Schulleiter Höck über den heiklen Neustart in NRW in der Corona-Krise

dzAbitur 2020

Donnerstag gehen die ersten Jugendlichen wieder an die Schulen in Castrop-Rauxel. Erstmal nur Abschlussjahrgänge. Was bedeutet das fürs Adalbert-Stifter-Gymnasium? Antworten des Schulleiters.

Castrop-Rauxel

, 22.04.2020, 04:30 Uhr / Lesedauer: 4 min

Joachim Höck ist seit knapp einem Jahr Schulleiter des Castrop-Rauxeler Adalbert-Stifter-Gymnasiums. Selten hatte er in seiner Zeit als Lehrer wohl so arbeitsreiche Osterferien wie in diesem Jahr. Wir erreichten ihn am Dienstag (21.4.) gegen 13.30 Uhr in seinem Büro - zwei Tage vor der Wiederaufnahme des Unterrichts im Schulgebäude.

Herr Höck, hat Sie die Ankündigung von Ministerpräsident Laschet vergangene Woche, in NRW schon diese Woche Schulen zu öffnen, wie ein Blitz getroffen?

Wie der Blitz nicht. Ich formuliere vorsichtig: Die Ankündigung ergänzte die vorherige, dass der Unterricht erst am 4. Mai wieder anfängt, ein wenig unerwartet.

Und wie sehen Sie das nun?

Es gibt Schulen, die sind bedauernswerter dran als Gymnasien. Wir müssen nur eine Jahrgangsstufe ab Donnerstag unterrichten: Abiturienten. Auch das „nur“ in dem Rahmen, in dem die Schüler kommen wollen – sie müssen nicht. Andere Schulen trifft es härter, zum Beispiel die Gesamtschule: Die hat zu den Abiturienten noch den Abschlussjahrgang 10. Die Zehner kommen verpflichtend ab Donnerstag. Für sie ist der Aufwand, was Räume und Lehrpersonal angeht, um einiges höher. Ähnliches gilt für Realschule und Sekundarschule. Ich habe sehr großen Respekt vor der Leistung meiner Kolleginnen und Kollegen. Wir stemmen da das kleinere Paket.

Welches „kleinere Paket“ ist das denn?

Wir haben 88 Schüler in der Q2. Sie konnten aussuchen, an welchen Abiturkursen sie teilnehmen wollen. Freitag haben wir sie gefragt und hatten Rücklauf bis Sonntag: 70 Schüler nehmen das Angebot wahr, zur Schule zu kommen.
Wir haben Freitag angefangen, das zu organisieren. Wir lösen uns vom Stundenplan und bilden Fach-Lerngruppen. In einer Gruppe sind maximal zehn Schüler. Ein Leistungskurs mit 20 Schülern wird also auf zwei Gruppen aufgeteilt. Wir arbeiten in einem Zweischicht-System mit einer halben Stunde Pause, damit die Schüler der ersten Schicht das Gelände verlassen können, ohne den anderen zu begegnen. Das sind am Donnerstag 90 Minuten pro Schicht, ab Montag 120 Minuten. Das EBG macht es genauso. Pro Tag gibt es einen fachlichen Schwerpunkt. Bis 5. Mai ist so jeder Tag für die Schüler abgedeckt.

Der Haupteingang am Oberstufengebäude des ASG. Durch diese Tür gehen die Schüler in das Gebäude, der Ausgang liegt an der anderen Gebäude-Seite.

Der Haupteingang am Oberstufengebäude des ASG. Durch diese Tür gehen die Schüler in das Gebäude, der Ausgang liegt an der anderen Gebäude-Seite. © Thomas Schroeter

Wie denn genau?

Am Donnerstag ist Leistungskurs 1, Freitag LK 2, Montag das 3. Fach, Dienstag das 4. Fach. Jeder Schüler hat jedes Abiturfach so noch zweimal vor der Prüfung. Unsere Kooperationsschüler mit dem EBG werden zum Infektionsschutz in ihrer Stammschule versorgt. Es hat nicht jeder Schüler Unterricht bei dem Lehrer, den er vorher hatte – denn es fallen ja auch Lehrer aufgrund von Alters- oder Gesundheitsgründen aus. Bei uns sind das vier Kollegen.

Kann ein Lehrer die Abi-Vorbereitung machen, wenn er dieses Schuljahr nichts damit zu tun hatte?

Wir haben geschaut, wer in den vergangenen Jahren Abi-Schüler hatte. Die Abitur-Themen ähneln sich über einen bestimmten Zeitraum hinweg. Ein Beispiel zum Fach Deutsch: Die methodischen und inhaltlichen Vorgaben sind in diesem Jahr identisch mit denen aus dem Vorjahr. So kann man sich recht einfach vertreten. Es gibt enge Absprachen unter den Kollegen.

Kennen Sie die Prüfungen?

Nein, aber das ist nicht anders als sonst. Abitur-Aufgaben werden am Tag vorher heruntergeladen und kopiert.

Wie lösen Sie die Hygiene-Anforderungen in der Schule?
Jeder Raum hat ein Waschbecken, oder eine Toilette ist ganz in der Nähe. Wir stellen Seife und Handtücher zur Verfügung.

Joachim Höck leitet das Adalbert-Stifter-Gymnasium seit Beginn des Schuljahres.

Joachim Höck leitet das Adalbert-Stifter-Gymnasium seit Beginn des Schuljahres. © Matthias Stachelhaus (Archiv)

„Die Größenordnung ist unklar – und das macht es schwierig.“
Joachim Höck, Schulleiter am ASG

Tragen die Schüler Masken?

Es gibt keine Maskenpflicht, denn ich kann nicht sicherstellen, dass alle Schüler Masken haben – das kann ich darum auch nicht verordnen. Ich kann nur nachdrücklich auf die Empfehlungen hinweisen. Ich setze dazu gerade ein Schreiben auf. In den Räumen können die Sicherheitsabstände eingehalten werden. Das Betreten des Gebäudes geschieht durch eine Tür, man geht durch eine andere heraus. Dazu haben wir das Schichtsystem. Und jeder Raum wird nur einmal pro Tag genutzt und danach gereinigt.

Können Sie sich ein Szenario ab dem 4. Mai vorstellen oder bereiten Sie sich da mit mehr Vorlauf auf etwas vor?

Naja, auf welcher Basis bereitet man vor? Wir haben keine Grundlage, wissen nicht, mit welchen Schülergruppen, in welchen Größen der Schulbetrieb ab 4. Mai wieder laufen soll. Vor diesem Hintergrund kann nicht viel vorbereitet werden. Ich bin aber zuversichtlich, dass wir uns nach einer Konkretisierung durch das Schulministerium auf die neue Situation einstellen können.
Die Größenordnung ist unklar – und das macht es schwierig. Es gibt verschiedene Meinungen: Kommen nur die Schüler, die im nächsten Schuljahr Abschlussprüfungen ablegen? Oder die, die dringend wieder in Gruppen lernen sollten, also Fünfer und Sechser? Hier warten wir auf konkrete Vorgaben.

Sehen Sie diese Ungewissheit als alternativlos oder als für Sie ungünstig an?

Beides. Jeder ist froh, wenn er Planungssicherheit hat. Aber es ist auch klar, dass man heute sagt: Wir gehen ganz kleine Schritte. Hinter jede Festlegung kommt man später nicht mehr zurück, wenn sich die Fallzahlen wieder in eine andere Richtung entwickeln. Wir leben in gewisser Hinsicht von der Hand in den Mund. Es gibt Situationen im Leben, die sind eben so.

Können Sie eigentlich guten Gewissens Zeugnisse zum Schuljahresende erstellen?

Es ist die Frage, was die Basis ist. Bei einem Versetzungszeugnis zum Schuljahresende ist das das Halbjahreszeugnis und die Zeit bis zum 13. März. Das waren anderthalb Monate in diesem Schulhalbjahr. Diese Zeit spielt dann nur bedingt eine Rolle. Das ist die neue Grundlage unserer Gesprächsangebote an die Eltern und Schüler.
Klar ist: Die jetzige Situation darf keinem Schüler negativ ausgelegt werden. Klar ist aber auch: Wenn sich abzeichnet, dass man Gespräche über eine freiwillige Wiederholung für einzelne Schüler führt, dann sollte man das in Absprache mit der Klassenkonferenz demnächst anstreben. Und zwar dann, wenn erkennbar ist, dass das die sinnvollere Entscheidung für die Entwicklung eines Schülers ist. Die Frage ist immer: Was heißt diese Situation jetzt für diesen Augenblick für jeden einzelnen Schüler?

Was sehen Sie beim Blick in die Zukunft? Die Schüler verlieren ja gerade auch Zeit und Inhalte…

Ich hoffe, dass ab September ein halbwegs normaler Unterricht möglich ist. Was das für die Lehrinhalte bedeutet, ist für jedes Fach und jede Stufe unterschiedlich. Schwierig wird es, wenn am Ende der 9. Klasse zentrale Kenntnisse für die Oberstufe fehlen. Dann muss man schauen, wie man Lehrpläne raffen oder zusätzliche Förderangebote machen kann. Aber das ist der Blick in eine trübe Glaskugel. In Mathe baut vieles aufeinander auf, darum ist dort das Fehlen einzelner Inhalte schwerwiegender als in Geschichte, wo man in Inhalten und Epochen springt.

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Dazu müssen die Fachschaften sich Gedanken machen, wie man versäumten Unterrichtsstoff aufholt. Das ist für alle Beteiligen, auch für Kollegen, eine ganz heiße Phase. Fest steht: Am Ende steht die Hochschulreife, wir können darum nichts vom Stoff kappen. Die Hochschulen erwarten Standards. Das wird eine Herausforderung, aber ich sage: Das funktioniert. Ich vertraue da völlig meinem Kollegium.

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