Neue Palliativstation am EvK: Hierher kommt man nicht zum Sterben

dzEvangelisches Krankenhaus

Das Evangelische Krankenhaus eröffnet eine Palliativstation. Hier werden Menschen aufgenommen, die nicht mehr lange zu leben haben. Sie beim Sterben zu begleiten, ist aber nicht das Ziel.

Castrop-Rauxel

, 11.09.2020, 08:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Ein Mann, nennen wir ihn Wolfgang, hat Speiseröhrenkrebs. Er hat Schmerzen, das Schlucken tut weh, er nimmt immer mehr ab. Heilung wird es für ihn nicht geben. Der Lebenswille, die Kraft fehlt. Sie fehlt für die Lebensmonate, die ihn noch erwarten.

Wolfgang wäre ein typischer Patient für die neue Palliativstation, die erste in Castrop-Rauxel. Sie wird am Samstag (12.9.) in einer kleinen corona-gerechten Feierstunde am Evangelischen Krankenhaus (EvK) eröffnet.

Dem Architekten hat Dr. Christoph Schildger (50) gesagt, er wolle die schönste Krankenhausstation der Stadt. Jetzt, wenige Tage vor der Eröffnung der Palliativstation am Evangelischen Krankenhaus (EvK), ist der Chefarzt der Klinik für Innere Medizin und Altersmedizin sichtlich zufrieden. Stolz führt er durch die Räume mit Wohlfühlatmosphäre. Drei Zimmer bieten Platz für bis zu vier Patienten. Herzstück wird eine Wohnküche sein.

Chefarzt Christoph Schildger

Christoph Schildger ist Chefarzt der Klinik für Innere Medizin und Altersmedizin und verantwortlich für die ärztliche Leitung der Palliativstation. © Ronny von Wangenheim

Die Möbel haben Holzoptik, als Farbe herrschen Erd- und Grüntöne vor, vom Bett aus könnte Wolfgang auf ein Bild an der Decke blicken, so durch Blätter hindurch in den Himmel schauen und sich hinaus träumen. Und nach Tagen oder einigen Wochen intensiver Betreuung ginge es wieder nach Hause.

Das Hauptziel ist es, die Symptome der Krankheit zu kontrollieren

Denn mit einem weit verbreiteten Vorurteil macht der Chefarzt gleich zu Beginn Schluss. Nein, auf diese Station kommen die Menschen nicht, um hier zu sterben. Da unterscheide sich die Palliativstation deutlich von einem Hospiz. „Das Hauptziel ist die Symptomkontrolle“, sagt Schildger. Er erläutert: „Wenn man Menschen fragt, wie sie am liebsten sterben wollen, werden sie sagen: am liebsten zu Hause, ohne mich zu quälen und im Kreis von Familie und Freunden. Das ist, worauf wir hin arbeiten.“

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In der Regel, so berichtet er, werden Patienten zwei bis drei Wochen bleiben. Häufig werden es Krebspatienten sein, deren Krankheit unheilbar ist, die aber noch relativ viel Lebenszeit vor sich haben. Während ihrer Zeit im EvK werden sie intensiv betreut, bis es ihnen so gut geht, dass sie auch zu Hause betreut werden können.

Da ist zum einen die medizinische Hilfe. Es geht nicht um Heilung. Es geht darum, dass der Patient möglichst schmerzfrei und beschwerdefrei sein soll. Aber auch psychische Schwierigkeiten hat das große Team im Blick. Denn eine todbringende Diagnose kann große Ängste oder Verzweiflung auslösen. Auch spirituelle Fragen können am Ende des Lebens wichtig werden.

Der Mensch soll in seiner Ganzheit wahrgenommen werden

„Wir sehen ganzheitlich auf den Menschen“, sagt Christoph Schildger, der es als Chefarzt der Inneren Station auch anders kennt. Viele Professionen treffen in der Palliativstation aufeinander. So sind neben Ärzten und speziell ausgebildeten Pflegekräften auch Psychologen, Ergotherapeuten, Physiotherapeuten und Seelsorger im Einsatz. Es kann Entspannungsangebote geben, Musik- oder Kunsttherapie. Das ist personalintensiv, sagt der Chefarzt. Und: „Wir erwarten keine schwarzen Zahlen. Hier geht es nicht um Wirtschaftlichkeit.“

Wer auf der Palliativstation ist, soll es so schön wie möglich haben. Wenn Patient Wolfgang nicht schlucken kann, nichts essen will, er deshalb abnimmt und energielos ist, dann soll ihm das Essen so schmackhaft und kalorierenreich, das Leben so lustvoll wie möglich gemacht werden.

„Wenn er gerne Torten mag, dann können diese in der Küche gebacken werden“, beschreibt Christoph Schildger. „Oder wir backen Waffeln, alleine der Duft regt schon den Appetit an“, ergänzt Petra Lückel (49), die als Krankenschwester die Bereichsleitung der Palliativstation übernimmt. Deshalb ist für das Team auch die Wohnküche so wichtig. Mehr Sahne im Essen, serviert mit eigenem Besteck und Geschirr, eine Schwester, die Zeit hat, sich zu Wolfgang zu setzen – das alles kann dem Essen den Druck nehmen. Möglichst wenig soll an ein Krankenhaus erinnern.

Angehörige sind auf der Palliativstation ausdrücklich erwünscht

Auch Angehörige gehören dazu. „Nicht nur, dass sie nicht stören. Sie sind ausdrücklich erwünscht“, so der Palliativmediziner. In die beiden Einzelzimmer kann ein zusätzliches Bett hineingestellt werden. Das gemeinsame Ziel: „Die Lebenszeit mit viel Lebensqualität auszufüllen“, so Christoph Schildger.

Aber natürlich, so räumt er ein, werden Menschen auch sterben.

Die Errichtung der Palliativstation hat einen langen Vorlauf. Seit zwei Jahren, so Christoph Schildger, laufen die Planungen. Corona habe für Verzögerungen gesorgt, aber auch der Wechsel der Verwaltungsleitung. Die Folge war jedoch positiv: „Wir durften noch größer werden.“ Mit vier Plätzen sei Castrop-Rauxel rein rechnerisch gut versorgt.

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Die Palliativmedizin generell habe in der Europastadt noch Nachholbedarf, so Christoph Schildger. „Wir müssen palliative Strukturen aufbauen. Da geben wir uns Jahre, ja Jahrzehnte Zeit.“ Ambulante Palliativ-Ärzte, spezialisierte Pflegedienste, ambulante Hospizdienste und die Krankenhäuser, sie alle seien gefragt.

Bodentiefe Fenster und eine Terrasse als Wünsche für die Zukunft

Auch für seine Palliativstation selbst hat Schildger noch Wünsche. Dabei betont er, wie wichtig es sei, dass Spenden eingesammelt werden. Denn nicht alles werde übers EvK finanziert. Das Waffeleisen dürfte leicht zu finanzieren sein. Aber der Chefarzt hat größere Wünsche. Er zeigt auf die Fenster: „Hier könnte man umbauen. Das Glas zum Boden, davor eine Terrasse, auf die man Patienten mit ihrem Bett fahren kann...“

Öffentliche Eröffnungsfeier

  • Am Samstag, 12. September, findet die offizielle Eröffnung der neuen Palliativstation am Evangelischen Krankenhaus statt. Gefeiert wird mit Musik und festlichen Reden von 12 bis 15 Uhr unter freiem Himmel auf dem obersten Deck des Parkhauses vor dem Krankenhaus.
  • Es werden sprechen der Theologische Direktor der Ev. Krankenhausgemeinschaft, Pfarrer Frank Obenlüneschloß, sowie Chefarzt Christoph Schildger. Den musikalischen Rahmen liefern Jane Franklin & Band mit einer Mischung aus Blues und Jazz.
  • Alle Interessierten sind eingeladen. Wegen der Corona-Vorschriften ist eine verbindliche Voranmeldung unter Tel. (02305) 102-2221 (Sekretariat Verwaltungsleitung) notwendig. Darüber hinaus ist das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes Pflicht.
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