Schöne Kostüme und Choreografien, dazu Schlagerperlen mit Witz sind die Trümpfe der Revue. © Volker Beushausen
Westfälisches Landestheater

Neue Musikrevue des WLT feiert die wilden 20er-Jahre mit kessen Liedern

Bühne raus, heißt es am WLT: Unter freiem Himmel feierte die Musikrevue „Als gäb‘s kein Morgen – die wilden 20er-Jahre“ ihre Premiere. Witzig, flott und schmissig.

Nicht von ungefähr gelten Schlager und Couplets der 20er-Jahre als die besten, die je in deutscher Zunge getextet wurden. Das weiß Max Raabe, das weiß auch Tankred Schleinschock.

Wie man hört, „erbte“ der musikalische Leiter des Westfälischen Landestheaters Castrop-Rauxel vom früheren Intendanten Herbert Hauck eine Sammlung von Schellack-Schätzen, die einen prima Fundus für Schleinschocks neue Revue darstellen, die am Freitag ihre Openair-Premiere an ihrem Proben- und Logistikgebäude nahe der Stadthalle feierte. „Als gäb‘s kein Morgen – die wilden 20er-Jahre“ ist ein flotter Ritt durch eine quirlige Dekade, in der die Lebenslust schier überschäumte.

Trotz oder gerade wegen solcher Krisen wie Inflation, Börsencrash und politischer Radikalisierung in der Weimarer Republik. „Als gäb‘s kein Morgen“ lässt das Zeitkolorit in Sprechpassagen einfließen, der Rest ist Musik und Tanz, choreografiert von Barbara Manegold.

Mit Berliner Schnauze

Acht Darsteller treten an, vier Herren, vier Damen. Sie singen und sprechen mit Berliner Schnauze, geben freche Gören, verruchte Schicksen, Nachtschattengewächse aus dem neuen Babylon an der Spree. Für Kostümbildnerin Maud Herrlein ist die Show sicher ein Fest: Wunderbar, was sie an Kleidern, Damenhüten, bunten Sakkos in Goldlamé oder Taubenblau auffährt. Das Auge wird dabei so gut unterhalten wie das Ohr.

Schmissige und kesse Lieder begeistern die Zuschauer. © Volker Beushausen © Volker Beushausen

Für die Musik (voluminös und transparent abgemischt) sorgt das siebenköpfige Lippe-Saiten-Orchester unter Tankred Schleinschock am Klavier. Die Arrangements sind sehr Rhythmus-betont und bringen mit ihrem Schmiss viele Füße im Publikum in Bewegung. Schleinschock ist gewohnt engagiert bei der Sache, „lebt“ jedes Lied, gibt Takt und Einsätze vor. Sind seine Hände auf den Tasten beschäftigt, geht er über zum Ganzkörper-Dirigat.

Neben deutsche Schlagerperlen tritt als zweite Klangfarbe Amerikas Jazz, denn die Revue entführt uns auch in den Cotton Club und New Yorks Flüsterkneipen, wo der Alkohol trotz Prohibition in Strömen floss.

Blues und Dixie-Swing klingen an, im Finale intoniert Patrick Sühl den Gassenhauer „Just A Gigolo“, der Beifall und Jauchzer erntet. Wir haben Sühl bereits als „musikalische Allzweckwaffe“ tituliert, „stimmliche Granate“ trifft es ebenso: Er kann „schwarzen“ Blues und Scat-Gesang („Minnie the Moocher“), gefällt aber auch in den höheren Lagen der Kopfstimme.

Kess und geistreich

Samira Hempel gurrt und grollt schön zwinkernd als Berliner Kindl, mit Jessica Kessler, Franziska Ferrari und Simone Schuster fordert sie singend das Ende der Männerherrschaft. Liedzeilen wie „Keiner unterscheiden kann, ob Du Weib bist oder Mann“ passen auch zur Genderdebatte von heute.

Die Show zeigt, wie modern die wilden 20er waren – und wie kess und geistreich ihre Lieder. Ein großes Vergnügen, in Castrop-Rauxel beim WLT auch noch am Sonntag (13.6., 19.30 Uhr) zu sehen.

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