Ralf Wenzel ist Schuldnerberater bei der Stadt Castrop-Rauxel. © Ronny von Wangenheim
Schuldnerberatung

Mehr Pleiten bei Castrop-Rauxelern: Viele haben auf 2021 gewartet

Immer mehr Castrop-Rauxeler melden Privatinsolvenz an. Die Zahlen steigen auch landesweit stark. Das hat einen Grund. Und der ist nicht die Corona-Pandemie, sagt Schuldnerberater Ralf Wenzel.

In Castrop-Rauxel ist laut Schuldner-Atlas 2020 jeder siebte Bürger überschuldet. Die Coronakrise hat es für viele nicht einfacher gemacht. Corona ist allerdings nicht der einzige Grund, weshalb Menschen zu Ralf Wenzel kommen. Er ist der Schuldnerberater der Stadt Castrop-Rauxel.

Angesichts des hohen Anteils von Menschen, denen es nicht gelingt, ihre Ausgaben mit ihren Einnahmen zu decken, spricht Ralf Wenzel von einer gewaltigen Aufgabe für ihn als Einzelkämpfer bei der Stadt. In diesem Jahr würden sich die Anfragen wegen Privatinsolvenzen mehren.

Das hat vor allem einen Grund. Seit Jahresende steht fest, dass Insolvenzverfahren nicht mehr über sechs, sondern nur noch über drei Jahre laufen. Darauf haben viele Menschen gewartet. „Ich habe auch einige darüber informiert und geraten, sich dann in diesem Jahr wieder zu melden“, sagt Ralf Wenzel. Wer drei Jahre gut hinter sich bringt, dem wird die Restschuld erlassen.

Die Statistik für das Land NRW spricht eine deutliche Sprache. Im Februar 2021 wurden bei den Amtsgerichten 2480 Anträge auf Eröffnung von Insolvenzverfahren gestellt als ein Jahr zuvor. Ein Plus von fast 30 Prozent. 320 Anträge betrafen Unternehmen.

Zahl der Verbraucherinsolvenzen stieg um knapp 50 Prozent

Das waren sogar 22,7 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Ein Grund: Auch im Februar 2021 mussten Unternehmen keinen Insolvenz-Antrag stellen.

Anders sieht es bei den 1760 Insolvenzen von Verbrauchern in NRW aus, also Arbeitnehmern, Rentnern oder Erwerbslosen. Sie stiegen im Februar

gegenüber Februar 2020 sogar um 49,4 Prozent. Die Statistiker vermuten, dass überschuldete Privatpersonen vor allem im zweiten Halbjahr 2020 ihre Insolvenzanträge zurückgestellt haben. In den Monaten August bis Dezember 2020 gab es NRW-weit nur zwischen 226 und 688 Verbraucherinsolvenzen.

Die Verkürzung des Verfahrens auf drei Jahre macht die Verbraucherinsolvenz interessanter. Nicht nur, dass man früher schuldenfrei ist. Wer monatlich eine bestimmte Summe seines pfandfähigen Einkommens zahlen muss, tut das jetzt nur noch 36-mal statt 72-mal. Ralf Wenzel findet die Verkürzung prinzipiell gut. Drei Jahre sind für ihn allerdings ein zu kurzer Zeitraum. Konsum- und Kreditverhalten könnten dann noch laxer, Menschen zu sorglos werden.

Vor der Insolvenz gibt es viele andere Möglichkeiten

Ganz so einfach ist es mit der Privatinsolvenz aber nicht, „In den drei Jahren ist man praktisch auf Bewährung“, sagt Ralf Wenzel. Man habe auch Mitwirkungspflichten. „Die Leute müssen stabil sein.“ Und auch nach drei Jahren dann fröhlich neue Schulden machen, gehe nicht so einfach. Die Schufa, so Wenzel, speichert den Abschluss des Insolvenzverfahrens weitere drei Jahre.

Die Privatinsolvenz, sagt der Castrop-Rauxeler Schuldnerberater, sei aber erst der letzte Schritt. Menschen, die zu ihm kommen, hilft er, außergerichtliche Vergleiche zu erzielen. Neue Kreditraten oder Stundungen zu vereinbaren, das sind weitere Beispiele.

Corona-Pandemie verstärkt mit der Zeit finanzielle Probleme

Gerade in der Corona-Pandemie schaffen es Menschen nicht mehr, ihr Budget zu halten. Wenn ein 450-Euro-Job ausfällt, es Kurzarbeit gibt oder zum Beispiel bei Kellnern oder Friseuren fest eingerechnete Trinkgelder wegfallen, kann der Kredit für das Handy oder das Auto plötzlich nicht mehr bezahlt werden, so Wenzel. Aber auch Spiel-, Drogen- und Kaufsucht treibe Klienten in die Verschuldung.

Auch Einzelhändler, so erzählt Ralf Wenzel, melden sich bei ihm auf der Suche nach Rat. „Ich kann bald nicht mehr“, diesen Satz hat er nicht nur einmal gehört. „Die Gesundheit ist wichtig“, sagt er „aber man darf die Kollateralschäden nicht aus dem Auge verlieren.“ Mit Blick auf die nächsten Wochen fürchtet er, dass es noch mehr Menschen werden, die seine Hilfe brauchen.

Über die Autorin
Redakteurin für Castrop-Rauxel und den Dortmunder Westen
Lesen Sie jetzt