Autobahnanschluss Dortmund-Bodelschwingh: Vor allem in den Rush-Hours staut sich der Verkehr in beiden Richtungen. © Uwe von Schirp

Laster im Wohngebiet: „Wir wollen keine Situation wie am Borsigplatz“

Das Wohngebiet fällt gar nicht in die Verkehrsplanung für das Knepper-Areal. Die Stadt rechnet dort nicht mit Schwerlastverkehr. Das sehen die Anwohner anders. Und sie fühlen sich ungehört.

Spätnachmittag, mitten in der Woche: Auf der Autobahn A45 reihen sich die Bremslichter in leuchtendem Rot. Stau in Richtung Norden vor dem Kreuz Dortmund-Nordwest: Er reicht kilometerweit zurück.

Kreuz Castrop-Rauxel Ost: In der Abfahrt Dortmund-Bodelschwingh stehen Autos und LKW wie eine Blechlawine vor der Ampel. Berufspendler aus Castrop-Rauxel, aus Bodelschwingh, Mengede und Oestrich kehren heim. Aber nicht nur: Lastzüge fahren über die Straßen Königshalt und Burgring in Richtung Anschlussstelle Mengede der A2.

Ein Schleichweg: Sie umfahren den Rückstau auf der A45. Brummi-Fahrer suchen sich den kürzesten, vor allem aber schnellsten Weg. Diese Beobachtung machen Anwohner der Oestricher Straße in Castrop-Rauxel ebenso wie die von Königshalt und Burgring in Dortmund-Oestrich und -Mengede.

Und offenbar allen Durchfahrtverboten und Verkehrsberuhigungen zum Trotz. Eine ganze Reihe Berufskraftfahrer schert das Durchfahrtverbot für LKW über 7,5 Tonnen über Oestricher Straße und Langenacker wenig. Das räumt auch Philipp Röhnert ein. Der Leiter des Castrop-Rauxeler Bauordnungsamtes sagt, Kontrollen und Vollzug des Verbots fänden zu wenig statt.

LKW-Verkehr verdoppelt

Diejenigen, die sich an das Verbot halten, suchen sich den nächstkürzeren Weg. Liegt das Ziel im Osten Castrop-Rauxels, führt der meistens durch das Wohngebiet Auf dem Brauck in Oestrich. „Innerhalb eines Jahres hat sich der LKW-Verkehr verdoppelt“, sagt Herbert Hüggenberg.

Abends im Wohngebiet Auf dem Brauck in Dortmund-Oestrich. Lastzüge fahren zu dieser Stunde hier nicht mehr her. Tagsüber suchen schon jetzt viele Brummi-Fahrer einen Schleichweg durch die verkehrsberuhigte Zone.
Abends im Wohngebiet Auf dem Brauck in Dortmund-Oestrich. Lastzüge fahren zu dieser Stunde hier nicht mehr her. Tagsüber suchen schon jetzt viele Brummi-Fahrer einen Schleichweg durch die verkehrsberuhigte Zone. © Uwe von Schirp © Uwe von Schirp

Noch einmal: Denn er hatte schon im Sommer 2019 zusammen mit Horst Voges den LKW-Verkehr auf der Straße moniert. Die Bezirksvertretung nahm sich der Sache an. „Aufgrund der Lage der Straße […] ist nicht davon auszugehen, dass dort vermehrt Schwerlastverkehr zu erwarten ist“, antwortete das Tiefbauamt im Juni 2020 in einer kurzen Mitteilung an die Politiker.

Hüggenberg und Voges stehen an diesem Spätnachmittag mit sechs weiteren Anwohnern des Braucks und der angrenzenden Vogelsiedlung auf der Straße. Nur einen Steinwurf entfernt stehen die Autos im Stau auf der A45-Brücke, die den Brauck und die Eisenbahnlinie überquert.

Lastzüge kommen zu dieser Stunde kaum mehr über den Brauck. Den Tag über seien es aber schon 30 bis 40, berichtet Horst Voges – seitdem das Knepper-Areal eine Baustelle sei. Ein Durchfahrtverbot durch die Wohnsiedlung gibt es nicht. Das Viertel ist lediglich eine Tempo-30-Zone.

Angst vor noch größerem Verkehrschaos

Verkehr rollt hier an diesem Spätnachmittag trotzdem genug: Kleinlaster, Kastenwagen, PKW. Geschätzt zwei Drittel haben Recklinghäuser oder Castrop-Rauxeler Kennzeichen. Die Straße ist der kürzeste Weg zwischen Autobahn und Ickern.

Westlich der A45 liegt derkünftige
Westlich der A45 liegt derkünftige “LogPoint Ruhr”, auf der anderen Seite der Autobahn das verkehrsberuhigte Wohngebiet. Die Straße Auf dem Brauck führt von der Brücke an der Bahnlinie Richtung Süden zur Straße Königshalt (unten rechts). © RVR 2020 / aerowest © RVR 2020 / aerowest

LKW fahren nicht nur über den Brauck, sondern auch durch den Erlenkamp, berichten die Anwohner. Schon jetzt verirren sich Ortunkundige in den engen Straßen der Vogelsiedlung.

Den Anwohnern steht die Angst ins Gesicht geschrieben, wenn sie an den geplanten „LogPoint Ruhr“ auf dem Gelände des ehemaligen Kraftwerks Knepper denken. „Das Verkehrschaos haben wir doch jetzt schon“, sagt Gerald Barthen. „Ich würde mir ein klares Konzept mit einem eigenen Autobahnanschluss wünschen“, sagt der studierte Stadtplaner.

„Es hat keiner was dagegen, dass da überhaupt was hinkommt“, betont er. „Aber die Menschen sind doch nach Mengede gezogen, weil sie im Grünen leben wollen.“ Monika Gorzelka wird noch deutlicher: „Wir wollen keine Situation wie im Norden und einen Verkehr wie am Borsigplatz.“

Bürgerdialog „einfach frustrierend“

Viele junge Familien mit Kindern seien ins Viertel gezogen – auch wegen der Kindergärten und der nahen Schragmüller-Grundschule. Der Schulweg führt über den Brauck.

Die Vogelwiese ist eine von den Anwohnern gestaltete Natur- und Grünfläche. Die Kinder des Viertels haben hier reichlich Raum zum Spielen. Rechts verläuft die Straße Erlenkamp.
Die Vogelwiese ist eine von den Anwohnern gestaltete Natur- und Grünfläche. Die Kinder des Viertels haben hier reichlich Raum zum Spielen. Rechts verläuft die Straße Erlenkamp. © Uwe von Schirp © Uwe von Schirp

Mandy Schreiber ist eine der Mütter mit Kindern. „Die einzige Spielfläche ist die Vogelwiese“, sagt sie. Die von den Anwohnern hergerichtete und gepflegte Grün- und Spielfläche liegt am Erlenkamp. „Hier gibt es anders als auf dem Brauck keine Aufpflasterungen.“ Die gefährliche Folge: höhere Geschwindigkeiten – trotz Zone 30.

Fast alle der acht Anwohner haben am digitalen Bürgerdialog der Städte Castrop-Rauxel und Dortmund zum Knepper-Gelände teilgenommen. Sie haben im Vorfeld und während der Online-Veranstaltung Fragen gestellt. Antworten bekamen sie nicht. „Einfach frustrierend“, sagt Mandy Schreiber genervt.

„Schön wäre es, wenn wir Bürger Bescheid wüssten, was da genau geplant ist“, fordert Gerald Barthen. „Auf die Einwände, die vor einem Jahr in der Bezirksvertretung gemacht wurden, ist überhaupt nicht eingegangen worden.“

Paket-Logistiker ist eine Horrorvorstellung

Die Horror-Vorstellung der Anwohner: die Ansiedlung eines Paket-Logistikers. „Die fahren mit ihren kleinen LKW doch überall durch“, sagt Barthen. Herbert Hüggenberg hat auch die Straße Königshalt im Blick. „Der Autobahnzubringer ist für diesen Verkehr doch gar nicht gemacht und schon jetzt überlastet.“

Alltägliches Bild: Abends staut sich der Verkehr vor dem Autobahnkreuz Dortmund-Nordost in Fahrtrichtung Norden, morgens in Gegenrichtung.
Alltägliches Bild: Abends staut sich der Verkehr vor dem Autobahnkreuz Dortmund-Nordost in Fahrtrichtung Norden, morgens in Gegenrichtung. © Uwe von Schirp © Uwe von Schirp

Die Abenddämmerung bricht herein. Für gut elf Stunden wird es ruhiger im Wohnviertel. Ab 6 Uhr am nächsten Morgen werden Lastzüge und Transporter wieder durch die verkehrsberuhigte Zone rauschen. Das Scheppern der Muldenkipper und Anhänger an den Aufpflasterungen wird die Kaffeetassen beim Frühstück beben lassen.

Und auf der A45 sowie am Autobahnanschluss Bodelschwingh, wo sich jetzt der Verkehr beruhigt hat, werden sich neue Staus bilden – wie an jedem Morgen. Nur in Gegenrichtung.

Über den Autor
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Geboren 1964. Dortmunder. Interessiert an Politik, Sport, Kultur, Lokalgeschichte. Nach Wanderjahren verwurzelt im Nordwesten. Schätzt die Menschen, ihre Geschichten und ihre klare Sprache.
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Uwe von Schirp

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