Neue Quatsch-Kultur im Stadtrat? Was man von der „Partei“ erwarten darf

dzNeue Fraktion

Die Partei ist neu im Stadtrat von Castrop-Rauxel. Zwei Kandidaten stehen für eine Partei, die für Sarkasmus und Zynismus bekannt ist und oft „Satire-Partei“ genannt wird. Was ist Quatsch, was ernst?

Castrop-Rauxel

, 21.09.2020, 17:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Wenn man im Duktus der Parteimitglieder selbst bliebe, könnte man für Die Partei nach der Kommunalwahl formulieren: „Wir danken all unseren hervorragenden Wählern, dass sie die exzellente PARTEI nun zum mit der Parteigründung verbundenen Ziel geführt haben, endlich als Fraktion in den Stadtrat von Castrop-Rauxel einzuziehen.“

Es ist ein erdachtes Zitat, aber es passt zu einer Gruppierung, die als „Spaß-Partei“ oder als „Satire-Partei“ tituliert wird und das gern mit Ironie kontert. Ihre Kandidaten Andreas Kemna und Jan Philip Schluer sind mit den Stimmen von 775 Wählern in den Stadtrat eingezogen. Sie werden genauso viel Stimmkraft haben wie die etablierten Fraktionen Linke, FWI, FDP und UBP. Auf wieviel Quatsch darf man sich einstellen?

Die Partei beschwert sich gern, wenn Journalisten ihren Parteinamen nicht so schreiben wie den der SPD, der FDP und der CDU, nämlich in Großbuchstaben. Schließlich handele es sich um eine Abkürzung „Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative“. 2004 wurde sie aus der Redaktion des Satire-Magazins Titanic heraus gegründet.

Subtile Kritik am Politikbetrieb

Bekanntestes Gesicht ist Satiriker Martin Sonneborn, Mitglied des Europaparlaments. Er ist in der Partei-Sprech ihr GröVaZ: Der „Größte Vorsitzende aller Zeiten“. An den Formulierungen erkennt man ihre Art: Sie macht sich subtil lustig über den Politikbetrieb – als Teil desselben.

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Wer steckt hinter „Die Partei Castrop-Rauxel“? Auf der einen Seite Menschen, die diesen bissigen, manchmal auch albernen Humor mittragen. Von einer Partei mit „wirklicher Kompetenz“ schreibt Kreisverbands-Vorstand Klaus Hamelmann, der in einer Pressemitteilung vor Monaten schon „endlich seriöse Politik für Castrop-Rauxel“ postulierte. Kemna und Schluer lernten sich erst auf dem Nominierungs-Parteitag kennen. Einen Stadtverband gibt es noch nicht, das werde man nun auf den Weg bringen, so Kemna.

Man habe sich für die Wahl „bewusst auf die Stadtteile mit Potential konzentriert, um den anderen Bewerbern auch eine Chance zu lassen“, ließ sich Andreas Kemna in einer Pressemitteilung zitieren, als feststand, dass man nicht in jedem Wahlkreis antritt. „Qualität geht bei uns vor Quantität“, sagte er damals.

„Verlierer“ an der Spitze der Liste

Kemna selbst müsse, hieß es, die Reserveliste anführen, „da er das interne Wettstarren verloren“ habe. Der Vollzugsbeamte, der in der JVA Meisenhof arbeitet, firmierte als „Diskriminierungsbeauftragter“ des Kreisverbandes.

Fakt ist: Kemna (40) ist kein Polit-Neuling. 2014 war er Vorstandssprecher und Ratskandidat der Grünen. Persönliche Diskreditierungen aus Parteikreisen führte er dafür an, dass er zurücktrat.

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Er ist wie seine Partei-Kollegen, in Castrop-Rauxel sind etwa ein Dutzend aktiv, dem linken Spektrum zuzuordnen. Die Partei machte zum Beispiel lautstark Radau, als eine Mahnwache „Fridays gegen Altersarmut“ stattfand, weil die Bewegung von Rechtsaußen unterwandert sei. Nun wolle man die politische Arbeit von der Straße in den Ratssaal tragen.

Auf einen Bürgermeisterkandidaten verzichtete die Partei. Begründung: „Man hätte zwar gern eine kompetente Frau ins Rennen geschickt. Aber bei Betrachtung des Bewerberfeldes aus mehr oder weniger alten weißen Männern kamen Zweifel auf, ob Frauen überhaupt kandidieren dürfen.“ Auf der eigenen Reserveliste standen neben Kemna und Schluer noch Marcus Liedschulte und Klaus Hamelmann.

Ziel: Teilung der Stadt

Ziel sei eine Teilung der Stadt: „Seit Jahren wird sich über den Stadtnamen lustig gemacht. Er schadet der Stadt mehr als eine Ratsmitgliedschaft der Spaßpartei FDP, daher werden wir die natürliche Grenze der Köln-Mindener-Eisenbahn nutzen, um diesen Zustand zu beenden. Alle wichtigen Gebäude und Einrichtungen verbleiben auf unserer südlichen Seite.“ An anderer Stelle hieß es, man werde die Probleme am Bahnübergang Bladenhorst damit beenden, dort eine Mauer zu errichten und Pöppinghausen an Herne zu verschenken.

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Man habe „einen bunten Strauß an Forderungen, Ideen und Plänen“ für Castrop-Rauxel, „dieses idyllische Fleckchen Erde“: Man wolle den Standortnachteil der vom Hauptbahnhof aus schwer zu Fuß zu erreichenden Innenstadt dadurch ausgleichen, dass „wir die Innenstadt bis Rauxel erweitern. Dazu fordern wir die Ausweitung der Fußgängerzone über die Bahnhofstraße bis an den Berliner Platz. Weitere Vorteile liegen auf der Hand: mehrere Schulen werden verkehrsberuhigt, das Rathaus rückt in die Fußgängerzone und wird schlagartig erreichbarer.“

Der Marktplatz soll in „Martin-Sonneborn-Parkplatz“ umbenannt werden. Ansonsten reagiere man „als Turbopolitiker“ auf tagespolitische Ereignisse. „Ich denke, wir werden genauso Politik machen wie die anderen, werden versuchen, uns einzumischen, werden Anträge einreichen, zu aktuellen Themen das Wort ergreifen und eine Partei sein, die zu 100 Prozent die eigenen Forderungen erfüllt“, sagt Kemna.

Bei der Bürgermeisterwahl sei man unentschieden: Am Ende handele die Verwaltung ohnehin häufig nach dem Motto: „Es ist egal, wer unter uns Bürgermeister ist.“

SPD will keine feste Zusammenarbeit

Ernst zu nehmen oder Spaß-Partei? Lisa Kapteinat von der SPD sagt, man führe Koalitionsgespräche mit allen außer der UBP und der „Partei“. Die Politik der UBP lehne die SPD grundsätzlich ab. Bei der „Partei“ sei das anders: Man sei sich aber nicht sicher, ob man in ihr einen Partner für auf Dauer angelegte Politik habe.

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