Psychologe zu tödlichem Familiendrama: Wenn Ohnmacht zu Aggressivität wird

dzSchreckenstat

Mutmaßlich hat ein Habinghorster am Mittwoch seine Frau und sich selbst getötet. Dass der Mann einen Abschiedsbrief hinterließ, ist laut Psychologe Dr. Christian Lüdke bei so einer Tat selten.

Habinghorst

, 13.11.2020, 17:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Am Mittwoch hat sich in Habinghorst ein Familiendrama ereignet. Ein 52-jähriger Mann aus Habinghorst hat mutmaßlich zunächst seine 49-jährige Ehefrau getötet, bevor er bei einem offenbar absichtlich herbeigeführten Autounfall selbst starb. Darauf lassen die Erkenntnisse der Staatsanwaltschaft schließen.

Die Ermittler fanden am Mittwochabend die Leiche der Frau in der gemeinsamen Wohnung des Paares, nachdem ein Abschiedsbrief des Mannes in dem Unfallauto sie auf diese Spur gebracht hatte.

Die Ermittlungsergebnisse sind offenbar so eindeutig, dass ihre Leiche zwar noch am Donnerstag obduziert wurde, sich die Staatsanwaltschaft davon aber gar keine neuen Erkenntnisse mehr erwartete.

Wir haben mit dem Psychologen Dr. Christian Lüdke über die Einordnung dieses Falls gesprochen. „Es ist ein krasser Ausdruck von Aggressivität gegen andere Menschen, wenn ich sie in meine Selbsttötungsabsicht mit einbeziehe, ein schwerer Akt von Verzweiflung geht solchen Taten voraus“, sagt er.

Lüdke zufolge müssten mehrere Faktoren zusammenkommen, damit ein Mensch zu solch einer Tat fähig sei. Die Suizidforschung habe in den vergangenen Jahrzehnten viele Erkenntnisse über diese Art von Taten und Tätern gewinnen können. Und tatsächlich passt der Habinghorster in ein solches Profil.

Fester Platz im Leben erschüttert

Täter seien zumeist Männer und Menschen, die ihren festen Platz im Leben für sich gefunden hätten.

„Vom Altersschnitt her haben wir es mit Menschen zu tun, die zwischen 35 und 55 Jahren alt sind, sich im Job und Partnerschaft einen Standard aufgebaut haben. Gerät eines dieser Fundamente durch Misserfolge oder Verletzungen ins Wanken, dann wächst die Angst vor einem Gesichtsverlust“, erklärt Lüdke.

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Jobverlust, eine drohende Trennung von Familienmitgliedern, finanzielle Probleme oder von der Partnerin betrogen zu werden, sorgten für ein wachsendes Gefühl der Verzweiflung. Depressive Verstimmungen wandelten sich in ein Ohnmachtsgefühl, dass in starke Aggressivität gegen sich und andere gipfelte.

Veränderungen im Verhalten

„Das sind Prozesse, die von außen nicht unbemerkt bleiben können. Bei Betroffenen sind Veränderungen des Verhaltens erkennbar. Sie suchen zum Beispiel vermehrt die Isolation, zeigen Suchtverhalten und machen sich durch eine Aggressivität im sprachlichen Ausdruck bemerkbar: Ironie, Zynismus und Sarkasmus herrschen vor“, sagt der Psychologe.

Potenzielle Täter kündigten ihre Taten auch oft an. Zunächst bemerke man dies durch indirekte Andeutungen, später schlügen diese in offene Drohungen um, wie Lüdke erklärt.

Im Falle des mutmaßlichen Täters von Habinghorst war die Räumung der Wohnung wegen finanzieller Schwierigkeiten des Paares angeordnet; außerdem hatte der Mann Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft zufolge psychische Probleme.

Erlernte Hilflosigkeit

Tatsächlich sei eine erlernte Hilflosigkeit in Situationen, die Kontrollverlust suggerierten, das Grundgerüst solcher Taten. Das Gefühl, immer nur auf der Verliererstraße zu sein, begünstige sie.

Alkoholismus und Drogenmissbrauch dienten in Ausnahmesituationen als Brandbeschleuniger. Rauschzustände holten laut Lüdke Dinge zum Vorschein, die an sich schon in den Menschen vorhanden seien.

Die Art, wie der 52-Jährige nun sich selbst und auch seine Ehepartnerin getötet habe, spiegelt wider, wie groß seine Aggressionen gewesen sein müssen. Es gebe sogenannte weiche Arten von Selbsttötungen und es gebe harte Arten, bemerkt der Psychologe.

Zerstörung des Gegenübers

Von einer Brücke zu springen, sich zu erhängen oder sich durch einen Autounfall zu töten, gehörten zu den harten Arten, weiche, weniger aggressive Arten seien der Erstickungstod durch Autoabgase oder zum Beispiel eine Vergiftung durch Schlaftabletten.

Gleiches gelte für die Art, wie andere Menschen getötet würden. Unmittelbare Gewalteinwirkung zeige, dass es um Rache oder Vergeltung für eine erlittene, große Verletzung geht.

Der Täter erlebe in diesen Momenten, dass er ein Stück weit für sich eine Ordnung wieder herstelle, er übernehme die Kontrolle, die er verloren geglaubt habe, wieder zurück.

Dass bei einem erweiterten Suizid ein Abschiedsbrief hinterlassen werde, komme laut Dr. Lüdke allenfalls in zwei von zehn Fällen vor: „Mit solchen Briefen will sich der Täter erklären, weil er sein eigenes Gewissen vor der Tat damit beruhigt. Er weiß, dass er etwas Falsches tut, aber versucht sein Handeln zu rechtfertigen“, sagt Lüdke.

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