Petra Schütz verbringt viel Zeit in ihrem Garten. Doch selbst Gartenarbeit fällt der an Long Covid Erkrankten schwer. © Ronny von Wangenheim
Coronavirus

Leid mit Long Covid: „Als wäre ein Gummiband um die Luftröhre gewickelt“

Symptome hatte Petra Schütz keine, als sie sich mit dem Coronavirus infizierte. Doch dann wurde das Atmen schwer. Ein halbes Jahr später leidet die Krankenpflegerin immer noch. Unter Long Covid.

Ein Einfamilienhaus in Ickern-End. Dahinter ein kleiner Garten mit Teich, Schildkröten und Blumenbeeten. Eine Idylle. Ein Zufluchtsort. Es ist das Reich von Petra Schütz (61). Ein Reich, das sie kaum noch verlässt. Verlassen kann. Denn jeder Weg fällt schwer, seit Corona ihr Leben veränderte. Noch einschneidender als das Leben vieler anderer. Petra Schütz leidet unter Long Covid.

„Es war der 14. November. Mein Mann hatte Fieber“, erzählt Petra Schütz, wie es vor knapp einem halben Jahr beginnt. Dirk Schütz (50) wird getestet, sie wird getestet. Beide sind positiv. Der Enkel, der gerade zu Gast ist, ist erst beim zweiten Test positiv. Die Castrop-Rauxelerin hat keine Beschwerden. „Wenn das so geht, ist ja alles schön“, denkt sie. Doch es ist nicht alles schön.

Für die Quarantänezeit zu Hause bleiben, dann wieder zurück ins Evangelische Krankenhaus Herne, wo sie seit 42 Jahren arbeitet, seit 39 Jahren in der gleichen Abteilung: Das ist der Plan. Der Weihnachtsdienst ist bereits geregelt, die Personal-Lage ist knapp zum Jahresende, als die Coronazahlen steigen. „Es gab viele Kollegen, die positiv waren oder in Quarantäne mussten“, erinnert sie sich. Sie wird gebraucht in ihrer Abteilung, in der Stroke Unit der Neurologischen Abteilung.

Selbst der kurze Gang zum Supermarkt ist unmöglich

Doch kurz bevor sie wieder los will, kommen Atemprobleme. „Ich habe beim Sprechen nach Luft gejapst“, erzählt Petra Schütz. In der Quarantäne, in den eigenen vier Wänden, fällt ihr das erst gar nicht so sehr auf. Später aber. „Ich habe es nicht mehr geschafft, zum K+K zu kommen. Das hatte ich mir anders vorgestellt“, sagt sie. Im vorherigen, im normalen Leben war das Gang von fünf Minuten.

Doch normal ist Petra Schütz‘ Leben nicht mehr.

Sie gehört zu den Menschen, die lange nach der Coronainfektion unter verschiedenen Symptomen leiden. Long Covid oder Post-Covid-Syndrom ist das Stichwort. Noch weiß man nicht allzu viel darüber. Es fehlen aussagekräftige und länger laufende Studien. Einig sind sich die Wissenschaftler aber, dass Long Covid immer mehr jüngere Menschen trifft.

Spezifische Behandlungsmethoden für Long Covid gibt es nicht. Das erfährt Petra Schütz, als sie beim Lungenfacharzt jede Möglichkeit der Diagnostik hinter sich hat. Bei der Behandlung von Long Covid geht es immer nur um die Symptome. Husten, Kurzatmigkeit, Muskelschmerzen, Abgeschlagenheit. 10 bis 20 Prozent aller Corona-Infizierten, da schwanken die Aussagen der Wissenschaftler, seien von Long Covid betroffen. Menschen, die im Krankenhaus waren, soll es schwerer treffen.

Hausarzt: Der Begriff der Genesenen ist irreführend

Für Dr. Holger Knapp, Hausarzt in Ickern, zeigen sich Langzeitfolgen nur selten so krass wie bei Petra Schütz. Sie ist bis heute arbeitsunfähig. Er spricht von zwei, drei Fällen, die er erlebt hat.

Aber Menschen, die sich auch nach der Gesundung lange nicht gut fühlen, die hat er häufiger in seiner Praxis. „Es wird immer in den Statistiken von den Genesenen gesprochen“, sagt er, „aber dieser Begriff ist irreführend.“

Dr. Holger Knapp beobachtet immer wieder Fälle von Long Covid. Aber so schwere Nachwirkungen wie Petra Schütz haben wenige.
Dr. Holger Knapp beobachtet immer wieder Fälle von Long Covid. Aber so schwere Nachwirkungen wie Petra Schütz haben wenige. © Patricia Böcking © Patricia Böcking

Viele Patienten erzählen, dass es ihnen auch als „Gesundeten“ längst nicht gut geht. Schnelle Ermüdung, tiefe Erschöpfung (Fatigue), Unkonzentriertheit – davon hört Holger Knapp immer wieder. „Viele sind dann noch nicht arbeitsfähig, obwohl sie schon wieder arbeiten gehen.“

Für Petra Schütz ist daran nicht zu denken. Obwohl sie gerne arbeiten möchte. Auch weil sie weiß, dass sie gebraucht wird. Aber schon wenn sie länger redet, wird sie kurzatmiger. Sie deutet auf die Blumen im Garten. Zwei hat sie am Vortag eingepflanzt. Dann musste sie Pause machen.

„Als ob ein Gummiband um meine Luftröhre gewickelt wäre“

Das Zimmer aufräumen und dann saugen: geht nicht ohne Pause. Die Fenster, an denen noch Ostermalerei zu sehen ist, müssten geputzt werden. Es fehlt die Kraft. Es fehlt der Atem. Da habe sie sich noch nicht ran getraut, sagt sie. Und: „Muss ich eine FFP2-Maske aufziehen, schnappe ich nach Luft.“

Ja, es ist schon etwas besser geworden. Anfangs konnte Petra Schütz kaum eine Treppe steigen, selbst in Ruhe auf der Coach fiel ihr das Atmen schwer. „Es ist ein Gefühl, als ob ein Gummiband um meine Luftröhre gewickelt wäre, das einengt. Sie wollen atmen, aber es geht nicht.“

Morgens und abends nimmt Petra Schütz einen Stoß Cortison-Spray. Ein Notfallspray musste sie anfangs zwischendurch zusätzlich einsetzen. Sie geht zur Atemtherapie, macht zu Hause Übungen mit einem Gerät. „Zwei Bälle kriege ich schon in die Luft, der dritte bewegt sich noch nicht“, sagt sie. Rehasport hat ihr geholfen. Doch jetzt, mit den strikten Corona-Beschränkungen, fallen die Termine erst mal aus.

Reha an der Nordsee könnte Besserung bringen

Als Schnee lag, da ging es ihr besser. „Die kalte Luft, das war genial“, sagt Petra Schütz. Einmal, zum Rodeln mit dem Enkel, hat sie es sogar einen kleinen Hügel hoch geschafft. Eine neue Erkenntnis: Mit dem Fahrrad auf ebener Strecke ist etwas Bewegung möglich. Besser als zu Fuß.

Auch einkaufen geht Petra Schütz wieder. Manchmal sei das Schwerstarbeit, wie vier Stunden Dienst. Manchmal muss sie bei der ersten Seitenstraße anhalten und dann doch ihren Mann schicken, das Auto zu holen.

Wenn Petra Schütz aus der Kniebeuge aufsteht, ist sie oft schon außer Atem. Einmal hoch, einmal runter.
Wenn Petra Schütz aus der Kniebeuge aufsteht, ist sie oft schon außer Atem. Einmal hoch, einmal runter. © Ronny von Wangenheim © Ronny von Wangenheim

Hoffnung setzt die 61-Jährige in eine Reha, die sie beantragt hat: „Ich würde gerne an die Nordsee.“ Und dann ist da noch ein Ziel, sagt sie, und zeigt auf einen Reiseführer, der auf dem Tisch liegt. Im Juli soll es mit der Familie in eine Ferienwohnung nach Rügen gehen. Ganz in Ruhe, am Meer, ausatmen, aufatmen, das wäre schön.

Bis dahin bleibt ihr Haus ihr sicherer Ort. „Man wird genügsam“, sagt Petra Schütz und erzählt, dass sie stundenlang ihren Schildkröten zusehen kann, wie sie in der Sonne liegen. Sie genießt ihren Garten. „Mir geht dann schon durch den Kopf, dass es viele Menschen gibt, die ähnlich dran sind wie ich und die nicht so eine kleine Idylle haben.“

Kann man sich als „Gesundeter“ neu infizieren?

Die Familie, der Garten, es gibt nicht viel, was ablenkt. Eine Tischtennisplatte haben sie jetzt gekauft, um etwas Bewegung zu bekommen. Sendungen über neue Erkenntnisse zum Coronavirus schaut sich Petra Schütz heute viel seltener an als am Anfang: „Man weiß ja gar nicht, was man noch glauben soll.“

Wie ist das mit den Freiheiten für Geimpfte und Gesundete? Das frage sie sich nach den neuesten Meldungen. Ist man wirklich immun und damit kein Sicherheitsrisiko? Hat sie, hat ihr Mann nach knapp sechs Monaten immer noch genügend Antikörper? Sie weiß es nicht.

Deshalb ist sie da: die Furcht, sich noch einmal anzustecken, „Ich hatte nie richtig Angst, auch nicht in meinem Beruf all die Jahre im Krankenhaus. Aber jetzt, jetzt habe ich Angst“, sagt sie. Auch das ist ein Grund, möglichst wenig aus dem Haus zu gehen.

Geimpft werden durfte sie wegen der Corona-Erkrankung lange Zeit nicht. Jetzt aber: Am Mittwoch (28.4.) erhielten sie und ihr Mann die Impfung mit Biontech.

Über die Autorin
Redakteurin für Castrop-Rauxel und den Dortmunder Westen

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