahr 2021 einen Impfstoff haben oder gute Konzepte, in welchem Rahmen wir Feiern stattfinden lassen können. Wir haben mit der Begrüßungsfeier der Fünfer jetzt schon gestaffelt gearbeitet und gezeigt, dass wir es können. Zwar sind Jahrgangsfeiern zum jetzigen Zeitpunkt vielleicht noch utopisch, aber feierlich war es ganz bestimmt.

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