Kritik nach erstem Corona-Schultag: „Kultusminister im Elfenbeinturm?“

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Gemischte Gefühle gab es bei Castrop-Rauxeler Schülern und Lehrern nach dem ersten Schultag während der Corona-Krise. Maßnahmen sind gut umsetzbar, aber sie alleine reichen nicht.

Castrop-Rauxel

, 23.04.2020, 16:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Der Schulhof des Adalbert-Stifter-Gymnasiums ist leer. Trotz herrlichen Sonnenscheins tummeln sich hier um 11 Uhr keine Schüler, es herrscht kein Lärm, keine Lehrer, die zur Ordnung rufen. Und doch - die Schule ist geöffnet. An den Eingängen stehen Desinfektionsflaschen, Schilder mahnen zur Einhaltung des Mindestabstands.

Diese Hinweise richten sich am Donnerstag (23.4.) an die Abiturienten des ASG. In Zeiten des Coronavirus dürfen die Jugendlichen wieder zum Unterricht. Es ist ein kleiner Schritt zurück zur Normalität.

Seit dem Morgen werden kleine Gruppen von Schülerinnen und Schülern in Castrop-Rauxel wieder unterrichtet. Dabei liegt es den Abiturienten frei, zum Unterricht zu erscheinen. Für Schüler der Jahrgangsstufe 10 an Gesamtschulen besteht hingegen Anwesenheitspflicht. Mit insgesamt 250.000 Schülern landesweit rechnete das Schulministerium von NRW. Und das, obwohl Zusammenkünfte größerer Gruppen eigentlich untersagt sind. Fast sechs Wochen hatten die Schüler nun frei.

Ein Schlachtplan für ungewöhnliche Zeiten

Die Castrop-Rauxeler Schulen haben sich für die ungewöhnliche Situation einen Schlachtplan zurechtgelegt. Das Ernst-Barlach-Gymnasium empfängt seine Schüler ab 9 Uhr, der Stundenplan ist nach den jeweiligen Abiturfächern aufgeteilt. Die Kurse werden in Gruppen bis neun Personen unterrichtet. Sie erscheinen alle Viertelstunde. Schutzmasken sind Standard, Mindestabstand ist die Devise. Auch an der Willy-Brandt-Gesamtschule und dem Adalbert-Stifter-Gymasium gibt es Raumpläne, Laufwege, Desinfektion - und weitgehend Mundschutz.

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Doch trotz bestmöglicher Vorbereitung sind die Gefühle der Schüler und Schülerinnen an diesem Tag gemischt. Zwei von ihnen sind Fabian Mühlhofer und Max Plaesier. Die beiden 18-Jährigen hatten am Morgen zusammen mit vier anderen Mitschülern ihre erste Stunde Mathematik am ASG. Etwas, das vor zwei Monaten noch normal war, ist heute ungewohnt.

„Das ist unverantwortlich“

„Es war entspannt, in so einer kleinen Gruppe unterrichtet zu werden“, erzählt Max Plaesier. „Wir müssen einfach mit der Situation umgehen, wenn wir Abitur schreiben wollen. Das ist die einzige Option, die bleibt.“ In Vorbereitung auf die Abiturprüfungen in drei Wochen sei die Methode praktisch, doch als Unterrichtsersatz eigne sie sich nicht, findet Max Plaesier. „Besonders für die Lehrer ist das sicher anstrengend, sie müssen alles doppelt erklären.“ Und das Restrisiko, sich mit dem Coronavirus zu infizieren, bleibe.

Fabian Mühlhofer ist kritischer. „Man könnte denken, die Kultusministerin in Düsseldorf sitze in einem Elfenbeinturm. Sie hätte uns auch das Durchschnittsabitur geben können.“ Das wäre ohne Abschlussprüfungen gewesen und hätte die Noten aus der Oberstufe gemittelt. „Ich finde diese Handhabung unverantwortlich.“ Er denke besonders an die Mitschüler, die sich nicht auf gleiche Weise auf die Abiturprüfungen vorbereiten können wie er, da sie sich um Geschwister kümmern müssten oder Vorerkrankungen hätten.

Am Adalbert-Stifter-Gymnasium steht Desinfektionsmittel am Eingang bereit.

Am Adalbert-Stifter-Gymnasium steht Desinfektionsmittel am Eingang bereit. © Silja Fröhlich

Im Stich gelassen

Keine zwei Stunden später kommt Anastasia Ryzhikh aus dem Englischunterricht. Die Abiturientin sei nur aus Angst gekommen, etwas zu verpassen. So wie ihr Mitschüler Fabian Mühlhofer findet Anastasia Ryzhikh, dass die Regierung anders hätte handeln können. „Es ist komisch, dass für die Bevölkerung all diese Schutzmaßnahmen ergriffen werden, aber bei uns Abiturienten ist es egal. Die sollen ruhig zur Schule gehen, da wird schon nichts passieren. Da fühle ich mich schon etwas im Stich gelassen“, gesteht die 18-Jährige. „Hauptsache, wir schreiben die Prüfungen. Das ist das Wichtigste auf der Welt.“

Ähnlich sieht es Isabelle Eros, Schülerin am EBG: „Die Schule gibt sich wirklich Mühe, alle Regelungen einzuhalten. Man spürt eine gewisse Anspannung unter den Schülern, gerade durch die Masken wirkt die Situation befremdlich.“

Stresstest für Lehrerinnen und Lehrer

Und nicht nur das – die Masken erschwerten auf Dauer die Konzentration, so die Schülerin. „Es wird schnell warm und das Atmen fällt schwer, auch wenn die Masken notwendig sind. Unter den Umständen kann man sich nicht lange konzentrieren. Eine Prüfung will ich so nicht schreiben“, sagt Isabelle Eros.

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Dass sie so im Hinblick auf die Abiturprüfungen einen Nutzen aus dem Unterricht ziehe, bezweifelte sie stark. Denn auch für ihre Lehrerin sie die Situation nicht einfach. „Es war gut, dass heute alle Biologie hatten, aber unsere Lehrerin war etwas überfordert. Sie musste immer zwischen den Räumen hin und her laufen“, erzählt Isabelle Eros.

Verunsichert und wütend

Auch an der benachbarten Willy-Brandt-Gesamtschule sehen Schüler und Lehrer die Unterrichtsregelung kritisch. Auf dem Weg zu Bushaltestelle hört man Aussagen wie: „Das war jetzt totale Zeitverschwendung“ oder „Ob man dafür jetzt seine Gesundheit riskieren sollte ist fraglich.“

Lehrerin Miriam Rosin erklärt, Schüler seien gerade vor allem verunsichert und wütend. „Wir verteilen Aufgaben und klären Fragen zum Stoff. Aber ob die Schüler die Aufgaben im Klassenraum lösen oder zu Hause, das ist kein großer Unterschied, bis auf die Gefährdung der Gesundheit. Und darüber sind die Schüler, zurecht, sauer“, so die Lehrerin.

Der stellvertretende Schulleiter Burkhardt Edeler bezeichnet die Situation als „nicht optimal“. „Wir werden das bis zum 30. April so machen und schauen, was dann von der Politik kommt“, erklärte er nüchtern. Doch bis alles wieder seinen normalen Gang gehen wird, das wird noch dauern.

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