Flyer der "Ärzte für Aufklärung" wurden in Dorstener Briefkästen verteilt. Die Gruppe hat Verbindungen in die "Querdenker"-Szene. © Dorstener Zeitung
Coronavirus

Netzwerk Ärzte für Aufklärung: Dubiose Liste mit Castrop-Rauxeler Namen

Zwei Castrop-Rauxeler stehen auf einer Liste von 2000 Unterstützern von „Ärzte für Aufklärung“. Es geht um das Coronavirus und Kritik an manchen Maßnahmen. Einige Dinge sind dubios.

Einer ihrer Köpfe stand bei Querdenker-Demos auf dem Redner-Podest. Gegen ihn wird auch staatsanwaltlich ermittelt wegen der Ausstellung unrichtiger Gesundheitszeugnisse. Nun tauchen auf einer Liste von 2000 Unterstützern des umstrittenen Netzwerks „Ärzte für Aufklärung“ zwei Castrop-Rauxeler Namen auf. Es geht mitunter dubios zu.

In Briefkästen im Kreisgebiet tauchten zuletzt Flyer der Gruppe auf. Darin wird vor physischen und psychischen Langzeitfolgen bei Kindern durch das Tragen von Masken gewarnt. Dabei gibt es längst gegenteilige Aussagen von fünf anerkannten großen Fach-Verbänden. „Befürchtungen, Masken könnten die Atmung beeinträchtigen, die Versorgung mit Sauerstoff gefährden oder zu einer gefährlichen Anreicherung von Kohlendioxid führen, sind unbegründet“, heißt es in einer gemeinsamen Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie, des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte, der Deutsche Gesellschaft für Kinder und Jugendmedizin, der Gesellschaft für Pädiatrische Pulmologie und der Süddeutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin.

Fünf Verbände, eine einhellige Meinung

Demnach führten Masken bei entsprechender Aufklärung von Eltern und Kindern auch nicht zu seelischen Problemen oder gar Schäden. „Vielmehr schützen sie das tragende Kind und eventuell auch seine Umgebung.“ Ein Arzt aus Haltern am See sagte unserer Redaktion, er könne nur davor warnen, den Inhalten Glauben zu schenken.

Doch es gibt eine Liste von rund 2000 angeblichen Unterstützern der „Ärzte für Aufklärung“ auf der Internetseite des Netzwerks, mit Vor- und Nachname sowie Wohnort niedergeschrieben. Zwei Namen aus Castrop-Rauxel befinden sich darauf: Der von Rosalie Surmann, bekannte, weil in Ickern sehr aktive Heilpädagogin, und der von Joachim Kantus, einem öffentlich weniger bekannten Mann, der allerdings in einer herausgehobenen Funktion arbeitet: Er ist Leiter des Sozialdienstes der deutschlandweit renommierten Vestischen Kinderklinik in Datteln.

Über der Liste der Namen steht Dr. Walter Weber, auch im Impressum taucht der Mann auf. Gegen Weber, der der Impfgegner-Szene zugerechnet wird und sich auf Querdenker-Demos unter anderem gegen Masken ausspricht, ermittelt die Staatsanwaltschaft Hamburg. Es geht um die Ausstellung unrichtiger Gesundheitszeugnisse, strafbar laut Paragraf 278 des Strafgesetzbuches.

Den konkreten Vorwurf nennt die Staatsanwaltschaft gegenüber dem NDR nicht, es könnte sich aber beispielsweise um Atteste zur Befreiung des Tragens von Atemschutz handeln. Nach Recherchen des ARD-Magazins „Report Mainz“ haben mehrere Ärzte auf der Unterstützerliste Atteste zur Befreiung von der Maskenpflicht ausgestellt, ohne Patienten überhaupt gesehen zu haben.

„Dann beginnt das Problem…“

„Ärzte dürfen natürlich eine persönliche Meinung haben“, sagt Volker Heiliger, Sprecher der Ärztekammer Westfalen-Lippe. Das sei durch die Meinungsfreiheit gedeckt. „Das Problem beginnt dann, wenn Ärzte ihre Patienten dazu verleiten, sich zum Beispiel nicht an die Coronaschutzverordnung zu halten. Es darf nicht sein, dass durch die persönliche Meinung von Ärzten Patienten gefährdet werden, indem man sie verleitet, sich nicht vor Corona zu schützen.“

Das bestreiten auf Anfrage unserer Redaktion die beiden auf der Liste genannten Personen. Joachim Kantus geht sogar noch weiter und deckt damit möglicherweise weitere unlautere Methoden auf: „Im Sommer 2020 stieß ich auf Informationen der Website und bat per E-Mail um weiterführende Informationen und Quellen zu den dort aufgestellten Thesen“, führt er in einer schriftlichen Stellungnahme aus. „Zu keinem Zeitpunkt war es meine Absicht, der Initiative in irgendeiner Form beizutreten.“

Leitender Mitarbeiter der Kinderklinik distanziert sich

Er habe „mit großer Irritation erst aufgrund Ihrer Anfrage festgestellt, dass ich auf der Website als Unterstützer aufgelistet werde. Mit Schreiben vom 04.06.2020 hatte ich der Initiative bereits mitgeteilt, dass ich nicht als Unterstützer zur Verfügung stehe.“ Er distanziere sich ausdrücklich davon, als Unterstützer der Initiative bezeichnet zu werden und habe die Betreiber der Seite telefonisch am 26.1.2021 und schriftlich am 27.1. aufgefordert, unverzüglich meine Daten zu löschen und meinen Namen aus der Auflistung zu entfernen. Am Freitag (29.1., 19.45 Uhr) stand Kantus noch drauf. Einen Beleg legte er trotz Anfrage unserer Redaktion nicht vor.

Auch inhaltlich distanziere sich Kantus von den Aussagen der Website. „Die Einhaltung von Hygieneregeln wie z.B. dem Masketragen ist selbstverständlich Teil meines Alltags und meiner Arbeit.“

Heilpraktikerin Rosalie Surmann aus Ickern ist eine absolute Fachfrau für Kräuter und Naturheil-Verfahren. Sie steht namentlich auf der Liste des Netzwerks und erklärt das damit, dass
Heilpraktikerin Rosalie Surmann aus Ickern ist eine absolute Fachfrau für Kräuter und Naturheil-Verfahren. Sie steht namentlich auf der Liste des Netzwerks und erklärt das damit, dass © Matthias Stachelhaus © Matthias Stachelhaus

Rosalie Surmann erklärt, sie habe sich auf die Liste schon ganz früh im Jahr 2020 eingetragen, um für ihre tägliche Arbeit in ihrer Heilpraktikerpraxis die richtigen Entscheidungen treffen zu können. „Zu einem Zeitpunkt, als die Gefährlichkeit des neuen Virus auch noch beim RKI und von Herrn Drosten kontrovers diskutiert wurde“, so Surmann.

Heilpraktikerin: „Habe die Pflicht, mich bestmöglich zu informieren“

Zu diesem Zeitpunkt habe es noch keine Coronaschutzverordnung gegeben, „praxisorientierte Handlungsanweisungen für Therapeuten aus den entsprechenden Gremien waren Mangelware“. Und die beim RKI zu findenden statistischen Daten sprachen damals ihrer Analyse zufolge noch gegen eine massive Ausbreitung und eine entsprechende Letalität des Virus in Deutschland. „Trotzdem habe ich als Therapeut natürlich die Pflicht, mich bestens zu informieren und durch entsprechende Maßnahmen in meiner Praxis meine Patienten bestmöglich gegen eine Infektion zu schützen.“

Sie sei kein politischer Mensch und beteilige sich nicht an öffentlichen Diskussionen oder Demonstrationen. „Aber mir sind grundsätzlich Aufklärung und Transparenz über die Entscheidungsfindung und eine sachliche Information die wichtigsten Aspekte in jeder Art von politischer Entscheidung“, so Surmann. „Natürlich vor allem dann, wenn es darum geht, meine Grundrechte einzuschränken.“ Deswegen sei sie Teil der Liste geblieben. „Ich versuche eben die Regeln zu verstehen, die vorgegeben werden.“

Dennoch halte sie sich in der Praxis an alle Schutzmaßnahmen. „Ich rate meinen Patienten, sich immer entsprechend der aktuellen Coronaschutzverordnung des Landes NRW und des Kreises Recklinghausen zu verhalten und die Mund-Nasen-Bedeckung gemäß der Information des Bundesministeriums für Medizinprodukte zu nutzen“, sagt Surmann.

Bochumer Arzt stellte offenbar viele Atteste aus

Von 46.000 Ärzten in Westfalen-Lippe gebe es nur eine Handvoll, die auffällig wurden im Zusammenhang mit dem unrechtmäßigen Ausstellen von Maskenbefreiungs-Dokumenten. Ausnahme: Gegen einen Arzt aus Bochum wird ermittelt, der reihenweise Blanko-Bescheinigungen zur Befreiung von der Maskenpflicht ausgestellt haben soll. Eine Lehrerin war stutzig geworden, nachdem mehrere Schüler ihrer Klasse die gleichen Atteste des Arztes vorgelegt hatten. „Der Fall liegt bei der Staatsanwaltschaft“, sagt Volker Heiliger, Sprecher der Ärztekammer Westfalen-Lippe.

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Castrop-Rauxel und Dortmunder Westen
Gebürtiger Münsterländer, Jahrgang 1979. Redakteur bei Lensing Media seit 2007. Fußballfreund und fasziniert von den Entwicklungen in der Medienwelt der 2010er-Jahre.
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Tobias Weckenbrock
Redakteur
Einst aus Sachsen nach Westfalen rübergemacht. Dort in Münster und Bielefeld studiert und nebenbei als Sport- und Gerichtsreporter gearbeitet. Jetzt im Ruhrpott gelandet. Seit 2016 bei Lensing Media.
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Robert Wojtasik

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