Der Angeklagte bleibt auch nach der Verurteilung auf freiem Fuß. © Martin von Braunschweig
Schwurgericht

Mord-Urteil im Schalla-Prozess: Erleichterung – aber auch Unverständnis

27 Jahre nach dem Tod von Nicole-Denise Schalla hat das Landgericht den Täter zu lebenslanger Haft verurteilt. In die Erleichterung mischte sich bei den Angehörigen aber auch Unverständnis.

Urteil im Prozess um den Tod von Nicole-Denise Schalla: Nach mehr als zwei Jahren und über 40 Verhandlungstagen hatte das Dortmunder Schwurgericht am Montag keinen Zweifel, dass der Angeklagte Ralf H. aus Castrop-Rauxel der Mörder von Nicole-Denise Schalla ist.

Es gebe zwar nicht den einen, unumstößlichen Beweis für seine Schuld, sagte der Vorsitzende Richter Thomas Kelm. Doch die DNA-Spuren des Angeklagten an der Leiche, die vielen Vorstrafen von Ralf H. und der Umstand, dass der Tatort im Jungferntal in der Nähe seines Wohnorts Castrop-Rauxel lag, ließen keinen anderen Schluss zu. Lebenslang – so lautet nun das Urteil.

DNA an der Leiche

Zwei mikroskopisch kleine Hautschuppen aus dem unbekleideten Leistenbereich der Leiche führten die Polizei im Sommer 2018 auf die Spur des heute 56-Jährigen. Seit seiner Festnahme bestreitet Ralf H., etwas mit der Tat zu tun zu haben. Eine Erklärung dafür, wie seine DNA an den entblößten Körper der 16-Jährigen gekommen sein könnte, konnte er aber auch nicht liefern.

„Er wollte sich befriedigen“

Für die Richter steht fest: „Der Täter wollte sich sexuell befriedigen.“ Entweder habe H. Nicole-Denise Schalla nach dem Aussteigen aus dem Bus überfallartig von hinten angegriffen, um sie zu töten und anschließend zu entkleiden. Oder er habe versucht, sie zu vergewaltigen und sie erst erwürgt, als das Opfer sich wehrte. Im ersten Fall wäre das Mordmerkmal der Heimtücke erfüllt, der zweite Fall wäre ein klassischer Verdeckungsmord.

Zwei Tatvarianten

Vater Joachim Schalla hatte fast während der gesamten Urteilsbegründung die Augen geschlossen und die Hände wie zum Gebet gefaltet. Erstmals musste er am Montag ohne seine Frau ins Gericht gehen. Sigrid Schalla hat nach den Plädoyers einen Herzinfarkt erlitten und liegt im Krankenhaus.

Mit dem Urteil zeigte sich Joachim Schalla nicht restlos zufrieden. Denn die Richter verzichteten darauf, Ralf H. am Montag umgehend wieder festzunehmen und Untersuchungshaft anzuordnen. „Da wird ein Mann wegen Mordes verurteilt und läuft frei herum. Wo gibt es denn sowas?“, fragte er verständnislos.

Die Richter begründeten den Schritt jedoch damit, dass das Oberlandesgericht in Hamm Ralf H. im Sommer 2020 aus der Untersuchungshaft freigelassen habe. „Diese Entscheidung haben wir zu akzeptieren, auch wenn wir sie möglicherweise nicht für richtig halten“, sagte der Vorsitzende Thomas Kelm.

Hintergrund ist: Der Angeklagte wird gegen das Urteil nun Revision einlegen. Verteidiger Udo Vetter sagte dazu am Rande des Prozesses: „Ich bin zuversichtlich, dass das Urteil ausreichend Rechtsfehler aufweist, so dass es am Ende vom Bundesgerichtshof aufgehoben wird.“

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