Castrop-Rauxeler Hebamme beklagt sich: „Wir gehen immer mehr kaputt!“

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Marion Korte ist freiberufliche Hebamme in Castrop-Rauxel. Für sie ist die Corona-Krise kein geschäftliches Desaster. Aber es gibt viele Probleme. Sie kritisiert Tendenzen bei manch einer Klinik.

Castrop-Rauxel

, 07.06.2020, 11:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

Marion Korte sagt im Telefonat mit unserer Redaktion: „Es gibt viele Probleme. Und das hat nicht nur mit Corona zu tun.“ Die Probleme schlagen sich auf ihre Arbeit nieder. Manch eine Hebamme sage, sie könne so nicht weiterarbeiten.

Die Probleme beruhen nur zum Teil auf der Corona-Sondersituation: Das Rochus-Hospital in Castrop bilde eine rühmliche Ausnahme. Hier dürfen Väter auch nach der Entbindung bei der Mama und ihrem Säugling bleiben. Nicht nur für drei Stunden, wie im Vincenz-Krankenhaus in Datteln und im Marienhospital Witten, so Korte. Manche Mütter hätten ihre Entbindung daher sogar ins Rochus verlegt.

Ohne Papa? „Dann entbinde ich zu Hause“

Andere Mütter hätten ihr gegenüber sogar radikale Lösungen angekündigt: „Wenn mein Mann nicht mit ins Krankenhaus geht, dann entbinde ich zu Hause.“ Zu einer solchen Hausgeburt sei es letztlich in Castrop-Rauxel aber ihrer Kenntnis nach nicht gekommen.

So oder so bleibe es ein Problem, wenn Väter nach der Geburt nur kurz oder gar nicht bei den Müttern bleiben könnten: „Väter stehen ihren Frauen in dieser Zeit unterstützend zur Seite“, erklärt Marion Korte. Manch eine Mama klage darüber, dass die Nachsorge-Betreuung für sie im Krankenhaus darum teilweise nicht zufriedenstellend gelaufen sei.

„Mütter sind auf sich allein gestellt“

Ein Punkt, der Marion Korte besonders stört und junge Mütter belaste: Oft würden sie die Krankenhäuser zu schnell verlassen. Das führt Korte teils auf Corona-Vorgaben zurück: Weil der Mann im Krankenhaus nicht dabei sein darf, wollen die Frauen nach Hause - damit sie sich selbst wohler fühlen, in den Arm genommen werden können, aber auch damit der Vater bei seinem Baby ist. Teils verließen Mütter darum schon am zweiten Tag nach einem Kaiserschnitt auf eigene Verantwortung das Krankenhaus.

Das führe zu Folgeproblemen: „Die Frauen rufen bei uns Hebammen an und sagen: Ich komme nicht klar. Dadurch haben wir mehr Arbeit und bleiben länger in den Familien. Weil sie sagen: ‚Wir sind so froh, dass du kommst, dass du da bist…‘“, so Korte.

„Wir gehen immer mehr kaputt, wir müssen immer mehr Aufgaben auffangen, die aus den Kliniken zu uns verlagert werden.“ Beim Kaiserschnitt sei der dritte Tag der schwierigste. Dazu komme der Baby-Blues für die Mama am dritten oder vierten Tag, wo die hormonelle Umstellung voll einschlägt und die Mutter oft weint.

Krankenhäuser tragen Teilschuld

Einen Teil der Schuld sieht sie bei den Kliniken: Sie entließen die frischen Mütter zu früh und gäben medizinische Infos nur unzureichend an die mit der Nachsorge betrauten Hebamme weiter. „Wir haben uns als freiberufliche Hebammen recht gut vernetzt, darum sind das nicht nur meine persönlichen Eindrücke“, sagt sie.

Für Krankenhäuser gibt es auch einen Anreiz für schnelle Entlassungen: „Die Kliniken sind darauf angewiesen, die Liegezeit zu verkürzen, denn es gelten Fallpauschalen, auch für Entbindungen“, erklärt Korte.

Viele Kliniken würden sagen: Wir setzen keine Frau vor die Tür. Aber wir wollen auch keine roten Zahlen schreiben. Das beruhe auf den Vorgaben der Krankenkassen – und genau da sei dann die Politik im Spiel, sagt die Hebamme.

Marion Korte ist freiberufliche Hebamme mit einer Praxis an der Wittener Straße in Castrop, Luftlinie 50 Meter zur Neugeborenen-Station im Rochus-Hospital. Sie macht Vor- und Nachsorge, ist aber bei Entbindungen nicht dabei.

Marion Korte ist freiberufliche Hebamme mit einer Praxis an der Wittener Straße in Castrop, Luftlinie 50 Meter zur Neugeborenen-Station im Rochus-Hospital. Sie macht Vor- und Nachsorge, ist aber bei Entbindungen nicht dabei. © Michaela Hopfe

„Wir draußen gehen immer mehr kaputt“

Eine Klinik, die ihre Patienten entlässt, verlasse sich auf die Sicherheit durch die Nachsorge-Hebamme. „Aber wenn ich immer mehr Patienten habe, arbeite ich nur noch durch“, so Korte. „Dann habe ich eine Sieben-Tage-Wochen. Wir machen unsere Abrechnungen allein, bekommen irre viele Anrufe. Das kommt alles hinten drauf und bezahlt uns keiner“, klagt sie.

Immerhin: Ihre drei Rückbildungs-Kurse, fester Bestandteil der Nachsorge für Mütter, macht sie online – und die kann sie zumindest bis zum 30. September bei den Krankenkassen so abrechnen, als fänden sie in ihrer Praxis an der Wittener Straße in Castrop statt.

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