Joachim Schalla nennt das Urteil einen "Teilerfolg". Mit einer anderen Entscheidung des Gerichts ist er aber überhaupt nicht einverstanden. © Bastian Pietsch
Tod von Nicole-Denise Schalla (†16)

Mord-Urteil ohne Haftbefehl: „Für die Schallas ist das unfassbar“

Mehr als 27 Jahre lang hat Joachim Schalla auf diesen Tag gewartet: Der Mörder seiner Tochter ist verurteilt worden. So hat Schalla den Tag - ausnahmsweise ohne seine Frau - erlebt.

Sigrid und Joachim Schalla treten seit mehr als zwei Jahren als starkes Team auf. Im Dezember 2018 begann der erste Prozess gegen den Mann, der jetzt als Mörder ihrer 16-jährigen Tochter verurteilt wurde. Doch ausgerechnet diesen Moment konnte Sigrid Schalla nach mehr als 40 Verhandlungsterminen nicht vor Ort erleben.

Die Mutter der getöteten Nicole-Denise liegt seit Donnerstag (21.1.) nach einem Herzinfarkt im Krankenhaus, wie ihr Mann gegenüber unserer Redaktion berichtete.

Am Tag zuvor waren die Plädoyers in dem Mordfall aus 1993 gehalten worden – Sigrid Schalla hatte gehofft, dass an diesem Tag schon ein Urteil gesprochen würde. Dennoch überwog für sie am Nachmittag die Erleichterung, dass der jahrelange Prozess nun endlich auf die Zielgerade einbog. Dann kam der schwere gesundheitliche Zwischenfall.

Als der Richter am Montag (25.1.) das Urteil „Mord“ aussprach, hielt Joachim Schalla die Augen geschlossen. Sein Kopf war gesenkt, die Hände wie zum Gebet gefaltet. So verharrte er minutenlang.

Joachim Schalla: „Für mich ist das ein Teilerfolg“

„Normalerweise sollte es einem gut gehen“, sagte er über seine eigenen Gefühle nach der Urteilsverkündung: „Aber er ist ja nicht in Haft.“

Bis zur Vollstreckung des Urteils lebt Ralf H. weiterhin als freier Mann. Dessen Verteidiger hat unmittelbar angekündigt, in Revision zu gehen. Das Verfahren wird damit wohl noch mehr als ein Jahr lang laufen.

„Für mich ist das ein Teilerfolg“, sagt Joachim Schalla über das Mord-Urteil. Er könne aber nicht verstehen, warum jemand, der des Mordes schuldig gesprochen wurde, weiterhin auf freiem Fuß leben darf. Er sagt: „Normalerweise: Haftbefehl, zack, weg in die Kiste.“

Anders habe er das noch nie gehört – und das Ehepaar hat sich in den vergangenen Jahren intensiv mit der Rechtsprechung beschäftigt. „Das ist das erste Mal, dass ich so etwas höre“, sagt Schalla. Nun müsse er sich erst einmal mit seiner Anwältin besprechen.

Anwältin begründet die Entscheidung des Gerichts

„Für rechtliche Laien, insbesondere für die Schallas ist das natürlich unfassbar“, sagt eben jene Anwältin, Dr. Arabella Pooth. Weil das ganze Verfahren mit seinem Prozessneustart so lange angedauert hat, hat das Oberlandesgericht im Sommer 2020 entschieden, dem Angeklagten sei so eine lange Wartezeit in Untersuchungshaft nicht zuzumuten.

Über diese Entscheidung könne sich das Landgericht Dortmund nun auch mit dem Urteil nicht hinwegsetzen. Sie gehe davon aus, „dass es bestimmt ein bis zwei Jahre dauern wird“, bis über die Revision entschieden wird, sagt Pooth. Für Familie Schalla sei das sicherlich „sehr unbefriedigend“.

Über den Autor
Redaktion Dortmund
Kevin Kindel, geboren 1991 in Dortmund, seit 2009 als Journalist tätig, hat in Bremen und in Schweden Journalistik und Kommunikation studiert.
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