Till sucht zusammen mit seiner Mutter zur Zeit ein Praktikum. Bereits vor Corona war das für den 29-Jährigen wegen seines Handicaps schwer, jetzt ist es fast unmöglich. © Kevin Kallenbach
Coronavirus

Menschen mit Handicap im Lockdown: Die Ungesehenen werden noch unsichtbarer

Der Lockdown hat den Alltag vieler auf den Kopf gestellt. Eine Gruppe ist durch die Pandemie fast unsichtbar geworden: Menschen mit Handicap. Vier Castrop-Rauxeler berichten von ihren Erfahrungen.

Dem 21-jährigen Justin aus Castrop-Rauxel geht es ähnlich wie vielen anderen jungen Menschen im Lockdown: Neben der Arbeit und seinen eigenen vier Wänden bleibt ihm im Alltag aktuell kaum etwas. Viele seiner Freunde hat er seit fast einem Jahr nicht mehr gesehen.

Denn anders als andere Menschen kann Justin nicht einfach raus und Bekannte besuchen. Der 21-Jährige sitzt seit seiner Geburt im Rollstuhl, für mögliche Ausflüge braucht er spezielle Transportmöglichkeiten. „Mein Alltag ist richtig öde, ich sitze fast nur auf meinem Zimmer rum“, erzählt Justin. Dabei ist der 21-Jährige gern unter Menschen und hat auch keine Probleme, Fremde anzusprechen.

Lagerkoller und kaum Besuch

„Ich habe schon einen richtigen Lagerkoller“, sagt Justin im Gespräch mit der Redaktion. Deshalb habe es auch bereits Streit mit seinem Mitbewohner gegeben. Beide müssen ihren Besuch minutiös mit dem anderen absprechen.

Denn der Träger des Lebenshilfe-Wohnheims ist sehr genau, was die Einhaltung der Corona-Schutzverordnung betrifft. Nur eine Person aus einem anderen Haushalt darf jeweils zu Besuch kommen. Das betrifft selbst andere Bewohner der Einrichtung, die in anderen Wohneinheiten leben.

Kein Wunder, dass es da dann auch mal zum Krach kommt, wenn der eigene Besuch nicht kommen kann, weil bereits der Mitbewohner jemanden zu Gast hat. „Viele unserer Bewohner gehören zu Risikogruppen. Da müssen wir vorsichtiger sein“, erklärt Christel Brandt, die in der Wohnanlage der Lebenshilfe arbeitet.

Kein Besuch von Angehörigen

Lisa etwa konnte deshalb an ihrem Geburtstag nicht einmal ihre Schwester sehen. Wegen ihres Berufes sei das zu gefährlich gewesen, erklärt Lisa. „Wenigstens kann ich aber meine Eltern ab und zu besuchen, sie wohnen in der Nähe.“ Doch auch das ist für die 31-Jährige mit Mühen verbunden, da sie durch eine Lähmung im Gehen eingeschränkt ist.

„Vor Beginn der Pandemie haben wir angefangen, mit Lisa das Fahren mit dem Bus zu trainieren. Das mussten wir dann erstmal einmal wieder sein lassen“, sagt Christel Brandt. „Es ist schon frustrierend, dass unsere Bewohner ihre Selbstständigkeit zu ihrer eigenen Sicherheit aufgeben müssen. Gerade weil das ganz oft Erfolge sind, für die sie so lange gearbeitet haben.“

Auch Robin leidet unter der Situation: „Normalerweise mache ich viel Sport, das geht jetzt aber nicht. Zur Zeit sitze ich nur zu Hause, noch nicht einmal meine Omi kann ich besuchen.“ Um ihm trotzdem etwas Bewegung zu verschaffen, begleitet der 29-Jährige die Angestellten jetzt regelmäßig auf den Einkaufsgängen für die Anlage.

Pandemie verstärkt alte Probleme

„Es ist so schade, dass unsere Bewohner nicht mehr so rausgehen können wie früher“, meint Christel Brandt. „Dabei ist es gerade für sie so wichtig, Teil der Öffentlichkeit und nicht nur unter sich sein. Ohnehin werden sie und ihre speziellen Bedürfnisse meist übersehen. In der Pandemie hat man das Gefühl, dass die ohnehin Ungesehenen noch unsichtbarer werden.“

Lisa zählt die Stunden, bis sie ihre Schwester wiedersehen kann.
Lisa zählt die Stunden, bis sie ihre Schwester wiedersehen kann. © Privat © Privat

Denn während über FFP2-Maskenpflicht, Impfchaos und ausgefallene Urlaube diskutiert wird, werde häufig vergessen, dass die Pandemie noch ganz andere Probleme aufwirft.

Selbst einkaufen erst einmal nicht mehr möglich

So etwa bei Till. Er ist vor Ausbruch der Pandemie in seinem Rollstuhl regelmäßig in den Supermarkt gefahren und hat seine Besorgungen erledigt. Obwohl der 29-Jährige unter Lähmungen leidet, deshalb nur unter großer Anstrengung laufen und sprechen kann.

Doch Einkäufe sind ihm jetzt nicht mehr möglich. Wegen des Mund-Nasen-Schutzes ist er zu schlecht zu verstehen, sein Handy, mit dem er sonst kommuniziert hat, kann er wegen der Abstandsregeln nicht einfach den Supermarktmitarbeitern rüberreichen, wie er es bisher getan hat.

Momentan wohnt Till deshalb erst mal wieder bei seiner Mutter. Sein Vater sei aufgrund seines Alters auch Risikopatient, erklärt seine Mutter. Da sei es sicherer gewesen, nicht ständig zwischen zwei Haushalten hin und her zu pendeln. „Das hat aber auch was Gutes“, scherzt der 29-Jährige, „so bekomme ich den Morgenkaffee ans Bett gebracht.“

Schwierigkeiten einen Job zu finden

Doch hat die Corona-Krise für den 29-Jährigen auch ein anderes Problem aufgeworfen. Er sucht eigentlich ein Praktikum bei einer IT-Firma. Bereits vor der Pandemie hatte er durch sein Handicap Probleme, einen Platz zu finden. In Zeiten von Homeoffice und Videokonferenz ist es dem 29-Jährigen fast unmöglich, ein Bewerbungsgespräch zu führen.

„Das ärgert mich ungemein“, meint Tills Mutter, „viele Arbeitgeber sehen bei einem Menschen mit Handicap erst einmal nur die Probleme und Schwierigkeiten, die das mit sich bringen könnte. Dabei bietet das auch ganz viele Möglichkeiten.“

Christel Brandt sieht das ähnlich: „Egal wer, alle unsere Bewohner haben ganz besondere Talente: Lisa ist kreativ, Till kennt sich gut mit Technik aus, Robin ist sportlich und Justin kommunikativ. Sie alle sind als Menschen wertvoll und mehr als nur ihr Handicap.“

Blick geht in die Zukunft

Dennoch machen Bewohner und Personal der Lebenshilfe-Wohneinheiten in Ickern das Beste aus der Situation. Christel Brandt verrät: „Wir planen eine kleine Lebenswerk-Olympiade. Sport an der frischen Luft ist schließlich erlaubt.“

Und dann ist da ja auch noch Lisas Geburtstag. Den möchte die 31-Jährige am liebsten schon im Sommer nachholen: „Dann können wir mit allen zusammen draußen grillen. Hoffentlich kann dann auch meine Schwester kommen.“

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Geboren in Dorsten, nach kurzem studienbedingten Besuch im Rheinland jetzt wieder in der Region. Hat Literatur- und Theaterwissenschaften studiert, findet aber, dass sich die wirklich interessanten Geschichten auf der Straße und nicht zwischen zwei Buchdeckeln finden lassen.
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