Patricia Brust mit ihrem Sohn Christopher Krischke und André Brust vor ihrem künftigen Zuhause: ein fast 300 Jahre altes Ackerbürgerhaus. Noch wartet viel Arbeit. © Stefan Milk
Immobilie der Woche

Mit Video: Familie restauriert Ackerbürgerhaus mitten in der City

Eine private Initiative ist ein Gewinn für das Stadtbild: Patricia und André Brust restaurieren ein 300 Jahre altes Ackerbürgerhaus direkt am Marktplatz. Damit stürzen sie sich in ein Abenteuer.

Patricia und André Brust suchten schon länger ein altes Haus mit besonderem Charme. Dann besichtigten die beiden Dortmunder ein schätzungsweise 300 Jahre altes Ackerbürgerhaus am Rande des Marktplatzes von Kamen.

„Da haben wir gewusst: Das ist etwas Besonderes“, erzählt André Brust. Der Physiker trägt eine braune Arbeitshose, seine langen Haare hat er nach hinten zusammengebunden. Auch Ehefrau Patricia, eine Bürokauffrau, ist mit ihrer roten Latzhose bereit für die Arbeit auf der Baustelle. Bröselnde Fachwerkbalken zu ersetzen, Ziegelsteine aus den Wänden reißen und Rigipsplatten von Balkendecken lösen.

Überraschung hinter dem Putz

Nachdem die Eheleute das Haus gekauft hatten, planten sie die Restaurierung des Baudenkmals. Jedenfalls so weit dieses Projekt, das voller Überraschungen steckt, überhaupt planbar ist. Was wirklich zu tun ist, klärt sich oft erst auf der Baustelle, wo Schritt für Schritt jedes einzelne Gefache und jeder einzelne Balken unter die Lupe genommen wird.

Die Brusts brauchen keinen Architekten, sondern organisieren die Arbeiten selbst. „So können wir in direktem Kontakt mit den Handwerkern unsere Vorstellungen am besten verwirklichen“, erzählt der 57-Jährige. Weil beide handwerklich begabt sind, legen sie selbst mit Hand an. Auch ihre Kinder helfen mit.

Tischlerin und Lehmbaumeisterin Uta Görler hat den Hausbesitzern gezeigt, wie sie aus dem zuvor herausgerissenen Lehm neue Ziegel herstellen und diese einmauern können. Sie sind jetzt in der Lage, das Material selbst in einer Maschine anzumischen. „Wie man damals gebaut hat, mit Holz und Lehm, das ist perfekt, was Nachhaltigkeit angeht“, sagt André Brust.

Das Fachwerkhaus sieht derzeit wild aus: Auf der Giebelseite sind fast alle Gefache entfernt. 1736 wurde das Haus erstmals in alten Aufzeichnungen erwähnt. © Stefan Milk © Stefan Milk

Ohne Fachleute ist die Arbeit nicht zu stemmen. Zimmerermeister Christoph Ableiter und seine Kollegin Görler sind gerade dabei, einen schätzungsweise vier bis fünf Meter langen Balken senkrecht in das Fachwerk einzupassen. Ableiter hebelt den Balken unten in Position, Görler steht eine Etage höher und versucht ihn an einer geschlitzten Stelle über einen Zapfen zu bugsieren.

Hauswände entkernt bis auf das nackte Ständerwerk

Das Fachwerkhaus sieht derzeit wild aus, weil die allermeisten Gefache auf der Nordseite entfernt wurden und das nackte Ständerwerk einen Blick von außen in die Räume erlaubt. Es hat sich herausgestellt, dass nicht frostsichere Ziegelsteine in den Gefachen eingebaut waren. Diese wurden entfernt und werden durch Lehmziegel ersetzt.

Zimmerermeister Christoph Ableiter mit prüfendem Blick am Fachwerk.
Zimmerermeister Christoph Ableiter mit prüfendem Blick am Fachwerk. © Stefan Milk © Stefan Milk

Damit das nun sehr fragil erscheinende Gebäude stabilisiert wird, haben die Holzbau-Profis es abgestützt. Metallstangen reichen schräg vom Boden bis ins Obergeschoss und sind dort fest mit dem Holz verschraubt. Diese Technik erlaubt es den Handwerkern, die marode unterste Balkenreihe auszutauschen – so wie ein Spieler den untersten Baustein aus eine Bauklotzturm zieht, ohne dass dieser einstürzt.

Klein, gedrungen und dunkel wirkt dieses Fachwerkhaus beileibe nicht: Bei 150 Quadratmeter Wohnfläche und einer Deckenhöhe von 2,30 Meter lässt sich einiges daraus machen. Im Jahr 1736 taucht es erstmals in alten Aufzeichnungen auf, 1845 wurde es umgebaut und erweitert. 2021 wird es dank privater Initiative vor dem Verfall gerettet.

Patricia und André Brust im Obergeschoss mit Blick auf den Marktplatz: Die Deckenverkleidungen müssen runter.
Patricia und André Brust im Obergeschoss mit Blick auf den Marktplatz: Die Deckenverkleidungen müssen runter. © Stefan Milk © Stefan Milk

Patricia Brust zeigt die einstige Deele, in dem die ersten Besitzer vermutlich ihren Heuwagen parkten. Spätere Eigentümer verkleinerten den Raum, zweigten ein Badezimmer ab und mauerten das Tor zu. „Wir wollen wieder ein Deelentor einbauen“, erzählt die 58-Jährige. Dahinter könnte ein Raum entstehen, der als Musikzimmer nicht nur privat genutzt wird.

„Wir können uns vorstellen, dass hier kleinere Kulturveranstaltungen stattfinden“, sagt die Hausherrin. Der Tag des offenen Denkmals würde dazu einen Gelegenheit bieten. Sie und ihr Mann sind musikalisch und kulturell interessiert und gehören der Kamener Mittelalter-Darstellergruppe „Castra Camensia“ an.

Lehmbau-Expertin und Tischlerin Uta Görler schlitzt einen Balken.
Lehmbau-Expertin und Tischlerin Uta Görler schlitzt einen Balken. © Stefan Milk © Stefan Milk

„Man spürt die Geschichte“, sagt André Brust über das künftige Zuhause. Ein Jahr haben sie sich Zeit gegeben, um die wichtigsten Räume bezugsfertig zu machen. Auch Patricias 15-jähriger Sohn Christopher freut sich schon auf den Moment des Einzugs. Die Arbeit wird dann noch nicht aufhören, denn es gibt noch viel zu tun – im Ackerbürgerhaus am Markt 9.

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Über den Autor
Redaktion Kamen
Jahrgang 1973, aufgewachsen im Sauerland, wohnt in Holzwickede. Als Redakteur seit 2010 rund ums Kamener Kreuz unterwegs, seit 2001 beim Hellweger Anzeiger. Ab 1994 Journalistik- und Politik-Studium in Dortmund mit Auslandsstation in Tours/Frankreich und Volontariat bei den Ruhr Nachrichten in Dortmund, Lünen, Selm und Witten. Recherchiert gern investigativ, zum Beispiel beim Thema Schrottimmobilien. Lieblingssatz: Der beste Schutz für die liberale Demokratie ist die Pressefreiheit.
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