Landrat Bodo Klimpel: „Lockerungen zurückzunehmen wie etwa das Einkaufen per Click & Meet, das würde keiner gerne machen.“ © Gutzeit (Archiv)
Interview

Landrat Bodo Klimpel: Corona-Lockerungen will keiner gerne zurücknehmen

Kreisweit gibt es wieder mehr Corona-Infizierte. Landrat Bodo Klimpel spricht im Interview über die britische Corona-Mutation und erläutert, warum er die Rücknahme von Lockerungen schwierig findet.

Wenn es um die Umsetzung von Corona-Maßnahmen geht, ziehen in der Regel alle Städte des Kreises Recklinghausen an einem Strang. Schulen werden nur geschlossen, wenn der Kreis das empfiehlt. Ob es städtische Testzentren gibt oder nicht, wird in Abstimmung mit dem Kreis entschieden. Der Kreis betreibt das Impfzentrum in Recklinghausen. Grund genug, um mit dem wichtigsten Mann im Kreis darüber zu sprechen, wie es mit dem Kampf gegen Corona weitergeht: mit Landrat Bodo Klimpel.

Herr Klimpel, wie erleichtert waren Sie über die Entscheidung, dass Astrazeneca ab sofort wieder verimpft werden darf?

Ich war sehr erleichtert, weil es das Beste gegen die Pandemie ist, dass wir möglichst viele Menschen in möglichst kurzer Zeit impfen. Und wenn jetzt ein kompletter Impfstoff weggefallen wäre, wäre das natürlich ungleich schwieriger gewesen und der Sache natürlich überhaupt nicht dienlich. Insofern bin ich sehr beruhigt, dass wir jetzt weiter Astrazeneca impfen können.

Fürchten Sie, dass nach dem Hin und Her viele Menschen ihre Astrazeneca-Impftermine absagen?

Ich gehe davon aus, dass es weitestgehend gut laufen wird. Es wird die ein oder andere Terminstornierung geben. Aber wir haben auch ganz viele E-Mails bekommen von Leuten, die gesagt haben: „Hey, wenn ihr Leute sucht, die mit Astrazeneca geimpft werden wollen – wir sind dabei.“ Also ganz so schlimm wie befürchtet wird es wohl nicht werden.

Wie und wann holen Sie die ausgefallenen Impftermine nach?

Die Termine werden jetzt möglichst schnell nachgeholt. Und die, die terminiert waren, werden natürlich eingehalten.

Wie sieht es mit den Terminen aus, die am Freitag in den Städten angestanden hätten für Kita-Erzieherinnen und Erzieher sowie für Lehrerinnen und Lehrer? Werden sie auch um eine Woche verschoben oder versuchen sie die unter der Woche unterzubringen?

Wir versuchen das. Ich gehe davon aus, dass wir entsprechende Timeslots kriegen und dass wir möglichst schnell nachimpfen.

Die zweite Säule im Kampf gegen Corona sind die Tests. Im Kreis Recklinghausen gibt es aktuell rund 90 Stellen, an denen ich Schnelltests machen kann. Wie ist die Auslastung?

Die Auslastung ist gut. Und wir sind ein Stück weit positiv überrascht, dass es so viele Teststellen in den einzelnen Städten gibt. Darüber hinaus haben auch einige Städte eigene Testzentren. Sollte es mal Privilegien mit einer negativen Testung geben, dann denke ich, sind wir ganz ordentlich vorbereitet.

Wie viele dieser Schnelltests bringen eigentlich ein positives Ergebnis?

Ich weiß, dass wir mit deutlich mehr positiven Ergebnissen gerechnet haben. Ich glaube, man geht davon aus, dass rund 7 Prozent der Testungen positiv sind. Diese Zahl haben wir nicht erreicht.

So erfreulich das auf den ersten Blick klingt, heißt es aber auch, dass die Infektions-Zahlen auch ohne die Schnelltests deutlich gestiegen sind …

Da haben Sie völlig recht. Die Testungen machen nicht die Steigerung unserer Inzidenz-Werte aus. Mittlerweile sind 35 Prozent unserer Infizierten mit dem britischen Mutanten infiziert. Und dieser Mutant ist, wie wir ja alle wissen, deutlich aggressiver. Man infiziert sich schneller damit. Das macht uns große Sorgen.

„Große Sorgen“ ist ein gutes Stichwort: Die Inzidenz, die das RKI für den Kreis Recklinghausen heute meldet, ist bei 91,0. Nun wollte die Stadt Dortmund die Schulen schon bei einer Inzidenz von 72 schließen. Planen Sie Schließungen für den Kreis Recklinghausen oder sollen die Schulen möglichst lange aufbleiben?

Die Reaktion auf das, was in Dortmund passiert ist, ist ein ganz klarer Erlass aus dem Gesundheitsministerium. Danach sind Schulschließungen die absolute Ultima Ratio. Man müsste also wirklich alles andere vorher prüfen, etwa, ob man mit weniger Schülern den Präsenzunterricht machen kann. All das würde dann sehr kurzfristig geprüft und dann würden wir natürlich auch entsprechende Entscheidungen treffen, die wir mit dem Ministerium abstimmen müssten.Was man nicht vergessen darf: Es muss immer auch im Zusammenhang mit einem Infektionsgeschehen betrachtet werden. Kitas und Schulen sind bei uns im Kreis Recklinghausen keine Hotspots – gegenwärtig zumindest nicht.

Schauen wir über die Schulen hinaus: In der Coronaschutzverordnung ist festgelegt, dass Sie mit dem Gesundheitsministerium über verschärfende Maßnahmen sprechen müssen, wenn der Kreis drei Tage in Folge über Inzidenz 100 liegt. Das könnte am Montag der Fall sein. Was würde dann passieren im Kreis Recklinghausen?

Möglich wäre es, eine weitere Maskenpflicht zu verordnen, oder auch, dass es weniger Kontakte im privaten Bereich gibt. Man müsste dann auch überlegen, ob man Lockerungen zurücknimmt. Aber glauben Sie mir, Lockerungen zurückzunehmen wie etwas das Einkaufen per Click & Meet, das würde keiner gerne machen, und deswegen wird man sich bei diesen Maßnahmen auch ganz genau über die Wirkung unterhalten müssen. Denn ich finde es immer sehr schwierig und auch sehr schade, Dinge einzuschränken oder sogar dicht zu machen, wo wir in der Vergangenheit nicht die riesengroßen Infektionsgeschehen hatten. Beim Einkaufen gibt es beispielsweise überzeugende Hygienekonzepte. Dann hab ich da große Schwierigkeiten, diese Läden wieder an der Ausübung ihrer Tätigkeit zu hindern. Wir schränken damit Grundrechte ein. Das ist nichts, was man mal eben schnell so machen kann. Und es muss eine hinreichende Wahrscheinlichkeit geben, dass mit diesen Maßnahmen dann auch die Inzidenz zurückgeht.

Ist das aber nicht gerade die Krux? Es sagt doch fast jeder Gastronom oder Händler: „Bei uns ist doch noch nie was passiert.“ Vieles resultiert doch aus falschem Verhalten im Privaten, weil sich Menschen nicht beschränken. Eigentlich bleibt Ihnen nur der Appell, oder?

Ja, genau. Man muss es den Leuten immer wieder sagen. Jeder Kontakt, der nicht stattfindet, ist im Pandemie-Sinne ein guter Kontakt, wenn Sie so wollen. Aber wir werden nicht müde, immer wieder darauf hinzuweisen, sich an die Regeln zu halten.

Am Montag könnte beim Treffen der Kanzlerin mit den Ministerpräsidenten der nächste Lockdown beschlossen werden. Rechnen Sie damit, dass verschärft wird und, zweite Frage, hoffen Sie darauf?

Über den Autor
Castrop-Rauxel und Dortmunder Westen
Fühlt sich in Castrop-Rauxel und im Dortmunder Westen gleichermaßen zu Hause. Mag Politik, mag Kultur, mag Sport, respektiert die Wirtschaft und schreibt zur Not über alles, was anfällt.
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Matthias Langrock

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