Peri Weiper floh vor Corona aus Malaysia und startet neu – mit nichts

dzCoronavirus

Seit zwei Wochen ist Peri Weiper zurück in Deutschland. Sie lebte lange in Malaysia, doch reiste nun zurück. Sie landete in Ickern und sagt, eine Corona-Depression wäre sonst ihr Tod geworden.

Castrop-Rauxel

, 05.10.2020, 19:30 Uhr / Lesedauer: 5 min

Peri Susanne Weiper ist einer dieser Menschen, der ein Buch über sein Leben schreiben könnte. Die vergangenen 13 Jahre waren dabei vielleicht die spektakulärsten: Die Frau, deren erster Vorname persisch ist und „Fee“ bedeutet, arbeitete in Ägypten, Indien und Malaysia. Jetzt floh sie von dort und sagt, sie wäre sonst unter der Brücke gelandet. Oder gestorben.

Peri Weiper ist 55 Jahre alt. Sie liebt elektronische Musik, war in den 80er-Jahren mal verheiratet, ließ sich scheiden, baute in den 90er-Jahren den Underground-Club „Neuroserve“ in Bielefeld auf, eher er vier Jahre später von Behörden geschlossen wurde. An diese Zeit knüpfte sie in der letzten Phase ihres Aufenthaltes in Südostasien an. Aber in der Zwischenzeit erlebte sie dort ihren Traum. Und am Ende ein Trauma.

Im Jahr 2007 begann ihr großes Abenteuer: Sie schulte um am Berufsförderungswerk in Dortmund-Hacheney. Zusammen mit vielen Männern machte sie dort ein Zertifikat als „Zerstörungsfreie Prüftechnikerin“. Zu der Zeit lernte sie Helge Kirsch aus Ickern kennen, der einer ihrer besten Freunde werden sollte, der ihr nun fürs erste eine Mietwohnung im Haus seiner Eltern organisierte. Damit sie hier neu anfangen kann.

„Ich bin baff, wie man das auf die Beine stellt“

Kirsch sagt heute: „Wenn sie sich was in den Kopf setzt, dann zieht sie es durch. Sie hat sich vielfach fortgebildet, ist in der Branche hoch gegangen wie man nur kann. Ihr Ziel war Asien – und das hat sie geschafft! Ich bin baff, wie man das auf die Beine stellt. Die Arbeiter in dieser Branche sind ein eigener Schlag Mensch, Schweißer, 99 Prozent Männer.“ Und sie, die „Fee“, geboren und aufgewachsen in Marl-Sinsen.

Peri Weiper in ihrer neuen Bleibe in Ickern-End: Sie schaut einerseits mit Sorge, aber auch mit Zuversicht in die Zukunft.

Peri Weiper in ihrer neuen Bleibe in Ickern-End: Sie schaut einerseits mit Sorge, aber auch mit Zuversicht in die Zukunft. © Tobias Weckenbrock

Nach der Umschulung arbeitete sie erst für eine deutsche Firma, reiste aber zu der Zeit schon viel ins Ausland: „Wo die Schweißer arbeiten, da braucht es am Ende auch immer eine Prüferin, die die Arbeiten abnimmt“, erklärt sie ihren damaligen Job. In einem Wirtschaftszweig, der dreckiger ist als das einfache Hoch- und Tiefbaugewerbe: in der Öl- und Gasindustrie.

Peri Weiper war gefragt. Sie wechselte in ein amerikanisches Unternehmen namens Fluor, eine Firma, die im Öl- und Gasgewerbe schwer mitmischt. „Da, wo man richtig Geld verdienen kann“, erzählt sie. Sie baute an Öl-Pipelines in den Fördergebieten mit und an riesigen Öl-Raffinerien mit Tausenden Mitarbeitern. Sie lebte in Ägypten, in Indien und kam dann nach Südostasien. Sie arbeitete für und bei Petronas, eine der größten Ölfirmen der Welt.

Schweißnähte kontrollieren: Das ist der Job, den Peri Weiper vor rund 13 Jahren erlernte und mit dem sie in Nordafrika und später Südostasien ihren Broterwerb bestritt. Nun ist sie zurück in Deutschland und würde gern etwas ganz anderes machen.

Schweißnähte kontrollieren: Das ist der Job, den Peri Weiper vor rund 13 Jahren erlernte und mit dem sie in Nordafrika und später Südostasien ihren Broterwerb bestritt. Nun ist sie zurück in Deutschland und würde gern etwas ganz anderes machen. © Weiper

Ihre Jobs waren meist auf einzelne Projekte bezogen. Als Freelancerin hatte sie also oft kein festes und verlässliches Einkommen. Aber ihre Auftraggeber zahlten gute Gagen.

Bis die Öl- und Gaskrise vor drei Jahren voll zuschlug. Dadurch verlor sie ihre Lebensgrundlage. Die Zahl der Aufträge ging in Malaysia seit 2017 stark zurück, am Ende fiel sie auf null. „Im Mai 2019 sagte eine Firma, dass sie mich brauche, aber mich nicht mehr bezahlen könne“, sagt Peri Weiper heute. Die Firma, die ihr auch das Visum besorgt hatte, das sie brauchte, um dort zu leben.

„Ich wusste: Es geht anders nicht weiter“

Zu dem Zeitpunkt entschloss sie sich, umzusatteln auf etwas, das sie ebenfalls leidenschaftlich ausübt: das Auflegen von Musik. „Ich bin DJ seit den 90er-Jahren. Im April 2019 habe ich damit angefangen, Events und Musik in Kuala Lumpur zu machen, weil ich wusste, dass es für mich anders nicht weiter geht.“

Peri Weiper arbeitete in Asien in einer Männerdomäne. Die Schweißer, die Pipeline und die Frau aus Deutschland: ein übliches Bild für sie dort.

Peri Weiper arbeitete in Asien in einer Männerdomäne. Die Schweißer, die Pipeline und die Frau aus Deutschland: ein übliches Bild für sie dort. © Weiper

Sie wollte bleiben, sich etwas Neues aufbauen. „Ich wollte Südostasien nicht verlassen, weil es da einfach super ist.“ Sie, die zwar jahrelang gutes Geld verdiente, aber das Angesparte langsam aber sicher aufgezehrt hatte, habe sich mit DJ-Jobs „über Wasser gehalten – bis am 18. März der totale Lockdown kam“.

Im südostasiatischen Land, Nachbarstaat von Thailand, ist das Coronavirus bisher eigentlich kein Killer: 11.484 Infektionen gab es generell erst. 136 Menschen starben an Covid-19. Das hat laut Peri Weiper Gründe: „Es ist dort wie in einem Hochsicherheitstrakt. Die Zahlen sind nicht geschönt, sondern sie sind so, weil die Armee und die Polizei auf der Straße sind, weil niemand raus darf. Die Asiaten wissen einfach, wie man sowas macht.“

Peri Weiper ist DJane: Sie legt schon seit Jahrzehnten gern elektronische Musik auf.

Peri Weiper ist DJane: Sie legt schon seit Jahrzehnten gern elektronische Musik auf. © Weiper

Erst in den vergangenen Wochen habe man wieder aus dem Haus gehen dürfen. „Es entspannte sich alles ein wenig ab dem 1. Juli: Man darf seither mit Maske wieder spazieren gehen. Aber man wird überall gescannt, wohin auch immer man geht, und genau getrackt.“

„Ich bin in eine Depression gefallen“

Sie ertrug die Isolation nicht. „Die Suizid-Rate ist hoch gegangen“, erzählt sie. Und der Gedanke spukte in ihrem Kopf auch, obwohl sie eigentlich ein lebensfroher Mensch sei.

Zeitgleich ging ihr das Geld zum Überleben aus. „Ich bin kein Luxus-Girl, aber mit Corona bin ich in eine Depression gefallen. Ich war drei Monate alleine in der Wohnung“, erzählt sie. Und schrieb über ihre Notsituation bei Facebook.

In ihrem alten Umschulungs-Freund Helge Kirsch fand sie einen, der das bemerkte: „Ich habe zufällig gelesen, dass es ihr in Malaysia so schlecht ging“, erzählt er. „Daraufhin habe ich sie gefragt, obwohl der Kontakt nicht mehr so eng war. Sie hat mir von ihren Problemen erzählt. Im Haus meiner Eltern in Ickern wurde zufällig eine Wohnung frei. Die habe ich ihr angeboten.“

Zufall? Peri Weiper sagt: Es gibt keine Zufälle. Es sei Fügung, Schicksal, irgendwas in der Art gewesen. „In Asien sprechen alle von Karma.“

Doch sie hatte kein Geld für den Rückflug. So wie sie in den letzten drei Monaten schon kaum noch Geld für ihr Leben in Malaysia hatte. Freunde dort, fast alles Einheimische, und Freunde in der deutschen Heimat gaben ihr Geld. Auch Helge Kirsch schickte ihr welches, damit sie raus kommt.

Denn die Zeit drängte: Am 25. September lief ihr Visum ab. Sie buchte einen Flug und landete am 20. September in Düsseldorf. Um 9.20 Uhr aus dem Flieger, musste sie um 10 Uhr zum Corona-Test. Um 22 Uhr hatte sie das Ergebnis: negativ. Daraufhin konnte sie die ab Einreise geltende Quarantäne verlassen.

Tapeziertisch ist die Küchenzeile

Sie zog in die leere Ickerner Dachgeschosswohnung ein. Sie hat dort nicht viel, eine alte Kaffeemaschine, einen kleinen Kühlschrank, einen Tapeziertisch als Küchenarbeitsfläche, ein kleines Plastik-Steckregal, einen Tisch, zwei Stühle. Und einen Raum, in dem ihr DJ-Pult steht. Sie macht von dort aus Internet-Radio. „Jetzt muss ich Fuß fassen“, sagt Peri Weiper im Gespräch mit unserer Redaktion.

Sie bekam aber gleich eine dicke Erkältung nach einem umfassenden Jetlag. Aber dann kam sie wieder richtig auf die Beine. „Sie war dort durchgängig 27 Grad gewohnt“, sagt Helge Kirsch. Und tagsüber 34. Hier musste sie Behördengänge machen und Formulare ausfüllen, bei 15 Grad und Nieselregen. Sie hat Grundsicherung beantragt und bekommt bald die Miete vom Jobcenter.

Peri Weiper richtet sich neu ein. Sie wolle schnell einen Job finden. Aber Pipelines bauen ist hier nicht so gefragt. „Ich kann gut managen, kann gut mit Leuten sprechen, auch mit schwierigen. Dann fange ich erst an, richtig gut zu werden“, sagt sie über sich. „Man weiß, worauf es ankommt, wenn man im Ausland gearbeitet hat.“

„Ich wäre unter der Brücke gelandet“

„Ich wäre in Malaysia unter der Brücke gelandet“, sagt sie. „Die Leute hier würden auf die Barrikaden gehen, wenn sie so leben würden wie viele Menschen dort: Das Öl hat den Staat wirtschaftlich gerettet, aber die Korruption sorgt dafür, dass es nicht bei den Menschen unten ankommt. Sie sind dort nur eine Nummer, kein Mensch. Es ist ein Entwicklungsland, aber auch irgendwie keines.“

Helge Kirsch sagt über Peri Susanne Weiper: „Ich habe immer gesagt: Boah, bist du taff.“ Peri Weiper findet, das habe nichts mit taff zu tun, es sei ihr lang gehegter Wunsch gewesen. Malaysia sei wunderschön, findet sie. Das Leben dort toll. Aber nicht das Leben, das sie zuletzt lebte.

Jetzt steht sie mitten im Neuanfang. In Castrop-Rauxel. Helge Kirsch will ihr helfen, was auch immer sie anstrebe. „Mit Menschen arbeiten? In den Beruf zurück? Sie weiß es noch nicht, sie ist noch in der Orientierungsphase“, sagt er.

Sie haben Ideen oder gar eine konkrete neue Aufgabe für Peri Susanne Weiper? Mailen Sie Ihr zur Kontaktaufnahme an peri.weiper@web.de
Lesen Sie jetzt