Die Elternbefragung war in zwei Hinsichten deutlich: Sie gab einen klaren Fingerzeig für eine neue Gesamtschule und einen gegen den Erhalt der Sekundarschule. Aber man muss genau hinsehen.

Castrop-Rauxel

, 23.06.2019 / Lesedauer: 4 min

Ein Kommentar von Redakteur Tobias Weckenbrock. Was ist Ihre Meinung? Äußern Sie sie gern in den Kommentaren am Ende dieses Artikels.

Zahlen können schnell einen falschen Eindruck vermitteln, wenn man sie nicht vernünftig analysiert und hinterfragt. Darum muss die Politik aufpassen, dass sie nicht über das Ziel hinaus schießt.

Gymnasien bleiben das Wunschziel vieler Eltern

Die Befragung unter den Eltern der Zweit- und Drittklässler war ein Erfolg: Weil über 80 Prozent der Eltern teilnahmen in erster Linie, in zweiter, weil sie den Elternwillen erkennbar macht. Zum Beispiel so: 300 Eltern wollen für ihre Kinder nach der Grundschule ein Gymnasium als weiterführende Schule. Darum ist es gut, dass Castrop-Rauxel zwei Gymnasien hat. Beide kehren zu G9 zurück und haben unterschiedliche Schwerpunkte und Angebote. Dass das ASG von 200 Eltern favorisiert wird und das Ganztags-EBG von etwa 100 - zu diesem Zeitpunkt geschenkt.

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Deutlich ist auch: Es gibt den Wunsch nach einer neuen, einer zweiten Gesamtschule. Ausgedrückt durch 152 Anmeldewillige unter den Zweit- und Drittklässlern. Das würde dazu führen, dass der Wunsch, das Kind in einer Nachbarstadt (vor allem Waltrop) zur Schule zu schicken, sich von 100 auf 50 Eltern absenkt. Das spart Beförderungskosten mit dem Schulbus. Perfekt!

WBG und FNR: An Akzeptanz besteht kein Zweifel

An der Akzeptanz von Willy-Brandt-Gesamtschule und Fritjof-Nansen-Realschule gibt es keinen Zweifel - weder mit noch ohne neue Gesamtschule. Wenngleich eine neue Gesamtschule sich bei beiden Schulen auf die Zahl der Anmeldungen auswirken würde.

Diese Dinge sind klar. Aber einen Fehler darf man nicht machen: die Sekundarschule Süd jetzt schon abschreiben. Die Politik, vor allem die CDU, ist in dieser Hinsicht ganz schön weit vorgeprescht und hat in einer ersten öffentlichen Reaktion über die Nachfolgenutzung der beiden Gebäude in der Altstadt laut nachgedacht: Das ASG könnte die alte Schillerschule nutzen, eine Kita und eine Grundschule könnten an der Kleinen Lönsstraße ein neues Zuhause finden.

Schule schon dem Untergang gewidmet?

Auch wenn man solche Dinge denken darf: Es vermittelt den Eindruck, dass ob der geringen Zahl der Eltern, die sich jetzt für ihre Zweit- und Drittklässler für eine Anmeldung an der Sekundarschule aussprechen, die Schule schon dem Untergang gewidmet sei. Nein, das sollte nicht sein!

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Erstens: Die Sekundarschule ist die Nachfolgerin der Hauptschule mit einer stärker ausgeprägten Ausdifferenzerung für stärkere und schwächere Schüler. Das Credo war stets, dass diese Schulform auf alle Schulabschlüsse vorbereiten und eine Durchlässigkeit bis hin zur gymnasialen Oberstufe gewährleisten soll.

Es braucht eine Schule für „bildungsferne“ Familien

Ob das immer gelingt, sei mal dahingestellt, aber: Es braucht heute und in Zukunft eine Schulform für lernschwache Kinder aus bildungsferneren Familien, in denen es nicht zum Alltag gehört, dass sich Eltern für die Hausaufgaben der Kinder interessieren. Das können Förderschulen, die Kindern mit ausgewiesenem Förderbedarf helfen sollen, nicht leisten.

Es braucht auch eine Schulform für „Absteiger“: Wer einmal sitzen bleibt auf der Gesamt- oder Realschule, aber es auch danach nicht schafft, den Anforderungen gerecht zu werden, wohin soll es für diese Schüler in Zukunft gehen? Will man sie an der Schule weiter mitschleifen, obwohl es kaum geht? Oder schafft man ihnen in der sechsten, siebten oder achten Klasse die Chance auf einen Neuanfang an der Sekundarschule? Dieser Weg muss offen bleiben.

Viele Mamas und Papas wissen es noch nicht

Und: Es sind noch über 230 Eltern, die an der Umfrage teilnahmen, ausdrücklich unentschlossen. Viele Mamas und Papas von Zweitklässlern hoffen vielleicht, dass sich die Noten des Kindes noch verbessern und es guten Gewissens zur Gesamt- oder Realschule gehen kann. Bei einigen Kindern wird es am Ende aber doch nicht zu einer uneingeschränkten Empfehlung dazu reichen.

Noch ein Gedanke sei erlaubt, und da lege mal jeder selbst die Hand auf sein Herz: Welche Eltern würden sich einen Hauptschulabschluss für ihr Kind wünschen? In der Befragung waren das fünf - fünf von 1000. Das ist praktisch niemand.

Wer nicht nach dem Höchsten strebt...

Fast 600 Eltern der Zweit- und Drittklässler wünschen sich das Abitur für ihr Kind. Und das ist auch nicht vermessen: Wer nicht nach dem Höchsten strebt, wird es auch kaum erreichen. Die Realität holt einen dann im Laufe des Lebens noch früh genug ein. Klar muss man dann mit ihr umgehen und eine nicht uneingeschränkte Empfehlung von Fachleuten, nämlich Grundschullehrern, auch akzeptieren. Aber Wünsche äußern und Ehrgeiz zeigen, diese zu erreichen, dafür darf man Eltern von Zweit- und Drittklässlern nicht verurteilen.

In dieser Woche wird die Bezirksregierung mit Verwaltung und den Expertinnen aus der Politik beraten. Sie sollten sauber abwägen und sich auch die Erfahrung der betroffenen Schulleiter vor Ort zunutze machen: Deren Kenntnis und Einschätzung zu übergehen, wäre leichtsinnig.

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